26. Juni 2020 / 16:52 Uhr

Wolfsburgs Arnold: „Vielleicht nominiert Löw ja eher Spieler aus dem Süden...“

Wolfsburgs Arnold: „Vielleicht nominiert Löw ja eher Spieler aus dem Süden...“

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Maximilian Arnold spricht im großen SPORTBUZZER-Interview auch über Jogi Löw.
Maximilian Arnold spricht im großen SPORTBUZZER-Interview auch über Jogi Löw.
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Maximilian Arnold - das Eigengewächs des VfL Wolfsburg hat seine beste Saison gespielt. Vor dem Saisonfinale der Fußball-Bundesliga, bei dem der VfL Meister Bayern München zu Gast hat, spricht der Mittelfeldspieler auch über Olympia - und über Bundestrainer Jogi Löw.

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Maximilian Arnold – das Eigengewächs des VfL Wolfsburg spielt seine beste Saison in der Fußball-Bundesliga. Der 26-Jährige ist lauf- und zweikampfstark, seine Standards waren in der Rückrunde brandgefährlich. Vor dem Saisonfinale am Samstag (15.30 Uhr) gegen Meister Bayern München spricht Arnold im großen SPORTBUZZER-Interview über sein Jahr, den VfL und Robin Knoche, der den Klub nach 15 Jahren verlässt.

Vier Tore, neun Vorlagen – so viele Scorerpunkte wie noch nie: Welche Note geben Sie sich für diese Saison?
Puh! Im Spiel gegen Augsburg bin ich eingewechselt worden, zwei Spiele habe ich gar nicht gemacht – eines in der Europa League, als wir schon durch waren, und eines in der Liga wegen meiner fünften Gelben Karte. Sonst war ich immer dabei. Ich könnte noch mehr Scorerpunkte haben, aber manchmal wollen die Jungs einfach nicht treffen, wenn ich vorlege… (lacht)

Was war jetzt mit der Note?
...keine Ahnung, vielleicht eine 3 oder eine 2,5.

Warum keine bessere?
Wenn ich wirklich mal 95 Prozent der Spiele auf einem konstant hohen Niveau spiele, dann geht das Richtung 2 oder 1,5.

Zwei Torvorlagen, ein Tor – beim 4:1 jüngst in Leverkusen haben Sie überragend gespielt…
...und dann kam so ein Spiel in Gladbach, in dem ich nicht gut war. Ganz generell mag ich es auch nicht, mich selbst zu bewerten. Das sollen andere machen. Aber um das abzuschließen: Eine Note zwischen 2,5 und 3 wäre ganz okay, denke ich.

Arnold macht die 200 voll: Das sind seine zehn Bundesliga-Highlights

Sein erstes Bundesliga-Spiel (26. November 2011, 0:2 in Augsburg): „Ich bin kurz vor Schluss eingewechselt worden und bin dann überall herumgerannt, weil ich so im Tunnel war – das habe ich noch nie erlebt, zudem war mir kalt, weil ich nur ein T-Shirt anhatte. Normalerweise trage ich ein langärmeliges, aber ich habe mich einfach nicht getraut, ein langes anzuziehen. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich mit darf, ich war damals 17, hatte mich darauf eingestellt, dass ich bei der A-Jugend spiele. Meine damalige Freundin und heutige Frau wollte mich an dem Wochenende besuchen, doch ihr musste ich eben mal schnell erklären, dass ich nicht da bin…“ Zur Galerie
Sein erstes Bundesliga-Spiel (26. November 2011, 0:2 in Augsburg): „Ich bin kurz vor Schluss eingewechselt worden und bin dann überall herumgerannt, weil ich so im Tunnel war – das habe ich noch nie erlebt, zudem war mir kalt, weil ich nur ein T-Shirt anhatte. Normalerweise trage ich ein langärmeliges, aber ich habe mich einfach nicht getraut, ein langes anzuziehen. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich mit darf, ich war damals 17, hatte mich darauf eingestellt, dass ich bei der A-Jugend spiele. Meine damalige Freundin und heutige Frau wollte mich an dem Wochenende besuchen, doch ihr musste ich eben mal schnell erklären, dass ich nicht da bin…“ ©

Wenn der Ball ruht, waren Sie in der Rückrunde besonders gefährlich – woher kommt diese neue Stärke bei Standards?
Irgendwann wurde es ja einfach mal Zeit dafür. Dann kriegst du für solche Situationen ein gutes Gefühl. Es passt gerade einfach. Aber die Dinger sind nicht immer gut. Nachdem es etwa in Leverkusen und gegen Frankfurt gut geklappt hatte, waren solche Standards von mir auch in Bremen erwartet worden. Da habe ich so für mich gedacht: ,Jungs, bleibt mal ruhig. Es wird auch ein paar Freistöße geben, die nicht so gefährlich reinfliegen werden.’

Beim Spiel in Frankfurt haben Sie Ihr 200. Bundesliga-Spiel gemacht – welche Highlights gab‘s für Sie in dieser Saison noch?
Unser Heimspiel gegen Gladbach war sicherlich eines – nicht nur, weil ich getroffen habe. Aber wenn du in der letzten Minute vor vollem Haus ein entscheidendes Tor schießt, ist das schon geil. Leverkusen war gut oder jetzt Schalke. Das waren ja schon Statements. Ich habe auf Schalke noch nie gewonnen. Highlights waren natürlich auch die Europa-League-Spiele. Ich habe es richtig genossen.

Gab es da ein spezielles Spiel?
Ich fand das in Malmö schon cool, als wir von so vielen VfL-Fans unterstützt worden sind. Das Spiel in der Ukraine gegen Olexandrija wiederum hätte es nicht unbedingt gebraucht, nur 3000 Leute im Stadion – das macht dann keinen Spaß.

Sie sind der Chef im VfL-Mittelfeld – wie fühlt sich das an?
Das ist schon gut. Ich bin jetzt keiner, der immer groß reden muss. Ich denke, ich habe gezeigt, dass man mir den Ball zuspielen kann. 95 Prozent meiner Aktionen sind meistens durchdacht, ich habe meist einen Plan, wo ich den Ball hinspielen werde.

Die meisten Bundesliga-Spiele für den VfL Wolfsburg

Die VfL-Dauerbrenner in der Bundesliga Zur Galerie
Die VfL-Dauerbrenner in der Bundesliga ©

Sie spulen mit die meisten Kilometer pro Spiel ab. Sind Sie auch mal müde?
Meistens in der 90. Minute (lacht). Mir hat mal jemand gesagt: Wer viel läuft, steht viel falsch. Vielleicht stehe ich ja häufiger falsch… Nein, Spaß beiseite: Meine Aufgabe ist es eben, im Mittelfeld viel zu laufen, viele Passwege zuzumachen.

Und wenn Sie mal müde sind, was hilft Ihnen dann?
Ich mache hier schon viel für meinen Körper – Yoga, Krafttraining, Kältebecken und so weiter. Ich dachte, ich wäre nach einer Saison wie dieser mit so vielen Spielen mehr kaputt. Aber dem ist nicht so. Seit unser Sohn auf der Welt ist, gehe ich abends nun mal früher ins Bett. Vielleicht hat ja auch das geholfen.

Also wäre es kein Problem für Sie gewesen, in diesem Sommer bei Olympia zu spielen?
Irgendwie wäre das schon gegangen.

Wie bitter ist es dann, dass die Spiele wegen Corona verlegt worden sind?
Ich glaube nicht, dass ich dabei gewesen wäre.

Ich wäre bei Olympia wohl nicht dabei gewesen

Aber im Vorfeld sprach doch vieles dafür.
Vieles aber auch dagegen. Normalerweise ist die Mannschaft im Mittelfeld gut besetzt. Ich glaube, es wäre eher um Positionen vorn und hinten gegangen. Es dürfen ja nur drei dabei sein, die älter als 23 Jahre sind.

Hat U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz Ihnen zur guten Saison gratuliert?
Wir haben ein paar Mal gequatscht. Er kann Zuckerbrot und Peitsche… Er sagt immer, was gut ist. Doch dann kommt auch noch ein „aber“. Ich finde das ganz gut, wie er das macht. Gratuliert zu dieser Saison hat er jedoch nicht.

Hat Bundestrainer Jogi Löw das getan?
Nein, ich habe zwei Handys, aber er hat wahrscheinlich keine der beiden Nummern von mir.

Ist die EM im nächsten Sommer Ihr Ziel?
Ich habe über 200 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel, international habe ich auch ein paar gemacht, bin relativ präsent in unserem Spiel, spiele für einen Top-Sechs-Verein der Liga – aber vielleicht ist es ein Problem, dass der Standort im Norden liegt...

Wie meinen Sie das?
Der Bundestrainer wohnt ja in Freiburg, vielleicht nominiert er eher Spieler aus dem Süden (lacht).

Freiburg ist ein gutes Stichwort im Zusammenhang mit dieser VfL-Saison: Nach der Hinspiel-Niederlage hat Oliver Glasner die Spieler in der Öffentlichkeit stark kritisiert. Haben Sie nach diesem Spiel geglaubt, dass es der VfL erneut nach Europa schafft?
Nicht wirklich, das muss ich ehrlich sagen. Wir haben danach einiges geändert – das war wichtig.

Was genau?
Das System wurde umgestellt, vorher hatten wir hinten mit Dreier- oder Fünferkette gespielt, danach mit Viererkette. Das Verrückte ist, dass du in einem System mit Viererkette viel mehr laufen musst, weil du viel schneller verschieben musst, aber wir machen das einfach viel, viel besser.

War das alles an Veränderung?
In den Köpfen hat sich danach auch etwas verändert, denn so wie in Freiburg konnten wir uns nicht mehr präsentieren, das war desaströs.

"Der Trainer hat gelernt, wir aber auch"

Wie kann man sich das vorstellen: Ist die Mannschaft in Sachen Systemwechsel auf den Trainer zugegangen?
Wir sind einfach enger zusammengekommen. Die Mannschaft und der Trainer. Wir saßen zusammen und haben die Dinge besprochen. Ich finde, wir haben ein gutes Miteinander. Man darf nicht vergessen, dass es für den Trainer das erste Jahr in der Bundesliga war, das ist nicht so einfach. Er hat gelernt, wir aber auch.

Wie geht er mit Krisen um? Wird er dann laut?
Nein, er bleibt sachlich, was uns auch geholfen hat, als wir in der Rückrunde in Köln und gegen Hertha gleich zu Beginn verloren hatten.

Kann Glasner denn überhaupt laut werden?
Natürlich, das war ja nach dem Freiburg-Spiel so. Da hat er ja nicht nur öffentlich gesagt, was ihm nicht passt, sondern intern auch. Er hat eine ruhige Art, aber wenn er mal aus der Haut fährt, knallt es schon ordentlich.

Versteht man dann als Spieler auch immer alles, weil der Trainer ja Österreicher ist?
Doch, doch. Er hat das Hochdeutsch drauf.

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Sie haben mal während der Corona-Pause geschildert, dass Sie Gänsehaut bekommen, wenn Sie in ein volles Stadion einlaufen. Wie war das damals in Augsburg beim ersten Liga-Geisterspiel?
Von der Atmosphäre her war das wie ein Testspiel. Wenn da sonst 20.000 oder 30.000 Leute zuschauen, fühlt man sich schon ein bisschen beobachtet. Da ist dann schon eine gewisse Anspannung da. Das fehlt einfach.

Haben Sie sich an die leeren Stadien gewöhnt?
Ja. Nach drei Spielen war das normal. Aber es nervt, deswegen will ich eigentlich gar nicht länger darüber reden.

Wie war der Moment, als die ersten Spiele wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden – hatten Sie damals die Befürchtung, dass die Saison vorbei sein könnte?
Ganz ehrlich: Man wusste gar nicht, was man denken soll. Man konnte das Ganze ja gar nicht richtig einschätzen. Wie schnell verbreitet sich das Virus? Wie ansteckend ist es? Das wusste ja zunächst keiner so richtig.

Viele Klubs sind wegen Corona in finanzielle Schieflage geraten. Zudem wird von Fans und Kennern der Szene lautstark darüber diskutiert, dass sich im Millionengeschäft Fußball etwas ändern müsste. Wie stehen Sie dazu?
Es wird immer Menschen geben, die viel Geld für Fußball ausgeben werden. Fußball ist ein Stück weit Spektakel. Schauen Sie doch mal nach Paris, was PSG für Neymar ausgegeben hat.

Die Top-Torjäger der Bundesliga-Geschichte des VfL Wolfsburg:

Platz 11 - Roy Präger - 24 Tore - 1994 bis 2003 Zur Galerie
Platz 11 - Roy Präger - 24 Tore - 1994 bis 2003 ©

Wird es solche Millionen-Deals auch nach Corona geben?
Das glaube ich schon. Dabei sollte es grundsätzlich ein Umdenken geben. Aber im Fußball wird es immer um viel Geld gehen. Und ich denke, das wird man auch nicht verhindern können, wenn man etwa mit der Einführung einer Gehaltsobergrenze kommt, so wie es sie in den USA gibt.

Machen Sie sich Sorgen, dass dem VfL im Sommer Top-Torjäger Wout Weghost weggekauft werden könnte?
Ich mache mir keine Sorgen, weil die Verantwortlichen bei uns dann bestimmt etwas in der Hinterhand hätten.

Sie meinen Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer?
Ja. Als sie 2018 hier angefangen haben, habe ich mir erhofft, dass es nach zwei Jahren Relegation in Folge wieder besser wird bei uns. Allein schon wegen Marcel, den ich ja gut kenne, weil ich mit ihm noch zusammengespielt habe. Ich schätze auch den Manager, aber zu Marcel habe ich aufgrund unserer gemeinsamen Zeit einen noch engeren Draht.

Robin Knoche geht nun – er ist wie Sie ein Eigengewächs des Klubs. Waren Sie überrascht darüber, als Sie davon gehört haben, dass er den Verein nach 15 Jahren verlässt?
Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet. Robin war schon lange hier. Und er hat ja auch immer gespielt. Deswegen kam das für mich schon überraschend. Aber im Fußball kann man eben nichts ausschließen.