09. November 2020 / 18:33 Uhr

Hohes Verletzungsrisiko: SC DHfK Leipzigs Mannschaftsarzt warnt vor englischen Wochen

Hohes Verletzungsrisiko: SC DHfK Leipzigs Mannschaftsarzt warnt vor englischen Wochen

Tilman Kortenhaus
Leipziger Volkszeitung
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Die Belastbarkeit der Spieler war nach der Corona-Pause geringer als üblich. © Klaus Trotter Photography
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Aufgrund der aufgestockten Liga muss der SC DHfK Leipzig vier zusätzliche Partien bestreiten. Dadurch hat das Team von Coach André Haber mehr englische Wochen, die laut Mannschaftsarzt René Toussaint das Verletzungsrisiko deutlich erhöhen.

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Leipzig. Die Handball-Bundesliga ist größer denn je, die Hallen in diesen Tagen gespenstisch leer und die mentale wie physische Belastung für die Spieler enorm. Die Profis müssen bis Mai, aufgrund der aufgestockten Liga, vier zusätzliche Partien bestreiten und haben deutlich häufiger englische Wochen vor sich. Für zahlreiche Stars kommen Nationalmannschaftseinsätze, wie aktuell in der EM-Qualifikation, oder Spiele im EHF-Cup hinzu.

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Doch die vielen Matches kommen mit einem teuren Preis. „Eine erhöhte Belastung im Wettbewerb führt zu mehr Verletzungen“, erklärt Dr. René Toussaint, Mannschaftsarzt der DHfK-Handballer und Facharzt für Orthopädie. Mit Blick auf die Corona-Pandemie sieht der Mediziner ein weiteres Problem, da die Spieler zwischen März und Mai nur in den eigenen vier Wänden trainieren konnten. „Ein Test an der Uni-Klink hat gezeigt, dass die Belastbarkeit unserer Spieler nach der Corona-Pause geringer war“, so der Orthopäde.

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Im Rahmen des Sportsymposiums in der City Tagung Leipzig am vergangenen Wochenende präsentierte Toussaint zahlreiche Verletzungsstatistiken der Bundesliga und berichtete über die medizinische Betreuung am Spielfeldrand aus erster Hand. Eine Zahl, die herausstach: Der durchschnittliche Bundesliga-Handballer ist 30 Tage pro Saison verletzt – Tendenz steigend.

Größte Risiko tragen Rückraumspieler und Kreisläufer

In einer so gebündelten Saison wie dieser werden Trainer wohl noch länger auf ihre Spieler verzichten müssen. „Zwischen der Bundesligasaison 2014/15 und 16/17 gab es eine Steigerung von 19,2 Prozent der aufgezeichneten Verletzungen“, berichtet der Leipziger Arzt.

Das größte Risiko tragen Rückraumspieler und Kreisläufer – vor allem Knie-, Sprunggelenk- und Schulterverletzungen seien häufige Probleme. Entgegen der Erwartungshaltung sind dafür aber bei weitem nicht immer die gegnerischen Spieler verantwortlich. „Nur eine aus fünf Verletzungen entsteht durch ein direktes Foulspiel“, so Toussaint.

Durch die aktuellen Corona-Infketionen innerhalb der Mannschaft sind die Grün-Weißen in Quarantäne und müssen sich erneut mit Home-Workouts fit halten. Die Nationalspieler des SC DHfK konnten deshalb nicht zu ihren EM-Qualifikationsspielen anreisen. „So schön es für einen Verein auch ist, viele Nationalspieler zu haben – es ist auch immer ein Risiko“, ordnet Toussaint ein.

Toussaint sieht Vorteil für Medizin

Der Leipziger betont trotz der teilweise erschreckenden Verletzungen und Statistiken wie sehr er den Sport liebt, die Atmosphäre beim Handball genießt, die Zusammenarbeit mit dem SC DHfK schätzt. „Wir treffen uns regelmäßig mit den Trainern für intensive Gespräche“, lobt der Mediziner.

Das nächste Spiel der Grün-Weißen steht am 22. November gegen Lemgo Lippe an. Positiv betrachtet, geben die knapp drei Wochen Spielpause den Handballern von Cheftrainer André Haber eine gewisse Regenerationszeit, die helfen könnte, das Verletzungsrisiko zu minimieren. Auf der anderen Seite müssen die Spiele gegen Essen und Balingen wiederholt werden – gut möglich, dass so weitere englische Wochen entstehen und sich weitere Spieler verletzen.

Doktor Toussaint sieht darin aber auch einen Vorteil. Wohl nicht für die Spieler, Fans oder den Verein – aber für die Medizin. Der Orthopäde erläutert: „Ärzte werden im Spitzensport immer gefragt: ,Wann ist er wieder fit? Geht das nicht schneller?‘ Aus diesem Zeitdruck heraus wurden schon viele neue Innovationen geschaffen, die nun auch außerhalb des Profisports angewandt werden.“