12. Juli 2019 / 17:29 Uhr

VfB Lübeck: Die ersten 100 Jahre

VfB Lübeck: Die ersten 100 Jahre

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Lohmühle, August 2010: Der VfB Lübeck hat mit einem 2:1-Sieg über den Chemnitzer FC am vorletzten Spieltag den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft.
Lohmühle, August 2010: Der VfB Lübeck hat mit einem 2:1-Sieg über den Chemnitzer FC am vorletzten Spieltag den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft. © Christine Silz
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Gründung, Verbot, Aufstieg, Insolvenz: Die Geschichte des VfB Lübeck hat schillernde und bittere Kapitel. Ein Streifzug durch ein wechselvolles Jahrhundert.

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Sommer 1919. Das Deutsche Reich ächzt unter der den Folgen eines verlorenen Weltkriegs. Die Zeiten sind unruhig, die Lebensbedingungen schwierig. Doch zehn junge Leute, zwischen 15 und 25 Jahre alt und rund um Hansestraße und Fackenburger Allee in Lübeck beheimatet, profitieren von den neuen Verhältnissen – als Mitglieder der Arbeiterklasse haben sie dank der SPD-Regierung Rechte und Freizeit gewonnen. Nachdem sie bereits einige Monate als Straßenfußballclub Hansa gekickt haben, machen sie aus dieser Mannschaft – vermutlich am 28. August 1919 – einen richtigen Verein, den Ballspielverein Vorwärts. Hier liegen die Wurzeln des heutigen VfB Lübeck. Vereinsfarben sind braun-weiß, das erste Vereinslokal ist Potzki’s Restaurant in der Schwartauer Allee 17b.

Die „Holze“ wird 1937 fertiggestellt

Fußball gespielt wird auf einem Bolzplatz in der Fackenburger Allee, Punktspiele werden aber im Hof der Kaserne ausgetragen. Dort hat die Sportvereinigung Polizei, der 1921 gegründete und sportlich wichtigste VfB-Vorläuferverein, einen Sportplatz errichtet, der bis zur Übernahme der Kaserne durch die Wehrmacht Ende des Jahres 1934 die fußballerische Heimat der Polizisten bleibt. Für den enteigneten Platz bekommt die SV Polizei, später in Polizei-SV und SG Ordnungspolizei umbenannt, die Lohmühle zugewiesen, die durch den von den Nazis 1933 verbotenen ATSV Lübeck (heute TuS 93) errichtet worden ist. Die heutige „Alte Holze“ wird 1937 fertiggestellt, ein Jahr später folgt die hölzerne Stehtribüne auf der Gegenseite.

Der BSV Vorwärts ist ebenfalls im Mai 1933 von den Nazis verboten worden. Bei der SV Polizei, die 1932 den LBV Phönix als fußballerische Nummer eins der Stadt abgelöst hat, werden demokratische Strukturen beseitigt, der (von den Nazis ernannte) Lübecker Polizeichef ist gleichzeitig der Vereinsführer. Die Polizei-Fußballer profitieren davon, dass durch die Wehrpflicht zahlreiche gute Fußballer in der Hansestadt landen – etwa Karl Wenzel, zwischen 1936 und 1950 der große Torjäger des Vereins, dessen Söhne Horst und Rüdiger später vom VfB bis in die Bundesliga durchstarten.

Auch während des Zweiten Weltkriegs geht der Spielbetrieb – mit immer mehr Einschränkungen – weiter. Noch am 22. April 1945 spielen die Polizisten gegen Schlutup auf der Lohmühle und verbuchen 115,30 Mark Zuschauereinnahmen. Zehn Tage später ist Lübeck von den Briten besetzt.

Neugründung nach dem Krieg

Die Vereine werden zunächst verboten. Erst am 15. September gibt die Militärregierung Genehmigung für Neugründungen. „Für uns als ehemalige Angehörige eines Polizeisportvereins mit überwiegend zivilen Aktiven war es besonders schwierig, wieder Fuß zu fassen“, berichtet Friedrich Grabner, ehemaliger Polizist, SPD-Mitglied und Gewerkschafter, von den Nazis 1933 aus dem Staatsdienst entlassen und aus dem Verein ausgeschlossen. Er ist politisch unverdächtig und leitet die Fusion des BSV Vorwärts mit den Polizisten zum heutigen VfB ein. Die wird am 20. September 1945 im Restaurant der Zuchtviehauktionshalle in der Schwartauer Allee von je sieben früheren Vorwärts- und Polizei-Mitgliedern schriftlich fixiert.

1948 kommen gegen St. Pauli 14 231 Zuschauer

Der neue VfB entwickelt sich zum Zuschauermagneten. Mit der Fußball-Mannschaft, der neben Wenzel bereits Idole wie Torwart „Jonny“ Felgenhauer und Verteidiger Max Hoppe angehören, und den Boxern bietet der Sport Abwechslung in der von Hunger und Wiederaufbau geprägten Nachkriegszeit. Schon 1948 sind gegen St. Pauli 14 231 Zuschauer auf der Lohmühle. „Sie waren teilweise bereits mit Stühlchen und Essentopf um 10 Uhr morgens angerückt“, berichtet das Sport-Megaphon und nennt mit Box-Legende Max Schmeling auch den prominentesten Besucher.

Fünfmal Oberligaauf- und -abstieg

Die Jahre in der erstklassigen Oberliga Nord – die Grün-Weißen steigen zwischen 1947 und 1963 fünfmal in diese Klasse auf und genauso oft wieder ab – gehören zu den Höhepunkten der Vereinshistorie. Legendär ist in der Saison 1957/58 das Heimspiel gegen den Hamburger SV: 17 000 sehen, wie Tore von Artur Leipert, Rolf Oberbeck und Walter Gawletta auf einem rutschigen, mit Torfmull aufgeschütteten Platz den norddeutschen Serienmeister mit 3:1 in die Knie zwingen. Knapp zwei Monate später wird Werder Bremen durch vier Oberbeck-Tore mit 8:3 von der Lohmühle gefegt. Entscheidend dafür ist auch der spätere Wirtschaftsratsvorsitzende Günter „Molle“ Schütt, der Werders Nationalstürmer Willi Schröder ausschaltet. „Merk dir meinen Namen: Ich heiße Schütt“, hat der dem prominenten Gegner nach der 2:7-Hinspielpleite zugeraunt und bekämpft ihn im Rückspiel mit allen legalen und illegalen Tricks. Die großen Tage des Frühjahrs 1958 haben jedoch kein Happy End. Eine Woche nach dem Werder-Sieg steigt der VfB durch ein 0:2 in Altona ab.

Entwicklung zum Regionalliga-Spitzenteam

Nach 1963 entwickelt sich das Team unter den Trainern Heinz Lucas und „Jockel“ Krause zu einem Spitzenteam der nun zweitklassigen Regionalliga. Der Höhepunkt ist 1969 erreicht. Im Kampf um die Bundesliga-Aufstiegsrunde besiegen die Grün-Weißen am vorletzten Spieltag den größten Rivalen FC St. Pauli mit 3:1, eine Woche später wird die Vizemeisterschaft durch ein 2:1 in Celle gesichert und von einigen tausend mitgereisten Fans gefeiert. Triumphal ist die Rückkehr mit dem Zug. „Der Bahnhof war schwarz vor Menschen“, erinnert sich Torwart Manfred Bomke. „Die Leute haben uns vor Begeisterung die Sachen vom Leib gerissen.“ Zum ersten Aufstiegsspiel gegen den SV Alsenborn zahlen 16 126 Fans Eintritt, doch der VfB hat durch viele Englische Wochen Kraft gelassen. Nur ein Punkt steht am Ende aus den Spielen gegen Alsenborn, Hertha Zehlendorf, den Freiburger FC und Aufsteiger Oberhausen.

Ab Mitte der 60er Jahre jagt eine Finanzkrise die nächste

Bereits in jenen Jahren kennzeichnen aber auch Krisen und Skandale den Weg des VfB. 1955 geht der sicher geglaubte Aufstieg verloren, weil in der „Affäre Kubsch“ ein Spielerpass illegal besorgt wurde. Ein Jahr später werden den Grün-Weißen wegen Verstößen gegen das Amateurstatut acht Punkte abgezogen. Ab Mitte der 1960er Jahre jagt eine Finanzkrise die nächste. 1972 ist eine Spielgemeinschaft mit dem Erzrivalen Phönix schon quasi beschlossen, scheitert aber am Veto des DFB. Anfang des Jahres 1973 droht erstmals der Konkurs, den der neue Vorsitzende Otto Görgens durch Vergleiche mit Gläubigern abwendet. Allerdings verzichtet der VfB unter dubiosen Umständen auf die neue 2. Bundesliga. Die Spieler sind nicht mehr zu motivieren, der VfB steigt von der zweitklassigen Regionalliga direkt in die viertklassige Landesliga Schleswig-Holstein ab. Hier gelingt mit Trainer Reinhold Ertel ab 1976 der Aufstieg. Doch nach Ertels Abschied 1979 geht es wieder abwärts, der Abstieg folgt 1983 durch ein bitteres 3:4 am letzten Spieltag gegen Meppen.

Lorkowski führt das Team in die 2. Bundesliga

Erst „Molle“ Schütt erweckt den Verein, der zuvor schon eine SG mit dem klassenhöheren TuS Hoisdorf geplant hat, wieder zum Leben. Der von ihm nach einer Punktspiel-Niederlage in Pansdorf gegründete Wirtschaftsrat verhindert 1991 nicht nur den Abstieg aus der Verbandsliga. 1993 folgt durch ein 1:0 in Wilhelmshaven die Rückkehr in die Oberliga. Zwei Jahre später führt Trainer Michael Lorkowski das Team sensationell in die 2. Bundesliga. Dafür verantwortlich: ein Surflehrer in „Lorkos“ Winterurlaub. „Der hatte keine Ahnung von Fußball. Als ich ihm erzählte, dass wir nicht mehr absteigen können, fragte er: Warum steigt ihr dann nicht einfach auf?“, erzählt Lorkowski. Die überraschte Mannschaft zieht mit und sichert durch ein 6:0 am letzten Spieltag gegen Hoisdorf in Kiel den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Insbesondere die ersten Zweitliga-Monate sind mit eindrucksvollen Heimsiegen gegen Mainz, Bochum und Mannheim spektakulär. Die neue Haupttribüne macht die alte Lohmühle 1996 zu einem modernen Stadion. Die Posse rund um Ein-Tages-Trainer Heinz Höher, der beim ersten Training umkippt, leitet in der Folgesaison den Abstieg ein.

Ein Sieg in Hoffenheim bringt den VFB ins Pokalhalbfinale

2002 gelingt mit Trainer Dieter Hecking die Rückkehr in die 2. Bundesliga, und nicht nur das. Das 6:0 gegen Bundesliga-Absteiger St. Pauli auf der ausverkauften Lohmühle bringt den VfB nach dem dritten Spieltag sogar auf Platz eins. Auch wenn es nicht so weitergeht: Der angepeilte Klassenerhalt gelingt souverän. Auch die Saison 2003/04 bietet Höhepunkte: Im Februar sichert ein 1:0-Sieg in Hoffenheim den DFB-Pokal-Halbfinaleinzug, zur gleichen Zeit sind es in der 2. Bundesliga nur vier Punkte zum Aufstiegsplatz. Doch als im März 10 000 Lübecker in Bremen den VfB zu einem Riesenspiel gegen den kommenden Deutschen Meister SV Werder treiben, das nach zwei Führungen unglücklich mit 2:3 in der Verlängerung verloren geht, droht in der Liga bereits der Abstieg. Weil in den letzten drei Monaten nur noch zwei Punktspielsiege gelingen, bedeutet eine 0:2-Niederlage in Fürth den Gang in die Regionalliga.

Der Absturz beginnt

Nur mit jährlich rund einer halben Million Euro Darlehen vom Wirtschaftsrat können Aufstiegsambitionen gesichert werden. Nachdem in zwei guten Saisons nur jeweils Platz drei steht, beginnt der Absturz. Nach Schütts Rücktritt löst dessen Nachfolger Harald Jaeger mit einer gefälschten Bürgschaft einen handfesten Skandal aus. Der Weg in die Insolvenz ist vorgezeichnet, im Frühjahr 2008 gibt es keinen anderen Ausweg.

Seit Sommer 2013 geht es bergauf

Dank der Pokaleinnahmen aus dem Sensationssieg des Viertligisten gegen Bundesligist Mainz 05 wird die Insolvenz zwar beendet. Gesund ist der Verein aber nicht und schlittert geradewegs in die nächste Insolvenz. Die wird mit vereinten Kräften von Gönnern im Hintergrund, aber auch Mitgliedern und Fans durchschritten. Nach dem Zwangsabstieg in die erstmalige Fünftklassigkeit beginnt im Sommer 2013 in kleinen, aber stetigen Schritten die derzeit noch anhaltende Vorwärtsentwicklung. Im Jubiläumsjahr steht der VfB wieder als seriöser, gut geführter Verein da. Christian Jessen

Die Trainer des VfB Lübeck der letzten 25 Jahre

Rolf Martin Landerl (seit dem 01.07.2016) Zur Galerie
Rolf Martin Landerl (seit dem 01.07.2016) ©
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