17. September 2021 / 07:26 Uhr

Verpatzter Saisonstart: Warum es bei RB Leipzig bisher nicht läuft

Verpatzter Saisonstart: Warum es bei RB Leipzig bisher nicht läuft

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
MANCHESTER, ENGLAND - SEPTEMBER 15: Jesse Marsch, Head Coach of RB Leipzig reacts during the UEFA Champions League group A match between Manchester City and RB Leipzig at Etihad Stadium on September 15, 2021 in Manchester, England.
Jesse Marsch bemüht sich, seine Mannschaft zum Erfolg zu führen. © Getty Images
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Es läuft nicht bei RB Leipzig. Jüngstes Beispiel: das 3:6 bei Manchester City. Im Etihad Stadium war bei weitem nicht alles schlecht, gab es tolle französische Momente dank Christopher Nkunku. Aber es war eben auch bei weitem nicht alles gut, vor allem bei der nonchalanten Herangehensweise in der Abwehr. Guido Schäfer erklärt, warum der deutsche Vizemeister bisher nicht in Tritt kommt.

Manchester. 3:6! Die Roten Bullen gehen bei Manchester City mit fliegenden Fahnen unter. Die Offensive macht es unter der Regie des genialen Franzosen Christopher Nkunku besser als erwartet, die Abwehr steht offen wie eine sächsisch-orthodoxe Cordhose, die reißverschlusstechnisch klemmt. 3:6, ein Ergebnis wie beim Tennis am (brennenden) Roten Baum. Mit dem Unterschied, dass sich im Etihad Stadium weder weitere Sätze noch ein Tiebreak anschließen. 3:6, nix für zart Besaitete.

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Mintzlaff: "Wir dürfen nicht in Panik verfallen"

Der dreifache RB-Torschütze Nkunku und seine Kollegen müssen bis zum Rückspiel am 7. Dezember warten, um diese Niederlage gegen diesen Gegner in Gruppe A der Champions League zu korrigieren. Bis dahin gilt es, den Trend, der in vielerlei Hinsicht gegen RB läuft, umzukehren. Dass wunderbar besetzte Mannschaften und fähige Trainer in ungute Fahrwasser kommen können, erlebten der BVB und Jürgen Klopp in der Saison 2014/2015. Die hochdekorierten Dortmunder ließen auf groteske Weise Punkte, standen nach der Vorrunde auf Platz 18 (!), retteten sich auf Platz sieben. Danach enterte Klopp die Anfield Road.

Abflug: Nach dem für neutrale Beobachter fantastischen und für Trainer grausamen Spiel war vor dem nächtlichen Heimflug Manchester - Leipzig. Die RB-Reisegruppe kam gegen vier Uhr am Donnerstag im heimischen Bett an. Um 16 Uhr wurde trainiert. Am Sonnabend, 18.30 Uhr, wird die Partie beim 1. FC Köln angepfiffen. Die Kölner liefern unter Coach Steffen Baumgart eine Vollgas-Veranstaltung nach der anderen ab. Sagen wir es so: Die Rasenballer haben sich schon in komfortableren Situationen befunden. „Wir dürfen nicht in Panik verfallen, müssen in Köln dagegenhalten“, sagt RB-Boss Oliver Mintzlaff am Flughafen Manchester. Will heißen: Rein in jeden krachenden Zweikampf, ab in jedes Sprintduell. Dazu braucht es Mentalitätsspieler wie Mohamed Simakan, Josko Gvardiol oder auch Amadou Haidara. Wenn RB die Primärtugenden ins Grün presst, klappt‘s auch mit den Punkten.

Fünf Gründe: Deshalb läuft's (noch) nicht

Erstens: Neues Spiel, noch kein neues Glück. Neu-Coach Jesse Marsch mag es ohne Umschweife, schnell und steil Richtung Strafraum. Dieser Stil unterscheidet sich fundamental von der Herangehensweise der vergangenen beiden Spielzeiten, als Julian Nagelsmann ganz im Geiste von Pep Guardiola den Ballbesitz kultivierte, sich den Gegner zurechtlegte und dabei immer an die berühmte Restverteidigung dachte. Die Balance stimmt momentan nicht, ebenso wenig die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen. Wobei sich mit Blick aufs mäßige Sprintvermögen der Offensivkräfte eh die Frage stellt, ob das blitzartige Umschalten plus Spiel in die Spitze nicht schon auf athletische Grenzen stößt. André Silva ist kein Timo Werner.

Zweitens: Neue Spieler, alte Spieler, Formschwächen. Der nicht verhinderbare Weggang von Dayot Upamecano wiegt schwer, der dynamische Bär von einem Mann hat seine Gegenspieler förmich aufgefressen, sorgte für Fragezeichen über den Häuptern der Angreifer. Soll ich gegen diesen Typen ins Sprintduell gehen? Macht ein Dribbling Sinn? Oder lass‘ ich das Bällchen lieber prallen und schieß dann halt nächste Woche ein Tor? Upa hatte eine natürliche Autorität, unterband so vieles schon im Ansatz. Mohamed Simakan hat glänzenden Ansätze, ist aber noch kein Upamecano. Kein Wunder, dass RB Maxence Lacroix holen wollte. Dass ein Marcel Sabitzer jeder Mannschaft gut tut, hat sich rumgesprochen. Diese Trennungsschmerzen werden schlagartig kleiner, wenn Ilaix Moriba einschlägt wie ein Neeskens-Elfer. Erschwerend hinzu kommt, dass Männer wie Angeliño oder Dominik Szoboszlai ein Stück weit von ihrer Bestform entfernt sind.

Drittens: Schon Jean-Paul Sartre wusste, dass die Anwesenheit des Gegners das eigene Tun und Wege ins Glück kolossal verkompliziert. Die Bayern waren diesbezüglich unlängst besonders störend, die Citizens nicht minder. Wie unfassbar gut Manchester City besetzt ist, zeigt der Blick auf jene Fußballer, die sich Pep Guardiola für später aufhob. Raheem Sterling, Ilkay Gündogan, Phil Foden und so weiter. Alle Weltklasse, alle oberes Fach. Manchester ist eingespielt, hat 34 Matchpläne und hätte den Teppich jederzeit höher schweben lassen können.


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Viertens: Erst hatten sie kein Glück, dann kam Pech dazu. Das nicht ganz unwesentliche Matchglück hat sich mit dem ersten Leipziger Spiel in Mainz verabschiedet und ward seitdem nicht mehr gesehen. Kevin Kampls Elfmeter gegen die Bayern. Thomas Müllers Nicht-Elfmeter im selben Spiel. Lukas Klostermanns Elfmeter in Manchester. Die nicht verfolgte City-Grätsche gegen Nkunku im selben Spiel. Das wegen dreieinhalb Zentimetern Abseits nicht gegebene Silva-Tor gegen die Bayern. Die verlorenen Unentschieden-Spiele in Mainz und Wolfsburg. Glück lässt sich zwingen, sagt man. Dann mal los.

Fünftens: Individuelle Fehler, brachiale: Kein Trainer oder System der Welt kann etwas für Aussetzer, die sich das kickende Bodenpersonal leistet. Bei diesem Thema liegt RB weit vorne. Nordi Mukiele setzte den Mainzer Zug via Bogenlampe aufs Gleis und köpfelte das 2:0 für Manchester. Ein brillanter Peter Gulacsi hätte weder das 0:1 in Wolfsburg noch das 0:1 in Manchester kassiert. Tyler Adams ist vorm 4:2 von Manchester nicht von/auf dieser Welt.

Ein Sieg in Köln würde das Licht im Keller anknipsen.