26. März 2021 / 22:49 Uhr

Vertrag, Planung, Champions League: Wolfsburg-Trainer Glasner im großen Interview

Vertrag, Planung, Champions League: Wolfsburg-Trainer Glasner im großen Interview

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Oliver Glasner im Interview.
Oliver Glasner im Interview. © Britta Schulze
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Die Bundesliga macht Länderspielpause, danach geht es in den Saison-Endspurt. Oliver Glasner, Trainer des VfL Wolfsburg, spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über die Champions League, seinen Vertrag – und Emoji-Nachrichten von seiner Frau.

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Ob er am Saisonende bleibt, wurde auch in diesem Gespräch nicht klar – aber ansonsten ließ sich Oliver Glasner vieles entlocken. Im großen SPORTBUZZER-Interview sprach der Trainer des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg über seinen Vertrag, die Fragen seiner Familie, die Entwicklung seiner Mannschaft und die Aussichten auf die Champions League. Und der 46-jährige Österreicher machte klar, dass es für die kommende Saison nicht darum gehen kann, den Kader für Europa einfach nur zu vergrößern.

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Ihr Vertrag beim VfL läuft noch bis 2022, soll jedoch eine Ausstiegsklausel beinhalten. Auf die Frage, ob Sie auch in der nächsten Saison noch hier Trainer sind, gab es von Ihnen zuletzt kein klares Ja. Warum nicht? Sie könnten das Thema auf diese Art beenden.

Als Claudio Ranieri mit Leicester City in England Meister und ein paar Monate später trotzdem entlassen wurde, habe ich aufgehört, darüber nachzudenken, was bei mir in drei Monaten sein könnte. Denn es ist doch klar, dass im Fußball viel passieren kann, das habe ich ja schon oft genug gesagt. Fakt ist, dass ich einen Vertrag bis 2022 habe – also einen Vertrag auch für die nächste Saison.



Wenn Sie das so formulieren, werden Sie damit leben müssen, dass Sie weiter mit einigen anderen Klubs in Verbindung gebracht werden – ist es Ihnen völlig egal, dass weiterhin geschrieben wird, dass Sie den VfL im Sommer möglicherweise verlassen könnten?

Natürlich bekomme ich das mit. Ich habe gelernt, die heutige Medienlandschaft so zu akzeptieren wie sie ist. Es schreibt jemand etwas auf – und erzeugt damit im Internet Reichweite. Und schon ist man omnipräsent. Genau so ist das mit den sozialen Medien, aber das bekomme ich zum Glück nicht mit, weil ich da nicht unterwegs bin.

Aber Ihre Kinder sind es...

...ja, leider. Ich versuche, sie zu sensibilisieren, aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es ist schwierig, weil die sozialen Medien eben große Kommunikationsplattformen für sie sind.

Wie geht Ihre Familie damit um, wenn es medial mal wieder etwas lauter wird um Sie?

Meine Mutter ist über 70 und ist wegen Corona natürlich viel mehr zu Hause. Sie verfolgt daher sehr viel, was im Internet steht. Vor kurzem hatte ich auf meinem Handy eine Mitteilung von ihr, in der sie fragte, ob ich zu diesem oder jenem Verein gehe.

Und was haben Sie ihr geantwortet?

Dass sie nicht alles glauben soll, was da steht (grinst). Ich würde es ihr vorher erzählen. Meine Frau hat mir auch mal eine Nachricht mit so einem Überraschungs-Emoji und der Frage geschickt: Was steht denn da schon wieder? Da hab’ ich ihr geantwortet: Du wärst sicher die Erste, der ich es sagen würde, wenn das so gewesen wäre...

Sie erzählen das jetzt alles mit einem Schmunzeln und wirken dabei sehr relaxt...

Ich bin so. Natürlich liest man lieber positive Schlagzeilen über sich selbst. So etwas ist mir lieber, als wenn irgendwo stünde: Bei Erfolglos-Trainer Glasner ist es nur eine Frage von Tagen, bis er weg ist! Mein Wohlbefinden beeinflusst das alles jedoch nicht. Meine Arbeit auch nicht. Ich muss meinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Ich bin Trainer aus Leidenschaft und möchte zusammen mit den Spielern etwas bewirken können – dieses Gefühl brauche ich für meine innere Zufriedenheit.

Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga

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Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga ©

Dritter mit 51 Punkten und 45:22 Toren nach 26 Spieltagen – auf welche Zahl achten Sie besonders, wenn Sie auf die Tabelle schauen?

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Auf die Punkte natürlich. Und auf unser Torverhältnis. Als ich Trainer in Linz war, war es das Ziel aufzusteigen. Damals haben wir gesagt: Man braucht einen Zwei-Punkte-Schnitt. Und in der Regel hast du den, wenn du in etwa doppelt so viele Tore schießt wie du bekommst. Das trifft bei uns jetzt auch zu.

Sie haben bei Sky Austria gesagt: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so mittendrin im Kampf um die Champions-League-Plätze sind.“ Womit haben Sie denn gerechnet?

Als ich kam, war das Ziel nach zweimal Relegation und dann Platz sechs, sich in dieser Tabellenregion zu stabilisieren. Im vergangenen Jahr ist uns das mit Platz sieben gelungen. Im Sommer konnten wir den Stamm der Mannschaft halten und haben uns gut verstärkt. Wir wollten mehr Punkte holen als in der Vorsaison, aber es gab hier keinen, der gesagt hat: Ihr müsst jetzt Dritter werden.

In den ersten Wochen der Saison sah es nicht danach aus.

Der Start war extrem schwierig und ich muss im Nachhinein sagen: Die Phase mit Europa League zu Ende spielen, mit wenig Urlaub, keiner richtigen Vorbereitung und dann sieben Spielen in drei Wochen, habe ich unterschätzt.

Inwiefern?

Sieben Spiele in den ersten drei Wochen einer Saison kannte ich zwar aus Österreich, aber mit sechs Wochen Vorbereitung. Wir hatten hier zwei – und keinen richtigen Urlaub. Wir waren physisch und mental noch nicht so weit. Trotzdem haben wir es damals geschafft, in der Liga ungeschlagen zu bleiben.

Und dann gab’s das Last-Minute-Aus in der Europa-League-Quali in Athen.

Danach haben wir uns mit den Spielern zusammengesetzt. Ich habe damals gesagt: Es gibt immer zwei Wege, wie man mit solchen Niederlagen umgehen kann. Einerseits kann man hadern, Ausreden oder Schuldige für die Niederlage suchen. Oder aber man hinterfragt sich selbst, krempelt die Ärmel hoch und blickt nach vorn. Und wir haben uns hinterfragt, die Ärmel hochgekrempelt, nach vorn geschaut und Spiele gewonnen.

Nach dem Sieg in Bremen haben wir in der AZ/WAZ getitelt: „Wolfsburg und die Champions League: Kann das noch schiefgehen?“ Wie ist Ihre Meinung?

Für mich ist klar: Zieht die Mannschaft weiterhin so gut mit und kommen alle Spieler gesund von ihren Nationalmannschaften zurück, dann werden wir noch viele Punkte holen.

Klingt jetzt sehr nach Understatement.

Ich sage das jetzt nicht so, weil ich vorsichtig sein will, sondern aus Erfahrung. Es macht wenig Sinn, schon jetzt über das vorletzte Spiel in Leipzig zu sprechen.

Aber jeder, der den VfL spielen sieht, sagt: Diese Mannschaft kommt in die Champions League.

Noch mal: Wenn die Jungs so fit bleiben und weiterhin im Training so mitziehen, ist die Champions League absolut möglich für uns. Aber es gibt noch viele Unwägbarkeiten.

Schauen wir auf die neue Saison – muss der Kader größer werden?

Nein, nicht zwingend. Ich hab’ mir das mal genauer angesehen: Wir haben 14 Feldspieler, die 35 Prozent oder mehr Einsatzzeit haben, also sehr regelmäßig spielen. Der 15. in dieser Liste hat nur 22 Prozent aller Minuten gespielt. Wir haben jede Position doppelt besetzt.

Und wenn in der neuen Saison noch ein Wettbewerb dazukäme?

Dann sind wir immer noch gut besetzt, sollten uns jedoch in der Spitze verstärken, nicht in der Breite. Wir haben ein paar Spieler, die mehrere Positionen spielen können. Da sind zum Beispiel Ridle Baku, Renato Steffen, Yannick Gerhardt oder Josh Guilavogui, der auch in der Innenverteidigung spielen könnte. Und unsere Offensivspieler, die wir haben, können in unserem System alle drei Positionen hinter der Spitze spielen, weil wir eben keinen Spieler haben, der nur auf der Linie klebt.

In der Hinrunde reichte es noch nicht ganz, Deutschlands Top-Teams Bayern und Dortmund zu schlagen. Ihre Mannschaft hat aber gerade in der Rückrunde noch mal einen Schritt nach vorn gemacht – kann sie nun auch Bayern und Dortmund besiegen?

Die Saison hat gezeigt: Wenn wir richtig gut spielen, sind wir in der Lage, gegen jede Mannschaft mitzuhalten. Gegen jede! Wir haben in dieser Saison erst drei Spiele verloren, wir sind als Team sehr stabil. Aber schauen Sie sich Liverpool an, die drei oder vier Jahre kein einziges Heimspiel verloren haben und jetzt plötzlich sind es sechs hintereinander. Ich bleibe vorsichtig, weil der Fußball fast jedes Jahr eines schafft: Dinge, die man für sicher hielt, dann doch zu widerlegen.

Wenn ein Spieler mal ausgespielt ist, ist der nächste schon da und hilft – dieser Zusammenhalt auf dem Platz ist im Teamsport extrem wichtig. Wann haben Sie gemerkt, dass dieses Denken jetzt drin ist in den Spielerköpfen?

Das war schon in der vergangenen Saison so. Ich glaube, der größte Unterschied zu damals ist, dass wir das jetzt konstant abliefern. Die Spieler bekommen von uns immer dieselben Inputs. Ich verlange von ihnen, dass sie in jedes Training mit dem Ziel gehen, sich verbessern zu wollen. Ich möchte nicht, dass sie denken: Der Trainer sagt mir, was ich zu tun habe und ich spule das ab und dann gehe ich wieder nach Hause.

Und wie weit ist dieser Prozess?

Im Vergleich zu meiner Anfangszeit hier haben sie auch da einen großen Fortschritt gemacht. Als ich anfangs meine Spieler gefragt habe: „Was glaubt ihr, warum machen wir jetzt diese Übung?“, kam als Antwort meistens ein Schulterzucken. Jetzt haben sie richtige Antworten auf diese Frage – weil sie sich damit beschäftigen, wie wir spielen wollen.

Wie schaffen Sie es, dass Spieler so etwas aufsaugen und es bei ihnen nicht links rein und rechts rausgeht, wie man so schön sagt?

Ich hatte in Linz mal einen sehr erfahrenen Spieler, der dann gewechselt ist. Bevor ich nach Wolfsburg gegangen bin, hat er zu mir gesagt: „Trainer, Sie sind uns oft auf die Nerven gegangen, aber sie hatten immer Recht.“ Ich weiß, ich fordere viel, aber wenn wir weiterkommen wollen, entscheiden Kleinigkeiten. Da wird es etwa darum gehen, wie schnell erkenne ich Situationen, wie schnell biete ich mich auf dem Platz an? Biete ich mich mit 80 Prozent Tempo an? Oder mache ich das mit 100 Prozent? Mache ich das mit 80 Prozent, ist ein Mats Hummels den Schritt schneller und klaut mir den Ball. Wie oft treffe ich richtige Entscheidungen? Was ich damit sagen will: Je höher das Niveau der Gegner ist, desto schneller musst du die Situationen erkennen und Entscheidungen treffen.

Kapitän Guilavogui, Pongracic oder zuletzt auch Brekalo waren nicht erste Wahl. Ganz grundsätzlich: Fällt es Ihnen schwer, einem Spieler sagen zu müssen, dass er nicht in der Startelf steht?

Das ist für mich das Unangenehmste am Trainerjob. Wir haben super Jungs, super Menschen, mit denen ich auch gern abseits des Fußballplatzes mal über Dinge quatsche. Und wenn ich sehe, wie sich Spieler in der Trainingswoche bemühen – und sie dann enttäuschen zu müssen, ist verdammt schwer.

Sagen Sie einem wichtigen Spieler wie Ihrem Kapitän persönlich, dass es nicht für die Startelf reicht?

Das handhabe ich ganz unterschiedlich. Mal sage ich das den Spielern unter vier Augen, mal in der Besprechung.

Sind Sie verwundert darüber, dass Josuha Guilavogui, der durchaus gefrustet ist, weil er eben nicht mehr regelmäßig spielt, seinen Frust nicht öffentlich macht?

Nein, gar nicht. Ich erwarte, dass die Spieler zu mir kommen, wenn es etwas zu besprechen gibt. Wenn ich etwas auf dem Herzen habe, sage ich es ihnen ja auch. Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig.

Vor einem halben Jahr, nachdem es öffentlichen Zwist in Sachen Kaderplanung gegeben hatte, waren sie gefühlt vorzeitig weg. Ein halbes Jahr später sind Sie mit dem VfL Dritter und werden mit anderen Klubs in Verbindung gebracht – spüren Sie Genugtuung?

Nein. Ich hatte auch in keinster Weise das Gefühl, dass ich schon fast weg bin. Genugtuung bekomme ich, wenn ich die Spieler hier auf dem Platz sehe, wenn ich an unser zweites Tor in Bremen denke oder an unser Spiel in der vergangenen Saison gegen St. Etienne, als Paulo Otavio in seinem ersten Spiel für uns das Siegtor erzielt und Jerome Roussillon, der dieselbe Position spielt, ihm als erster um den Hals fällt. Das ist für mich Genugtuung, fußballerische Entwicklung und Zusammenhalt. Da bekomme ich sogar Gänsehaut, wenn ich drüber rede. Für Momente wie diese bin ich Trainer geworden.

Aber...

...es gibt immer mal Zeiten, in denen ist es ruhiger um einen selbst ist – oder die Schlagzeilen negativer sind. Und in Zeiten wie jetzt, in denen es für uns gut läuft, bin ich keiner, der sich zu Hause die Arme runterziehen lässt, weil ich nur so (streckt die Arme nach oben) durch die Straßen laufe. Glauben Sie mir: Ich kann das alles gut einordnen.

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