23. Dezember 2019 / 18:44 Uhr

VfB-Jungs halfen ihm aus dem Psycho-Loch

VfB-Jungs halfen ihm aus dem Psycho-Loch

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
Voll in seinem Element: Stefan Burkutean gibt wieder Aqua-Fitness-Kurse und Jugend-Fußball-Training. Die Folgen des Unfalls mit dem Mannschaftsbus des VfB Peine sind besiegt.
Voll in seinem Element: Stefan Burkutean gibt wieder Aqua-Fitness-Kurse und Jugend-Fußball-Training. Die Folgen des Unfalls mit dem Mannschaftsbus des VfB Peine sind besiegt. © Foto: Ralf Büchler
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Happy End nach A7-Unfall: Jugend-Betreuer Stefan Burkutean genießt das Leben wieder. Er hatte den Bus gefahren, in dem sieben Jungs des VfB Peine verunglückten, und war danach in ein psychisches Loch gefallen. Doch alle haben überlebt, und Burkutean ist aus dem Loch heraus. Einen Vereinsbus will er aber nicht mehr fahren.

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Er hüpft, lacht, haut kesse Sprüche raus, wirft zur Aufheiterung schon mal einen Plastik-Stuhl ins Wasser und feuert die Teilnehmer seiner Aqua-Fitness-Kurse lautstark an. „Noch fünf, noch vier, noch drei...“ Wer Stefan Burkutean im Dezember als Übungsleiter und Einheizer im Peiner P3-Bad erlebt, der kann kaum glauben, dass dieser Wirbelwind im Sommer so antriebslos und psychisch labil war, dass sein Arzt ihn drei Monate krankgeschrieben hat. Der Lengeder quälte sich durch ein „schwarzes Loch“ – weil er der Fahrer des Mannschaftsbusses war, der mit den C-Jugend-Fußballern des VfB Peine auf der Autobahn 7 schwer verunglückte. „Der 11. Mai war der schwärzeste Tag meiner Übungsleiter-Tätigkeit“, sagt der 54-Jährige.

Wieso, weshalb, warum? An das Unfallgeschehen in einer Baustelle bei Rhüden kann sich Stefan Burkutean bis heute nicht erinnern. Was er aber ziemlich sicher weiß: „Wir hatten acht Schutzengel an Bord.“

Der Bus war ein Totalschaden, der Betreuer und die sieben Jugendkicker wurden bei dem Unfall auf der Rückfahrt von einem Landesliga-Punktspiel verletzt, doch alle haben überlebt. Als Stefan Burkutean im Rettungswagen aufwacht, „sah ich aus, als ob ich in einen Scherbenhaufen gefallen bin“. Die Ärzte müssen ihm überall Splitter entfernen. Dass der 54-Jährige im linken Daumen kein Gefühl mehr hat, ist die körperliche Folge des Unfalls. Glasscherben und der Aufprall zerrissen ihm die Nerven im Finger. Im Helios-Klinikum in Hildesheim wurden die Nervenhüllen zwar wieder zusammengenäht, ob das Gefühl zurückkommt, ist aber ungewiss.

Doch schlimmer als die OP und die eine Woche im Krankenhaus waren die psychischen Folgen. Ein Ehrenamtlicher will als Fahrer Gutes tun – und dann das. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung, Stefan Burkutean macht sich Vorwürfe, er fürchtet sich vor den Reaktionen der Eltern und Jugendkicker, kriegt Atemnot und eine Angstattacke, als er einen silbernen Mannschaftsbus sieht, der dem Unfallauto des VfB ähnelt.

Er ärgert sich über Schwätzer, die gar nicht dabei waren aber „ganz genau wussten, wie der Unfall passiert ist“. „Und zu Hause war ich total lustlos, ich war in einem richtigen schwarzen Loch“, sagt er.

Nicht einmal zu seinen geliebten Hobbys zieht es ihn in dieser Zeit. Als ausgebildeter Präventionstrainer mit B-Lizenz arbeitet Stefan Burkutean neben seinem Hauptberuf im Sicherheitsdienst bei der Salzgitter AG als Gesundheitstrainer für Peiner Vereine wie den SV Lengede und VT Union Groß Ilsede, gibt Aqua-Fitness-Kurse bei der Kreisvolkshochschule und dem Deutschen Roten Kreuz, trainiert die E-Jugend-Fußballer beim VfB Peine. Darin geht er eigentlich auf. „Als Trainer möchte ich meinen Gruppen Spaß vermitteln – doch das konnte ich nicht“, sagt der Lengeder.

Deshalb entscheidet sich der Jugendbetreuer dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – und muss feststellen, dass das in Deutschland derzeit schwieriger ist, als den FC Bayern zu schlagen. Von der Berufsgenossenschaft bekam er zwar eine Liste mit Psychotherapeuten. Doch auch nach dem siebten Anruf hatte er keinen Termin mehr für 2019 ergattert. „Erst nachdem die Berufsgenossenschaft noch einmal nachgehakt hat, durfte ich in eine Akut-Sprechstunde“, erzählt Stefan Burkutean.

Die Gesprächs-Therapie schlägt an. Und besser als jedes Medikament wirkt das erste große Wiedersehen mit allen Spielern und dem Trainerteam des VfB Peine. Als Volkswagen dem Verein im Juni einen neuen Bus spendiert, bittet Trainer Christoph Hasselbach den Betreuer, unbedingt dabei zu sein. Der ringt mit sich. „Ich hatte Angst, dass die Jungs nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.“ Doch das Gegenteil war der Fall. Und das zeigten die Spieler mit Umarmungen und Abklatschen. „Diese Herzlichkeit tat so gut, das war für mich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.“

Zwei Tipps gibt Stefan Burkutean deshalb Personen, die in so eine Lage kommen, wie er. Erstens: Sich professionelle Hilfe holen. „Keine Scheu, man unterschätzt das!“ Und zweitens: „Sich offensiv der Situation stellen, auch wenn es Magenschmerzen bereitet.“ Die hatte Stefan Burkutean nach dem herzlichen Wiedersehen mit den VfB-Jungs nämlich nicht mehr.

Weg sind inzwischen auch die letzten Sorgen: Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. So richtig erleichtert war der Lengeder trotzdem zunächst nicht, als er den Brief las. Für Abschleppkosten, Blutuntersuchung und Einsatz der Rettungskräfte sollte er 2100 Euro zahlen. Doch auch das klärt sich: Die Rechtsschutzversicherung springt ein, rund 800 Euro übernimmt der VfB Peine. Ohnehin: „Wie der Verein sich für mich eingesetzt hat, fand ich bemerkenswert“, lobt Burkutean.

Auto fahren darf er inzwischen auch wieder. Aufgrund der Ermittlungen nach einem Unfall mit unklarem Hergang war ihm das drei Monate lang untersagt. „Emotional war ich in dieser Zeit ohnehin nicht in der Lage dazu“, sagt der Lengeder.

Er stieg aufs Rad um, fuhr damit auch zu den Ergo-Therapie-Anwendungen nach Salzgitter. Seit er wieder arbeitet, fährt der Vater der beiden bekannten Lengeder SVL-Fußballer Marcel (20) und Kevin Burkutean (23) auch wieder Auto. Aber ans Lenkrad eines Mannschaftsbusses setzen und Jugendliche oder Kinder mitnehmen will er nicht mehr. „Die Verantwortung möchte ich nicht mehr übernehmen.“

Auf Weihnachten freut er sich. „Es geht mir gut.“ Es gibt Raclette im engsten Familien-Kreis, und Stefan Burkutean ist sich sicher, dass viel gelacht wird. Er ist zurück in seinem alten Leben, das Unfall-Thema verwässert immer mehr. „Aber es gibt immer noch Phasen, in denen ich mich frage: Was wäre passiert, wenn ein Kind gestorben wäre? Ich würde nie wieder glücklich werden.“ Dann denkt er lieber an die guten Seiten, die der Unfall hervorbrachte: Den beeindruckenden Zusammenhalt der Mannschaft und die imponierende Fair-Play-Aktion der Landesliga-Gegner des VfB: „Da habe ich gesehen, was Sport für eine Kraft hat“, sagt Stefan Burkutean.