31. Juli 2017 / 11:31 Uhr

VfL Wolfsburg: Andries Jonker im großen Sportbuzzer-Interview

VfL Wolfsburg: Andries Jonker im großen Sportbuzzer-Interview

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Andries-Jonker-VfL-Wolfsburg
Andries Jonker ist zufrieden mit dem Stand der VfL-Vorbereitung © Boris Baschin
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Die beiden Trainingslager sind beendet, der VfL biegt auf die Zielgerade der Saisonvorbereitung ein. Wo steht Wolfsburgs Fußball-Bundesligist? WAZ-Sportredakteur Marcel Westermann sprach darüber mit Trainer Andries Jonker.

Die beiden Trainingslager sind beendet, der VfL biegt auf die Zielgerade der Saisonvorbereitung ein. Wo steht Wolfsburgs Fußball-Bundesligist? WAZ-Sportredakteur Marcel Westermann sprach darüber mit Trainer Andries Jonker.

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Herr Jonker, Sie sind jetzt seit Ende Februar beim VfL. Es blieb kaum Zeit, sich einzugewöhnen und anzukommen. Wie viel und wie gut haben Sie in dieser Zeit überhaupt geschlafen?

Ich schlafe immer gut. Es gibt jedes Jahr zwei bis drei Nächte, in denen ich nicht so gut schlafe. Und eine dieser Nächte war nach der 0:6-Niederlage gegen die Bayern. Da sind Dinge auf dem Platz passiert, die auch mich überrascht haben. Und dann suchst du dafür die Erklärungen und denkst darüber nach.

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Sie hatten in den ersten Wochen beim VfL viel mit Verletzungen von Spielern zu kämpfen. Jede Woche stand eine MRT-Untersuchung an. Dachten Sie irgendwann, das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen?

Es ist wie mit Murphys Gesetz: Man wird mit Dingen konfrontiert, wo man denkt, das gibt es gar nicht. Manchmal sind es Dinge, für die du etwas kannst, und manchmal sind es Dinge, für die du gar nichts kannst. Und wenn du bei einem Verein anfängst, der große Probleme hat, dann kann man so etwas erwarten. Dann musst du durchhalten und wissen, du kommst da wieder raus.

Die Niederlage in Hamburg am 34. Spieltag hatte dafür gesorgt, dass Sie mit dem VfL in die Relegation müssen. Wie schnell kann man das als Trainer abhaken?

Du musst es ganz schnell abhaken. Es hat nicht für den definitiven Abstieg gesorgt, sondern hat bedeutet, dass wir noch zweimal spielen müssen. Dann musst du als Trainer dafür sorgen, dass die Spieler, der Stab und das gesamte Umfeld das ganz schnell verarbeiten und den Fokus auf Braunschweig richten.

Sie sagen es, die nächste Aufgabe war Braunschweig. Besser hätte ein Krimi-Autor sein Buch nicht schreiben können, oder?

Ich denke, von allen 18 Zweitligisten ist Braunschweig für den VfL der unangenehmste Gegner. Nicht wegen des Fußballs, aber wegen der kompletten Konstellation und der Bedeutung für das Umfeld und die Fans.


Sie haben es dann zusammen mit der Mannschaft gemeistert. Aber viel Zeit blieb auf dem Platz gar nicht, um zu feiern. Wie haben Sie die Szenen nach dem Rückspiel erlebt?

Es war beim 1:0 so gut wie klar, dass wir das schaffen würden. Der Schlusspfiff war daher nicht so eine große Erleichterung. Du bist aber wirklich froh, dass du es geschafft hast. Uwe Speidel, Freddie Ljungberg, Andreas Hilfiker und ich haben uns umarmt und dann habe ich schon von den Braunschweig-Spielern gehört: „Weg, weg, weg!“ Ich hatte keine Zeit, um nachzudenken. Dann sind wir weggerannt. Das war sehr unangenehm. Das war ein ganz enttäuschender Moment. Anstatt zu feiern, mussten wir uns um unsere Sicherheit kümmern.

In der Relegation zwischen 1860 München und Jahn Regensburg haben sich ähnliche Vorfälle ereignet. Entwickelt sich da eine verrückte Welt?

Ich denke, dass in der ganzen Welt etwas los ist. Das ist kein Fußball-Problem. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das im Moment kaum zu lösen ist, aber natürlich auch Einfluss auf den Fußball hat.

Sie haben Maxi Arnold in beiden Relegations-Spielen spät eingewechselt. Was waren die Beweggründe dafür?

Du musst gewinnen. Und dafür musst du auf die Spieler setzen, die deiner Überzeugung nach die größte Chance auf einen Sieg haben. Und Maxi ist die ganze Situation in die Knochen gegangen. Die Situation des Vereins und der Angestellten ist ihm sehr nah gegangen. Er ist eben mittlerweile ein echter Wolfsburger Junge geworden. Aber das hat auch dafür gesorgt, dass er in keiner guten Verfassung war. Von daher musste ich Maxi rausnehmen. Das tut mir leid, weil ich ihn sehr schätze – als Spieler und als Mensch. Aber es geht um das Interesse des Vereins. Ich habe mit ihm darüber gesprochen und er war einverstanden. Dass er immer noch ein guter Spieler ist, hat er jetzt bei der U-21-EM bestätigt.

Durch seine starken Leistungen hat er sich bei einigen Klubs interessant gemacht. In den letzten Tagen gab es Diskussionen darüber, dass Arnold sich nicht komplett zum VfL bekannt hat. Wie haben Sie das aufgefasst?

Für mich ist die Presse keine Quelle. Ich lese nichts. Wenn es etwas gibt, wird Olaf Rebbe mir Bescheid geben. Und das hat er nicht gemacht.

Wie planen Sie für die neue Saison mit Arnold?

Er ist ein wichtiger Bestandteil des Kaders. Wir versuchen, auf jeder Position zwei Spieler zu haben, die das Niveau haben, Bundesliga zu spielen. Das ist auf Maxis Position auch so. Er muss sich erarbeiten, dass er Stammspieler wird. Das ist unabhängig von Status, Länderspielen, Gehalt, Ablösesumme und Alter. Es geht darum, wer der Beste ist.

In Braunschweig gab es unter anderem die Schmähgesänge gegen Mario Gomez. Hat er da mal mit Ihnen drüber gesprochen?

Mario ist ein sehr erfahrener Spieler. Es hat ihn überhaupt nicht berührt. Trotzdem war ich überrascht, dass so etwas einfach passieren kann.

Mario Gomez hat sich kurz nach der Relegation zum VfL bekannt. Was bedeutet sein Verbleib für den Verein, die Mannschaft, die Stadt und die Fans?

Ich habe mal mit Borja Mayoral gesprochen und ihm gesagt, dass er nicht spielt. Er hatte Verständnis dafür und er hat gesagt: „Trainer, ich möchte wirklich spielen, aber ich bin hinter einer Legende.“ Wenn ein spanischer Jugend-Nationalspieler von Mario als eine Legende spricht, sagt das alles über den Status von Gomez. Er ist in Deutschland und im Ausland sehr respektiert. Wir müssen uns als Stadt und als Verein freuen, dass er dabei bleibt. Aber auch er muss wieder bei Null anfangen. Auch er muss bestätigen, dass er der beste Stürmer ist, den wir haben. Aber das weiß er auch, wir haben offen darüber gesprochen.

Wie viel Überzeugungsarbeit mussten sie bei ihm leisten?

Wir haben eine ganz offene Beziehung seit einigen Jahren. Einen Tag nach dem Braunschweig-Rückspiel habe ich mit allen Spielern individuell geredet. Und ich habe Mario klar gesagt, was ich von ihm erwarte. Da hat er schon gesagt: „Das möchte ich gern machen.“ Dann hat er sich mit seinem Berater noch Zeit genommen, aber er hat schon in dem Gespräch positive Signale gegeben.

Am Ende der Saison ist zum Glück alles gut gegangen. Wie viel Urlaub konnten Sie denn nach der Saison genießen?

Nach den Spielen haben Olaf Rebbe und ich uns noch eine Woche lang zusammengesetzt und die ganze Situation analysiert. Und wir haben entschieden, wo wir in der Profi-Abteilung Veränderungen brauchen. Dann hatte ich ein bisschen Ferien und bin dann wieder zurückgekommen. Das muss reichen. Und in den Ferien hatten wir jeden Tag Kontakt.

Wie schalten Sie ab?

Ich bin kein Typ, der unbedingt abschalten muss. Was mir hilft, ist, dass ich jeden zweiten Tag ein bisschen laufe. Das ist mir wichtig und fühle mich sehr wohl dabei. Das tut meinem Körper und meinem Kopf gut.

Jetzt gab es den großen Umbruch. Einige Spieler haben den Verein verlassen, einige neue sind dazugekommen. Wie wichtig war dieser Umbruch zu diesem Zeitpunkt?

Ich habe von der Saison nur zwölf von 48 Wochen mitbekommen. Und in dieser Zeit hat wirklich jeder im Kader voll mitgezogen. Ich habe nichts von Ärger erlebt. Wie die Mannschaft in Braunschweig das Tor gefeiert hat, zeigt eigentlich deutlich, wie die Jungs das angegangen sind. Am Tag danach habe ich wie gesagt mit allen gesprochen, auch mit Luiz Gustavo. Und ich habe ihn gefragt: „Luiz, was hast du vor?“ Und er hat geantwortet: „Trainer, ich weiß es wirklich nicht. Ich habe mich nur auf die Spiele konzentriert und jetzt denke ich über meine Zukunft nach.“ Wir wollten alle nur in der Bundesliga bleiben. Aber dieser Umbruch war nötig, nach dem, was passiert ist.

Also können Sie nicht beurteilen, ob ein Umbruch schon früher hätte stattfinden müssen?

Wenn ich zweieinhalb Jahre für Arsenal arbeite, dann kann man mich wirklich alles über Arsenal fragen. Da weiß ich alles, aber nicht über Wolfsburg zum jetzigen Zeitpunkt.

Unter anderem wurde Ignacio Camacho verpflichtet. War das der wichtigste Transfer bisher?

Jede Mannschaft braucht Persönlichkeiten. Diego Benaglio, Marcel Schäfer, Luiz Gustavo oder Mario Gomez sind diejenigen, die in gewissen Momenten aufstehen. Robin Knoche, Josuha Guilavogui und Arnold kommen dahin. Wenn du Leute abgibst, schafft es Raum für diejenigen, die sich noch nicht so manifestiert haben und es bietet Raum für Neuzugänge. Camacho war vier Jahre Kapitän in Malaga und er spricht gutes Spanisch, ordentliches Englisch, aber kein Deutsch. Es ist noch schwer für ihn, sich als Führungsspieler zu zeigen.

Kann er zusammen mit Gomez das neue Gesicht des VfL werden?

Auch für ihn gilt: Er muss sich wie die andern erst beweisen. Und wenn er das schafft, dann ist für ihn die Möglichkeit genauso groß wie für alle anderen.

Mit Jannes Horn wurde ein Eigengewächs, ein großes Talent und ein Spieler verkauft, der den Verein jahrelang kennt. Wonach haben Sie diese Entscheidung getroffen?

Wir setzen auf einen Kader, auf dem die Feldspieler-Positionen doppelt besetzt sind. Wenn du drei Spieler für eine Position hast, hast du 30 Feldspieler. Und dann haben gewisse Spieler keine Perspektive. Wenn du Spieler Nummer 3 bist, wie groß ist dann die Chance auf Spielzeit? Die ist sehr limitiert. Und irgendwie ist beim VfL die Situation entstanden, dass es mit Ricardo Rodriguez, Marcel Schäfer, Jannes Horn, Yannick Gerhardt und Gian-Luca Itter fünf linke Verteidiger gab. Wir wollen aber nur mit zwei linken Verteidigern arbeiten – und das sind Yannick und Gian-Luca.

Wo haben die Beiden im Vergleich zu Horn Vorteile?

Da möchte ich nicht weiter ins Detail gehen. Nur soviel: Es gab für Jannes ein sehr gutes Angebot aus Köln. Und ich wollte die Möglichkeiten von Gian-Luca nicht blockieren.

Mal ein ganz anderes Thema: Ärgern Sie sich oft über Schiedsrichter?

Nein, ich bin sehr geduldig mit Schiedsrichtern und melde mich auch wenig beim vierten Mann. Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn. Ich rege mich nur über Situationen auf, in denen jeder sieht, was passiert, nur der Schiedsrichter nicht. Ich finde es aber menschlich, dass sie Fehler machen.

Das heißt, sind Sie ein Freund des Video-Beweises?

Ja, solange es um Fakten geht. Ich mag es nicht, wenn ein Video-Beweis studiert werden muss, wenn etwas fraglich ist. Es ist immer noch die Interpretation des vierten Offiziellen und es gibt immer noch Gründe, um zu diskutieren. Ob der Ball hinter der Linie ist, ist eindeutig zu erkennen. Und wenn es die technischen Mittel gibt, ist es doch gut. Das sind Fakten. Aber um zu schauen, ob ein Spieler mit 130 km/h am Arm angeschossen wurde oder nicht, bringt nichts. Lasst uns Fußball spielen!

Bildergalerie:  Andries Jonker im Sportbuzzer-Interview

Andries Jonker im Interview mit Marcel Westermann Zur Galerie
Andries Jonker im Interview mit Marcel Westermann ©

Ein trauriges Thema war der tragische Unfall von Ajax-Profi Abdelhak Nouri. Kennen Sie den Spieler persönlich?

Nein, persönlich nicht. Aber er ist ein Spieler, der viele Leute in Holland mit seiner Art ansprach. Er ist ein super Typ, hat - wie wir sagen – die amsterdamsche Sprache gesprochen und war ein klasse Fußballer, der perfekt dem Ajax-Gedanken entsprach. Und ich habe auch darüber nachgedacht, ob er uns nicht vielleicht helfen kann. Es gibt Spieler, die haben das gewisse Etwas. Da sieht man schon im Fernsehen, dass das ein feiner Typ ist - genau so war es bei ihm.

Wie haben Sie die Nachricht aufgefasst?

Wir hatten das Testspiel gegen die Veltins-Auswahl. Nach dem Spiel ist Riechedly Bazoer zu mir gekommen und war sehr aufgeregt. Er sagte: „Trainer, Trainer, haben Sie das gehört?“ Dann hat er mir sein Handy gezeigt und da wusste man nur von den Herzrhythmusstörungen. Später haben wir dann erfahren, wie lange er behandelt wurde und wie lange Nouri im Koma gehalten wurde. Und da habe ich schon geahnt, dass es wohl nicht gut ausgeht. Dann kamen die schlechten Gedanken.

Dieser Fall ist besonders tragisch, aber auch sehr speziell. Kann so etwas auch mit dem Leistungsdruck zusammenhängen?

Als kleiner Junge bin ich mit 70er-Jahre-Fußball aufgewachsen. Da haben in Deutschland Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Jupp Heynckes, Uli Hoeneß, Karl-Heinz-Rummenigge und Rainer Bonhof gespielt. Das sind überragende Namen, aber wenn du die Bilder siehst, ist es Zeitlupen-Fußball. Alles ist viel schneller geworden. Es geht irgendwann ans Limit. Irgendwann geht es nicht mehr schneller. Die Anforderungen sind groß. Wir sind seit Jahren an einem Punkt, an dem du nicht noch mehr Champions-League-Spiele, Pokalspiele und Länderspiele machen kannst. Die Karrieren werden immer kürzer. Die Profis schaffen es heute von 18 bis 30 oder 31 Jahren, selten länger. Die Verantwortlichen sollten sich wirklich fragen, ob wir so viele Spiele mit der Nationalmannschaft brauchen. Oder kann man nicht in Kategorie A, B und C gegen Spitzenmannschaften spielen und auf- und absteigen? Das würde die Anzahl der Spiele deutlich reduzieren.

Bis zum DFB-Pokalspiel in Norderstedt haben Sie noch zwei Wochen Zeit. Wie weit ist die Mannschaft aktuell?

So weit sie sein kann. Die ganze Vorbereitung läuft, wie man es sich wünscht. Es gibt Momente, in denen es gut aussieht, aber es gibt auch Momente, wo noch viel zu tun ist.

Was können die Fans nächste Saison vom neuen VfL erwarten?

Wir müssen dafür sorgen, dass die Atmosphäre genau so ist, wie bei meiner Ankunft. Nämlich, dass die Fans schätzen, was wir auf dem Platz machen, voll dahinter stehen und wir eine Art des Fußballspielens entwickeln, die die Leute sehen wollen. Wir spielen für die Fans, nicht für uns selbst.

VW-Vorstand und VfL-Aufsichtsratschef Francisco Javier Garcia Sanz hatte in Bad Ragaz gesagt, dass er mit einem einstelligen Tabellenplatz zufrieden wäre. Ist das ein realistisches Ziel nach diesem Umbruch?

Es freut mich sehr, dass er so ein großes Vertrauen in die Dinge hat, die Olaf und ich bisher umgesetzt haben und dass er so viel Vertrauen in die Mannschaft hat. Aber es ist mir noch zu früh. Wir haben noch gegen keinen Erstligisten gespielt. Und es gab noch kein Spiel, bei dem ich mir gedacht habe: So könnte die Mannschaft in Norderstedt aussehen. Von daher sollten wir abwarten.

Von Marcel Westermann