19. Oktober 2022 / 10:08 Uhr

Nicht nur die Trainer-Suche: Diese Probleme muss der VfB Stuttgart bewältigen

Nicht nur die Trainer-Suche: Diese Probleme muss der VfB Stuttgart bewältigen

Oliver Trust
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Zukunft von Interimscoach Michael Wimmer und Sven Mislintat (v.l.) ist unklar.
Die Zukunft von Interimscoach Michael Wimmer und Sven Mislintat (v.l.) ist unklar. © IMAGO/Pressefoto Baumann/Sportfoto Rudel (Montage)
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Beim VfB Stuttgart herrscht derzeit nicht nur aus sportlichen Gründen Unruhe, auch neben dem Platz sind einige Personal-Fragen offen. Ein neuer Trainer wird weiter gesucht, auch die Zukunft von Sportdirektor Sven Mislintat ist noch ungeklärt.

Der Dienstagvormittag beim VfB Stuttgart hatte etwas verstörend Entspanntes. Übergangstrainer Michael Wimmer zog sein Training vor dem Duell der zweiten Runde im DFB-Pokal an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/Sky) gegen den Zweitligisten Arminia Bielefeld durch. Sportdirektor Sven Mislintat verbreitete unablässig gute Laune. Wenig wies in Blickweite der Mercedes-Benz-Arena darauf hin, dass sich der erste Fußballklub der baden-württembergischen Landeshauptstadt in Aufruhr befindet. Glaubt man den Männern, die auf verschiedenen Ebenen ihr Werk tun, gibt es keine Unruhe. Alles läuft normal, seit Trainer Pellegrino Matarazzo vorige Woche vor die Tür gesetzt wurde und sich die Beteiligten mit einem guten Whiskey als gute Freunde verabschiedeten.

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Allerdings häufen sich die Indizien, dass es hinter den Kulissen hemdsärmeliger zugeht. Berichte über Machtkämpfe in der Führungsetage und tiefe Gräben, die sich durch Verein und Anhängerschaft ziehen, entbehren nicht jeder Grundlage. Mancher empfindet es schon als heilloses Chaos, dass Assistenzcoach Wimmer mal nur für ein Spiel einspringt (beim ­4:1 gegen den VfL Bochum), dann die Bielefeld-Partie verantwortet und nun wahrscheinlich am Samstag (15.30 Uhr/Sky) im Bundesliga-Spiel in Dortmund noch als Chef auf der Bank sitzt.

Ein neuer Trainer jedenfalls ist an der Mercedesstraße noch nicht vorgefahren, obwohl die Kandidatenliste unerschöpflich lang schien, bis sich zwei Mutige vermeintlich herauskristallisierten. Der aus Hoffenheim bekannte Niederländer Alfred Schreuder (Ajax Amsterdam) und der Däne Jess Thorup, der im September beim FC Kopenhagen seinen Abschied nahm. Der große Rest, also die ebenfalls gehandelten Adi Hütter, Domenico Tedesco, Sebastian Hoeneß oder Zsolt Löw wollten sich das schwäbische Durcheinander offenbar lieber nicht antun.

Sven Mislintat der Heilsbringer oder Sonnenkönig?

In der Trainernachfolgefrage gibt der VfB ein ähnliches Bild ab wie beim Thema Zukunft des Sportdirektors, dessen Vertrag im Sommer 2023 ausläuft. Die Lager der Mislintat-Befürworter und die stark wachsende Zahl der Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Während vor allem die Fans im 49-Jährigen eine Art Heilsbringer sehen, reden die Kritiker vom Sonnenkönig, der selbstverliebt sogar die Einwechselspieler an der Seitenlinie einweist, während der verantwortliche Trainer zuschauen muss. Dass sich der Konflikt friedlich löst, ist kaum vorstellbar. Und so führt jeder Kombattant sein Stück auf, um Punkte zu sammeln. Eine Kultur des Misstrauens schießt ins schwäbische Kraut.

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Bisher hat der Vorstandsvorsitzende Alex Wehrle relativ erfolglos versucht, Mislintats seit der Ära Thomas Hitzlsperger ins Unermessliche gestiegenen Einfluss einzudämmen. Die Inthronisierung eines Vorstandsberatertrios um Philipp Lahm, Sami Khedira und Christian Genter mündete ebenso in ein Kommunikationschaos wie die Trainersuche, bei der der VfB fahrlässig unvorbereitet wirkte.

Die ungeklärte Causa Mislintat hängt dem VfB nun bleischwer um den Hals. Mislintat kämpft um seine Machtfülle, die ihm kein anderer Verein jemals bot. Mittlerweile ist die Sache auch für Wehrle nicht ungefährlich geworden. Der 47-jährige Ex-Kölner laviert sich seltsam orientierungslos durch die tosende See, ohne die einzigen verbliebenen Lösungschancen im schwäbischen Kuddelmuddel in Betracht zu ziehen: entweder den Vertrag mit Mislintat zu verlängern oder noch einen Abschiedswhiskey zu spendieren.

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