22. Oktober 2020 / 18:36 Uhr

VfL-Torwarttrainer Rainer Müller: Mit Zuckerbrot und Peitsche

VfL-Torwarttrainer Rainer Müller: Mit Zuckerbrot und Peitsche

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Hat neben exzellentem Fachwissen auch immer einen Spruch auf Lager: VfL-Torwarttrainer Rainer Müller.
Hat neben exzellentem Fachwissen auch immer einen Spruch auf Lager: VfL-Torwarttrainer Rainer Müller. © Frick, Göres
Anzeige

3. Handball-Liga Nord-Ost: Der 76-jährige Nauener ist der Mann, dem die Potsdamer Handballtorhüter vertrauen.

Lediglich 68 Gegentreffer mussten die Handballer des VfL Potsdam in den ersten 180 Minuten der neuen Drittliga-Spielzeit hinnehmen – je 22 gegen die Jungfüchse und Altenholz, zuletzt kamen 24 beim SC Magdeburg II dazu. Maßgeblichen Anteil am perfekten Saisonstart der Adler haben die Torhüter Jan Jochens und Fabian Pellegrini, die in den bisherigen Partien die Spannweite ihrer Flügel ausreizten. Einen Zaubertrank braut Rainer Müller nicht zusammen, dennoch weiß der Torwarttrainer des VfL, warum sich seine Schützlinge in einer exzellenten Form befinden: „So komisch es sich in der aktuellen Situation anhört, aber für uns war die lange Corona-Pause Gold wert.“

Anzeige

Der 76-Jährige, der schon so manches Torwartjuwel geschliffen hat und sich seit fünf Jahren um die Potsdamer Drittliga-Schlussmänner kümmert, wusste die unverhofft freie Zeit bestmöglich zu nutzen. „Wenn die Jungs von Spiel zu Spiel fahren, dann kommt man zu nichts. In den letzten Monaten haben wir uns aber speziellen Sachen gewidmet, den Fokus auch mal auf Neues setzen können“, betont Müller. Körpermittelspannung, Koordination, Bewegungs- und Handlungsschnelligkeit – dank flexibler Übungen fördert er eben jene Dinge bei Jochens und Pellegrini, die zwei- bis dreimal wöchentlich ein ordentliches Pensum abspulen müssen.

In Bildern: VfL Potsdam bezwingt den TSV Altenholz mit 27:22.

Die Drittliga-Handballer des VfL Potsdam (rote Trikots) haben in ihrem zweiten Saisonspiel den zweiten Sieg eingefahren. Vor 463 Zuschauern gewannen die Adler gegen den TSV Altenholz in souveräner Manier mit 27:22 (16:11). Zur Galerie
Die Drittliga-Handballer des VfL Potsdam (rote Trikots) haben in ihrem zweiten Saisonspiel den zweiten Sieg eingefahren. Vor 463 Zuschauern gewannen die Adler gegen den TSV Altenholz in souveräner Manier mit 27:22 (16:11). © Julius Frick

Der Schweizer Pellegrini bekam am ersten Spieltag gegen die Füchse Berlin II 15 Bälle zu fassen, Jochens avancierte zuletzt mit 16 (Altenholz) und 20 Paraden (SCM II) zum Matchwinner. „Im modernen Handball ist das die wichtigste Position. Wenn wir das Torhüter-Duell nicht für uns entscheiden, gewinnen wir auch nicht das Spiel“, glaubt Müller, dem weitere Fortschritte beim VfL auffallen: „Unser Deckungsverbund ist im Vergleich zur Vorsaison so viel besser geworden, da ist es dann auch für die Jungs zwischen den Pfosten einfacher und angenehmer.“

Anzeige

Obwohl sich das Torhüter-Duo bei den Potsdamern von den Fähigkeiten her deutlich voneinander unterscheidet und man jeweils die Ambition hat, in der Start-Sieben zu stehen, so ist das Verhältnis ein freundschaftliches. „Pelle und Jan verstehen sich gut, was auch für das Teamgefüge wichtig ist. Beide haben auf der Platte ihre Qualitäten. Wenn plötzlich gewechselt wird, bekommt das auch der Gegner zu spüren. Dann ist das Spiel ein komplett anderes“, erklärt Rainer Müller. Sowohl für den 24-jährigen Pellegrini als auch für Youngster Jan Jochens (19) hat er lobende Worte parat: „Fabi fehlen vielleicht ein paar Zentimeter, seine Schnellkraft und die Motivationskunst sind aber beeindruckend. Jan ist entschieden ruhiger, die nötige Explosivität wird er sich noch aneignen. Er kann das Spiel sehr gut lesen, seine Beweglichkeit ist top.“

Jochens als Jungspund in Falkensee unter den Fittchen gehabt

Zu Jochens, der in dieser Woche an einem Lehrgang der U21-Nationalmannschaft in Warendorf teilnahm, hat der in Nauen lebende Rainer Müller ohnehin eine besondere Beziehung. „Ich habe ihn schon in jungen Jahren beim SSV Falkensee unter meinen Fittichen gehabt. Er gehörte zu den zwei goldenen Jahrgängen, aus denen wir neun Spieler an die Sportschulen schicken konnten.“ Seine Tätigkeit übt Müller nicht nur mit Samthandschuhen aus, eher regieren Zuckerbrot und Peitsche. Das bestätigen auch Pellegrini und Jochens, die ihrem Förderer nicht nur Wertschätzung und Vertrauen, sondern auch viel Respekt entgegenbringen.

„Rainer ist überaus hilfsbereit, kann aber auch auf den Putz hauen. Ich finde es beeindruckend, dass er immer wieder auf dem neuesten Stand ist und sich weiterbildet“, sagt Pellegrini. Jochens fügt an: „Er hat mir früh beigebracht, dass man für seine Träume viel arbeiten muss. Noch heute profitiere ich von Automatismen, die ich mir als Kind aneignete. Rainer ist ein unfassbar liebevoller Mensch und ich höre mir seine Lebensweisheiten sehr gerne an.“ Und sogar mit dem Ball kann der frühere DDR-Liga-Torwart von PH Potsdam noch umgehen. „Wenn er wirft, dann aber aus anderthalb Metern. Mehr geht mit seiner Schulter nicht mehr“, erklärt Jan Jochens schmunzelnd.

So lange die Entwicklung vorangeht, will Rainer Müller weitermachen – vielleicht sogar als Torwarttrainer eines Zweitligisten? „Das wäre ein Traum. Mit 80 Jahren ist aber Schluss. Als Alexander Haase mich damals für die Torhüter nach Potsdam gelotst hat, haben mich viele belächelt, ihre Meinung aber schnell revidiert. Da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, sagt Müller, der seinen Talenten eines immer wieder predigt: „Kunst kommt von Können. Und Können kommt von Wollen.“