15. November 2020 / 18:43 Uhr

VfL-Frauen nach der 1:4-Packung in München: "Werden jetzt nicht aufgeben"

VfL-Frauen nach der 1:4-Packung in München: "Werden jetzt nicht aufgeben"

Andreas Pahlmann und Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
 Lineth Beerensteyn (l.) trifft zum 3:0.
Lineth Beerensteyn (l.) trifft zum 3:0. © imago images/Oryk HAIST
Anzeige

Der FC Bayern hat im Top-Spiel der Frauenfußball-Bundesliga den VfL Wolfsburg zwar nicht an die Wand gespielt - aber dennoch dank Effizienz und individueller Qualität einen verdienten Sieg eingefahren, der den VfL erst einmal für eine ganze Weile in eine ungewohnte Verfolger-Rolle drängt.

Anzeige

1:4 beim FC Bayern verloren und nun fünf Punkte Rückstand: Für die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg war es ein bitterer Sonntag. Tore von Viviane Asseyi, Marina Hegering, Lineth Beerensteyn und ein Eigentor von Dominique Janssen sorgten am Ende für ein deutliches Ergebnis beim Bundesliga-Top-Spiel im FCB-Campus. Die Münchnerinnen bleiben auch im neunten Spiel ohne Punktverlust, kassierten dafür aber das allererste Gegentor. VfL-Kapitänin Lena Goeßling verwandelte in der 65. Minute einen Foulelfmeter. "Ich habe danach auch noch dran geglaubt, dass wir es schaffen können", so die Ex-Nationalspielerin, denn: "Von der Körpersprache her waren wir gut, haben alles gegeben und reingeworfen. Zumindest ein 3:3 wäre noch drin gewesen, denke ich."

Anzeige

Die VfL-Frauen bei den Bayern - Der Classico in Bildern

Münchens Carina Wenninger (l), Lina Bühl (2.v.r.) und Hanna Glas (r) kämpfen mit Wolfsburgs Karina Saevik um den Ball. Zur Galerie
Münchens Carina Wenninger (l), Lina Bühl (2.v.r.) und Hanna Glas (r) kämpfen mit Wolfsburgs Karina Saevik um den Ball. ©

Klar ist: Die Bayern haben den VfL nicht an die Wand gespielt - aber dennoch dank ihrer Effizienz und ihrer individuellen Qualität einen verdienten Sieg eingefahren, der den VfL erst einmal für eine ganze Weile in eine ungewohnte Verfolger-Rolle drängt. "Die Bayern haben einen Lauf, sie werden jetzt nicht anfangen zu wackeln", sagte Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter der VfL-Frauen, vor dem Heimflug in den Norden. "Aber sie wissen auch, dass wir wieder dran sind, wenn sie mal unentschieden spielen sollten." Um diesen Druck aufrecht zu erhalten, müsse man eben "bis zur Winterpause alle Punkte holen", im neuen Jahr kommen dann - wenn alles wie geplant stattfindet - englische Wochen in dichter Folge, die für die beiden Top-Teams noch einmal ganz eigene Herausforderungen bringen. Es sei nicht immer einfach, auf dem ersten Platz zu stehen, weiß VfL-Trainer Stephan Lerch, denn "der Druck ist enorm. Damit muss Bayern umgehen und wir sind die Jäger. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen und dürfen nichts mehr liegen lassen."

Von einem möglichen Vorentscheid im Rennen um die Meisterschaft wollte darum auch niemand sprechen. "Klar, jetzt ist es erst einmal traurig und wir sind enttäuscht, weil wir uns etwas anderes vorgenommen haben", so Goeßling, die aber meint. "Die Saison ist noch lang und wir werden jetzt nicht aufgeben und sagen: Die Meisterschaft ist entschieden." Ähnlich sieht das auch Lerch: "Wir wissen, dass wir fünf Punkte hinten dran sind, haben aber auch noch ein Rückspiel. Es sind noch viele Spiele zu spielen."

Zu den Herausforderungen des VfL gehört es weiterhin, mit der aktuellen Personalsituation klarzukommen. Ewa Pajor, Pauline Bremer, Alexandra Popp oder auch eine für 90 Minuten fitte Fridolina Rolfö hätten der Bayern-Kaltschnäuzigkeit etwas entgegensetzen können. "Auf jeden Fall", sagt Lerch, "man muss das schon richtig einordnen. Uns haben einige gefehlt. Wenn man sieht, was da für Qualität Seitens Bayern da war, ist das vielleicht in der Situation jetzt mit unserer nicht zu vergleichen, was die Durchschlagskraft nach vorne angeht." Aber, betont der VfL-Coach: "Da mache ich unseren Spielerinnen gar keinen Vorwurf. Sie haben alles gegeben. In solchen Spielen entscheiden eben Kleinigkeiten und an der einen oder anderen Stelle hat man eventuell gesehen, dass sie uns fehlen - Ewa mit ihrer Schnelligkeit, Alex mit ihrer körperlichen Präsenz. Aber das soll keine Ausrede sein."

Denn dass der Sieg für den Spitzenreiter verdient war, daran bestand kein Zweifel. "Wir waren vorm Tor nicht effektiv und es hat uns ein bisschen Durchschlagskraft gefehlt", so Goeßling. Die Spielkontrolle in der ersten Halbzeit sei dagewesen, dementsprechend ist es ärgerlich, dass "wir uns gar nicht belohnt haben". Die Mannschaft von Jens Scheuer zeigte sich im Top-Spiel eiskalt, nutzte dabei auch auch VfL-Fehler in der Defensive aus. "Vom Spielverlauf war es zwar wie in den Jahren davor wieder ein Duell auf Augenhöhe", so Kellermann, "aber wir waren vorne ohne Durchschlagskraft und hatten hinten zwei, drei Fehler, die uns das Genick gebrochen haben." Der Bayern-Sieg sei darum verdient gewesen.

Aber als zu hoch empfand man beim VfL den Sieg schon. "Das Ergebnis spiegelt jetzt nicht den Spielverlauf wider. Ich finde, wir haben in der ersten Halbzeit ein ordentliches Spiel gemacht und Bayern in Schach gehalten", so Lerch. "Die Münchnerinnen waren aber brutal effektiv, das muss man anerkennen." Mit dem 0:2-Rückstand in die Pause zu gehen, sei bitter gewesen, aber nicht aussichtslos. "Im zweiten Durchgang starten wir denkbar schlecht. Aber selbst nach dem 0:3 hat die Mannschaft Gas gegeben und Willen gezeigt. Man hat gesehen, dass sie lebt und daran geglaubt hat."

Bei den Bayern war die Freude über den Sieg groß - aber auch das Bewusstsein dafür, dass fünf Punkte Vorsprung ein trügerisches Polster sein können. "Von der Einstellung, der Mentalität und der Chancenverwertung her haben wir das mit Abstand beste Spiel der Saison gezeigt", freute sich Scheuer. "Dann ist das Ergebnis in dieser Höhe auch nicht unverdient, auch wenn es vielleicht ein Tor zu hoch ausgefallen ist. Eine Vorentscheidung in der Liga ist lange nicht gefallen. Fünf Punkte sind zwar definitiv ein kleines Polster, aber wir haben erst den 9. Spieltag und es gibt insgesamt 22. Spieltage. Da kann der Vorsprung noch wegschmelzen.“ Einen etwas weiteren Blick in die Zukunft wagte FCB-Präsident Herbert Hainer, der das Spiel an der Seite von Vorgänger Uli Hoeneß verfolgte: "Wir wollten vor der Saison in Deutschland angreifen. Jetzt haben wir neun Spiele in Folge gewonnen und sind Tabellenführer mit fünf Punkten Vorsprung, da kann man wirklich nicht meckern. Wenn du den amtierenden Meister mit 4:1 schlägst und mit fünf Punkten die Tabelle anführst, dann gibt einem das schon Sicherheit."