22. Mai 2018 / 22:43 Uhr

VfL-Trainer Stephan Lerch: Mit einem Geschenk seiner Frau fing alles an

VfL-Trainer Stephan Lerch: Mit einem Geschenk seiner Frau fing alles an

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Einfühlsamer Trainer: Stephan Lerch am Tag des Gewinns der deutschen Meisterschaft mit VfL-Star Pernille Harder.
Einfühlsamer Trainer: Stephan Lerch am Tag des Gewinns der deutschen Meisterschaft mit VfL-Star Pernille Harder. © Boris Baschin
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Vor der Saison hatte Stephan Lerch bei den Fußballerinnen des VfL Wolfsburg die Nachfolge des langjährigen Erfolgstrainers Ralf Kellermann angetreten. Bisher hatte er maximalen Erfolg. Unter seiner Regie wurden die VfL-Frauen Meister und DFB-Pokalsieger, am Donnerstag (18 Uhr, live auf Sport1) greift er mit ihnen in Kiew im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon nach dem Triple. AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann sprach mit dem 33-Jährigen.

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Herr Lerch, war am Samstag eigentlich noch Zeit, neben dem eigenen Pokalsieg auch ein bisschen den der Frankfurter Männer zu feiern?

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Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nur so nebenbei mitbekommen habe. Und nach so einem Tag ist man da abends auch ziemlich leer. Aber ich hab’ mich schon gefreut, ja.

Weil Sie eine Eintracht-Frankfurt-Vergangenheit haben?



Ja, natürlich. Ich habe dort in der B- und A-Jugend gespielt, zusammen mit Marco Russ übrigens. Da ist dann selbstverständlich immer noch eine Verbindung da.

Und nach der A-Jugend-Zeit?

Ich sollte in die zweite Mannschaft der Eintracht, aber da bin ich dann lieber zurück zu Darmstadt 98 gegangen, die gerade in die 4. Liga abgestiegen waren...

...und einen prominenten Trainer bekommen hatten.

Stimmt. Bruno Labbadia fing da gerade an.

Wie war er so?

Er hatte eine ziemliche Ausstrahlung, das hat man sofort gemerkt. Er war ja auch als Spieler eine echte Bundesliga-Größe. Und er verlangte Perfektion. Ich weiß noch, wie ich bei einer der ersten Einheiten einen Ball stoppte – ziemlich gut, wie ich fand. Aber er kam sofort und hat korrigiert: Mehr Dynamik! Gleich in die nächste Bewegung gehen! Er hat das verlangt, was den Unterschied zwischen Fußball und Leistungsfußball ausmacht.

Lange geblieben sind Sie dort aber nicht.

Nein. Zum einen machte ich in dem Jahr Abitur und konnte nicht immer trainieren. Zum anderen hat mich eine Sprunggelenk-Verletzung gebremst. Ich habe dann noch für die Zweite gespielt und bin schließlich zum FC Alsbach in die Verbandsliga gewechselt.

So fing alles an


Dass Sie nicht Fußball-Profi werden, war dann klar. Was war die Alternative?

Lehrer. Ich habe in Mainz Sport und Biologie auf Lehramt studiert.

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Und Trainer?

Das hat mir meine heutige Frau geschenkt.

Bitte?

Doch, so war es. Es müsste mein 21. Geburtstag gewesen sein. Sie hat mich für den Lehrgang angemeldet und die Gebühr bezahlt. Das war ihr Geburtstagsgeschenk für mich.

Und was haben Sie daraus gemacht?

Ich habe in Alsbach die A-Jugend trainiert, da spielte mein jüngerer Bruder, das war ganz hilfreich, weil ich dann das Feedback für meine Arbeit sozusagen gleich innerfamiliär bekommen habe. Später war ich dann Spielertrainer in meinem Heimatort, bei Germania Eberstadt. Parallel dazu habe ich dann auch Auswahlmannschaften trainiert.

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Immer nur Jungs?

Ja. Bei den Auswahlteams hatte man es dann auch immer mal mit einzelnen Spielerinnen aus Mädchenmannschaften zu tun, aber im Wesentlichen waren es männliche Jugendmannschaften.

Haben Sie Ihr Studium abgeschlossen?

Ja, mit dem ersten Staatsexamen. Danach wäre das Referendariat gekommen.

Was hat Sie daran gehindert?

Ein Anruf aus Wolfsburg.

Wer war dran?

Daniel Nister, der damals Nachwuchsleiter der VfL-Frauen und Co-Trainer der ersten Mannschaft war. Er bot mir an, Trainer der zweiten Frauenmannschaft zu werden.

Der Schritt nach Wolfsburg


Ihr ganzes Leben hatte sich vorher quasi in Hessen abgespielt. War es ein großer Schritt für Sie, das Angebot anzunehmen?

Nein, und das hat vor allem mit meinem Vater zu tun. Er ist gestorben, als ich 14 war. Er hatte mich immer gefördert und immer darin bestärkt, meinen Weg im Fußball zu finden – und meine Chance zu suchen. Das begleitet mich als Motto, als Leitlinie. Und mit diesem Angebot aus Wolfsburg konnte ich meinen Berufstraum erfüllen und irgendwie auch ein bisschen das erreichen, was sich mein Vater für mich gewünscht hatte.

Aber es muss trotzdem ein großer Sprung gewesen sein.

Durch den frühen Tod meines Vaters waren die familiären Bindungen bei uns sehr eng, etwa zu meinem Bruder. Von daher war das schon ein ziemlicher Schritt, ich habe das auch lange mit meiner heutigen Frau diskutiert – zumal ich ja auch keine Erfahrung mit Frauenmannschaften hatte. Aber sie hat mich dann darin bestärkt, die Chance wahrzunehmen und wir hatten dann halt erst einmal eine Fernbeziehung, weil sie ihren Job in Darmstadt hatte.

Das ging offenbar gut.

Ja, drei Wochen, nachdem ich meine Arbeit in Wolfsburg angetreten hatte, habe ich ihr den Heiratsantrag gemacht (lacht).

Um sie dazu zu zwingen, auch nach Wolfsburg zu ziehen?

Nein, gar nicht (lacht). Wir haben geheiratet, sie ist dann aber erst drei Jahre später hierher gezogen. Wir wohnen jetzt in Fallersleben und finden es dort wunderbar.

"Frauen wollen mehr wissen"


Was ist denn der größte Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Fußballmannschaften?

Frauen wollen mehr wissen, verlangen mehr und genauere Erklärungen.

Weil die Jungs es als Schwäche empfinden, wenn sie nachfragen müssen?

Ja, das kann gut sein. Ansonsten sind die Unterschiede gar nicht so groß. Klar, Frauen haben eine andere Physis, dafür sind ihr Spiel und die Arbeit mit ihnen mehr von Technik und Taktik geprägt.

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Trainer der Zweiten, Nachwuchsarbeit, Co-Trainer der Ersten und jetzt Cheftrainer – war Ihr Karriereweg in Wolfsburg vorgezeichnet?

Nein, ich habe mir das auch nie so ausgemalt.

Was unterscheidet Sie von Ralf Kellermann? In der Mannschaft heißt es, Sie erklären mehr...

Wenn dem so wäre, kommt der Lehrer durch. Ich glaube, ich hatte immer Spaß daran, anderen etwas zu vermitteln und weiterzugeben. Es war für mich auch immer okay, vor einer Gruppe zu reden. Und im Lehramts-Studium gab es bestimmt auch Inhalte im psychologisch-pädagogischen Bereich, die mir vielleicht heute helfen.

Die Fußstapfen Ihres Vorgängers waren riesig, als Sportlicher Leiter ist Kellermann jetzt Ihr Vorgesetzter. Ist er nie der Versuchung erlegen, sich in Ihre Arbeit einzumischen – und sei es nur aus Gewohnheit?

Nein. Ich weiß, dass seine Tür immer offen steht, dass ich immer eine ehrliche Antwort bekomme und dass seine Erfahrung enorm hilfreich ist. Aber er hat sich nie in irgendwas eingemischt, was die Trainerrolle betraf.

Das erste Jahr als Cheftrainer


Ihr erstes Cheftrainer-Jahr ist fast rum. Was war die größte Umstellung oder die größte Überraschung?

Rein sportlich wusste ich schon vorher ziemlich genau, wie es werden könnte. Aber der Umgang mit den Medien war neu, da musste ich mich erst einmal ein bisschen reinarbeiten.

Die Mannschaft hat mit Ihnen das Double aus dem Vorjahr wiederholt, am Donnerstag winkt ein weiterer Titel. War das auch für Sie persönlich wichtig, um allen zu zeigen: Ja, ich kann diesen Job ausfüllen?

Für mich persönlich nicht unbedingt. Aber wir hatten natürlich intern Ziele, die wir jetzt schon übererfüllt haben. Das gibt allen, die hier miteinander arbeiten, natürlich ein gutes Gefühl.

Und wenn das am Donnerstag auch noch gut geht, trinken Sie endlich einen Kaffee mit Labbadias Co-Trainer Eddy Sözer?

Stimmt, ja (lacht). Aber dass das bisher nicht ging, lag ja vor allem an dem Stress, den er hatte. Wir kennen uns schon ewig, ich habe mit seinem jüngeren Bruder Erdal zusammen in Eberstadt gespielt, Eddy war dann bei den Spielen auch manchmal dabei. Jetzt sind wir beide in Wolfsburg gelandet, da wird es dann wirklich mal Zeit, dass wir uns treffen.