21. März 2020 / 19:21 Uhr

VfB Lübeck: Ex-Kult-Masseur Karsten Peschel setzt sich zur Ruhe

VfB Lübeck: Ex-Kult-Masseur Karsten Peschel setzt sich zur Ruhe

Volker A. Giering
Lübecker Nachrichten
Karsten und Maggie Peschel.
Karsten und Maggie Peschel. © Volker Giering
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Einen Vertrag hatte er nie, ein Handschlag mit "Molle" Schütt reichte und darauf ist er stolz

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16 Jahre lang war Karsten Peschel Masseur beim VfB Lübeck. Er war aber weit mehr als nur ein „Kneter“. Für die Spieler war Peschel der Mann für alle Fälle, ein Seelsorger mit heilenden Händen.

Nach 34 Jahren macht die Praxis zu

2006 hat Peschel an der Lohmühle aufgehört, um sich voll und ganz seiner Krankengymnastik- und Massage-Praxis in Lübeck-Kücknitz in der Hauptstraße zu widmen, die er gemeinsam mit Ehefrau „Maggie“ aufgebaut hat. Auch nach seinem Abschied gingen viele Fußballer, aber auch Eishockey-Spieler und Handballer bei ihm weiter ein und aus, um sich von ihm behandeln zu lassen. Eigentlich wollte Peschel die Praxis noch einige Jahre weiterführen, doch der Körper sagt mit knapp 60 Jahren, es geht nicht mehr. Am Donnerstagmorgen um 10 Uhr schloss er die Tür zur Praxis nach 34 Jahren für immer ab. Ein Schritt, der ihm mehr als schwer fiel. Denn Peschel hat seinen Job 41 Jahre nicht nur geliebt, sondern gelebt. „Wenn die Hände nicht mehr können, sollte man lieber aufhören. Das ist wie beim Fußball, wenn man zum Beispiel die Flanken nicht mehr in den Strafraum bekommt“, sagt er.

Schönste Zeit unter Lorkowski

Im Jahr 1991 fing Peschel beim VfB Lübeck als Masseur zunächst bei den Altherren an. Nebenbei kümmerte er sich um die Ligamannschaft seines Heimatklubs TSV Kücknitz. Schnell sprach sich seine gute, akribische und leidenschaftliche Arbeit sowie seine Menschlichkeit herum. Vereinsikone Jürgen Brinkmann (spielte damals bei den VfB-Oldies) versuchte ihn, zweimal vergeblich für die Ligamannschaft der Grün-Weißen zu gewinnen. Im dritten Anlauf sollte es schließlich klappen – Klaus Borchert hatte mehr Glück. Insgesamt 13 Trainer erlebte Peschel an der Lohmühle und war stets ein loyaler Mitarbeiter. Die schönste Zeit sei die Zeit unter Trainerlegende Michael Lorkowski (15.03.1994 bis 16.10.1996) gewesen. „Lorko“ kam damals als frischgebackener DFB-Pokalsieger von Hannover 96. „Wir hatten mit Daniel Jurgeleit und ihm nur zwei Profis, so dass Lorko uns erstmal erklärt hat, wie es im Profibereich läuft“, erzählt Peschel. Lorkowski übernahm die Mannschaft damals in der Regionalliga auf einem Abstiegsplatz und führte diese noch auf einen einstelligen Tabellenplatz.

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"Massi" innovativ mit Akupunktur

Besonders vom damaligen Zusammenhalt einer „super Truppe“ schwärmt Peschel heute noch, die Lorkowski geprägt habe. So mussten die Spieler nach jedem Heimspiel erstmal in die ehemalige Kultkneipe „Bei Eitel“ unter der alten Holze. „Die Jungs wollten immer schnell nach Hause. Lorko war der Zusammenhalt zwischen den Fans und Spielern ganz wichtig. Zudem konnten sich die Jungs gleich anhören, wie sie gespielt haben. Lorko meinte immer, dann brauche ich nicht viel zu sagen.“ Peschel erlangte beim VfB Kultstatus – und blieb trotz der Popularität stets bescheiden. Für die Spieler wird er zu einem Vertrauten und von ihnen nur noch Massi gerufen. „Wir hatten eine tolle Zeit. Karsten war immer sehr engagiert, hatte immer das Ganzheitliche im Auge und war damals schon sehr innovativ mit Akupunktur oder Lasertechnik“, erzählt Ex-VfB-Profi Thomas Möller (1995 bis 1997), „ich habe viele Physiotherapeuten erlebt. Massi war immer sehr fleißig und hat alles gegeben. Während er meinen Oberschenkel massiert hat, hat er mit der anderen Hand Termine in seiner Praxis koordiniert.“

Ohne seine Frau hätte das alles nicht geklappt

Für Peschel war es ein jahrelanger Spagat zwischen Fußball und Praxisleben. So kam es nicht selten vor, dass die Mannschaft nach einem Auswärtsspiel in der Zweiten Liga erst morgens zurück in Lübeck war. Während die Spieler schlafen gingen, ging es für Peschel in der Praxis weiter. Nach 16 Jahren zog er die Reißleine. „Das war eine schöne Zeit. Doch ich konnte nicht mehr. Ich war platt und habe lange Zeit gebraucht, um wieder hoch zu kommen“, sagt Peschel rückblickend. „Schließlich war ich in der Praxis voll drin, hatte wenig Schlaf und viel Dampf. Nicht zuletzt müssen irgendwann frische Kräfte ran.“ Sein großer Rückhalt in all den Jahren war seine Frau Maggie. „Ohne sie wäre es nicht gegangen“, betont er. Übrigens: Peschel hatte keinen Vertrag beim VfB. „Ich hatte immer nur einen Handschlag mit „Molle“ Schütt und darauf bin ich stolz“, sagt er.

Hecking und Bremser wie ein altes Ehepaar

Auch an die Zeit unter Dieter Hecking (27.3.2001 bis 30.06.2004) denkt Peschel gern zurück. Mit ihm sei der VfB wieder in die Zweite Liga aufgestiegen, aber auch nach zwei Jahren abgestiegen. „Auch das war ein super Team. Wobei das eine andere Zeit war. Zeiten im Fußball ändern sich.“ Den Werdegang von Hecking und dessen Co-Trainer Dirk Bremser verfolgt Peschel heute noch. Beide seien wie ein altes Ehepaar, meint er. „Sie kennen sich und harmonieren. Das ist wichtig. Deswegen arbeiten sie schon so lange zusammen und sind erfolgreich. Ich gönne es ihnen, dass sie es beim Hamburger SV hinkriegen.“ Das Trainerduo könne sich ein Denkmal am Volkspark setzen. „Da weiß die rechte Hand, was die linke Hand macht.“

Beim Abschied flossen Tränen

Seine Praxis hat er wie beim Fußball geführt – als eine Familie. Karsten und Maggie Peschel (beide 59) waren mit Leib und Seele in ihrem Job. „Wir durften tolle Menschen kennenlernen. Uns war immer wichtig, alle vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Millionär gleich zu behandeln. Wir haben nie Unterschiede gemacht und können nur Danke sagen. Das waren 34 schöne Jahre. Wir bedanken uns bei allen“, sagen beide unisono. Viele Patienten ließen es sich nicht nehmen, sich persönlich zu verabschieden. Es flossen Tränen. Künftig will das Ehepaar zwischen Lübeck-Kücknitz und Aurich (Ostfriesland) hin- und herpendeln. Und wer weiß, vielleicht bleibt neben dem Tennishobby und Hündin Donja (wird fünf) künftig Zeit, um bei einem Spiel des VfB Lübeck wieder vorbeizuschauen. Auf jeden Fall gönnt Peschel seiner alten Fußballliebe den Aufstieg in die Dritte Liga.

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