03. September 2021 / 15:55 Uhr

Wolfsburg-Boss Schmadtke: "Wir hatten nicht die Idee, bei Ronaldo oder Messi anzufragen..."

Wolfsburg-Boss Schmadtke: "Wir hatten nicht die Idee, bei Ronaldo oder Messi anzufragen..."

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Transferbilanz und Ausblick: VfL-Manager Jörg Schmadtke.
Transferbilanz und Ausblick: VfL-Manager Jörg Schmadtke. © Imago Images / Regios24
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Das Transferfenster ist zu, der Kader des VfL Wolfsburg steht. Manager Jörg Schmadtke spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über die Ziele, über die Champions League - und über die Folgen des Wechselfehlers von Münster.

Durchatmen in der Länderspiel-Pause - nicht nur für die Nicht-Nationalspieler des VfL Wolfsburg, die ein paar Tage frei haben, sondern auch für den Manager. Jörg Schmadtke hat im Zusammenspiel mit Sportdirektor Marcel Schäfer in der vergangenen Wochen noch einmal am Kader des Champions-League-Teilnehmers geschraubt, seit dieser Woche ist das Transferfenster zu. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht Schmadtke (57) über den neuen VfL, die Ziele in dieser Saison - und seine Laune nach dem Wechselfehler von Münster.

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In den ersten Monaten der Pandemie wurde viel über mögliche Auswirkungen von Corona auf den Transfermarkt geredet, über Demut und Zurückhaltung. Haben Sie davon was gemerkt?

Ich habe immer gewarnt, zu diesem Thema nicht nur Sonntagsreden zu halten. Natürlich war in dieser Transferperiode einiges schwieriger, das hat man in den Gesprächen mit den Klubs gemerkt. Aber die großen Transfers liefen so wie vor der Pandemie, in der Hochpreislage ist alles beim Alten geblieben, das wird sich auch nicht ändern. In dem Bereich, für den wir uns interessieren, war schon zu merken, dass mehr Vorsicht herrscht.

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Der überraschendste VfL-Transfer war der von Dodi Lukebakio. Eine spontane Idee am Rande des Spiels bei der Hertha?

Nein, natürlich nicht. Das hatten wir schon länger im Kopf. Unsere Jungs in der Scouting-Abteilung machen einen Riesenjob, beobachten und kennen den Markt sehr genau. Wir waren in der Lage, bei diesem Spielerprofil auf mehreren Hochzeiten zu tanzen - und haben am Ende das gemacht, was umsetzbar war.

Aber nur auf Leihbasis - da könnte man den Verdacht bekommen, dass Sie vom Spieler nicht völlig überzeugt waren.

Könnte man. Aber dann würde man entlarven, dass man uns nicht besonders gut kennt. Seien Sie beruhigt: Wir machen nichts, nur weil wir Langeweile haben oder um irgendwen präsentieren zu können. Wir machen nur Dinge, von denen wir 100-prozentig überzeugt sind. Ein Leihgeschäft passte für alle Seiten am besten.

Aber ohne Kaufoption…

Wenn der Spieler bei uns so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, werden wir eine Lösung finden.

Mit welchen Grundüberlegungen sind Sie und Sportdirektor Marcel Schäfer in die Transferphase gegangen?

Wir haben die vergangene Saison analysiert und unsere Schlüsse gezogen.

Welche?

Im Wesentlichen drei Punkte: Erstens, dass wir für den Defensivbereich eine Verstärkung brauchen. Zweitens, dass wir in der Offensive variabler und flexibler sein wollen. Und drittens, dass wir einen Spieler mit Tempo und Tiefgang finden wollen, nach dem wir schon länger suchen.

Das hat alles geklappt. Was heißt das jetzt?


Dass wir jetzt einen Kader haben, der in der Breite stark ist und den wir in der Spitze punktuell verstärken konnten. Mit dem wir eventuelle Ausfälle leichter kompensieren können und mit dem wir ohne Qualitätsverlust auch mal in der Lage sind zu rotieren. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir umgesetzt – und dabei unser Budget eingehalten. Wie das zu bewerten ist, wird man am Ende der Saison sehen, und diese Beurteilung wird dann in der Regel am Tabellenplatz festgemacht. Wir glauben, dass wir einen Kader haben, mit dem wir unsere Ziele erreichen können – in der Bundesliga wollen wir uns wieder fürs internationale Geschäft qualifizieren, in der Champions League mehr als nur eine Nebenrolle spielen.

"Das Leipzig-Spiel hat gezeigt, wie es gehen kann"

In der Liga war der VfL bisher ohne Neuzugang in der Startelf erfolgreich – ist es jetzt die wichtigste Aufgabe, die Neuen in dieses ja offenbar funktionierende Gebilde zu integrieren?

Ja, es geht insgesamt um genau diese Herausforderung – auf das erfolgreich Gelernte der letzten beiden Jahre mit dem neuen Trainer nun neue Ideen obendrauf zu packen, ohne die alten Stärken zu vergessen. Das Spiel gegen Leipzig hat ja schon gezeigt, wie es gehen kann: In der ersten Halbzeit hatten wir viel Ballbesitz, am Ende haben wir so stark verteidigt, wie wir es schon in den letzten Jahren gezeigt hatten.

Mal ehrlich: Haben Sie damit gerechnet, dass das in den ersten Liga-Spielen so gut aussieht?

Dass wir mit neun Punkten starten, nachdem man sich in den Testspielen nur über die Ergebnisse zu unterhalten schien, war vielleicht ein bisschen überraschend. Aber die Testspiel-Ergebnisse waren ja erklärbar - die EM-Teilnehmer kamen später aus dem Urlaub, der Fitnessstand war noch nicht so gut wie er jetzt ist, wir hatten sehr junge Spieler dabei. Dass es dann in der Liga gut lief, lag dann sicher vor allem daran, dass das eine gewachsene Mannschaft ist. Wir haben jetzt drei Jahre lang alle Leistungsträger gehalten.

Ist das per se gut? Ein 30- oder 40-Millionen-Transfer nach England hätte ja auch ihren Spielraum auf dem Transfermarkt erhöhen können.

Es ist zumindest kein Dogma, alle Leistungsträger immer halten zu müssen. Aber es hilft dir in der frühen Saisonphase manchmal schon - weil wir eine Gruppe haben, die sich kennt, die gemeinsame Erlebnisse hatte und in der der eine weiß, was der andere tut.

Sind Sie ab und zu neidisch auf Ihre Kollegen in Madrid oder Manchester, die mit ganz anderen Summen hantieren können?

Nein. Ich bin total glücklich, da wo ich bin. Mich interessieren die Aufgabenstellungen in Wolfsburg, ich bin wirklich gern hier. Anderswo gibt es andere Strukturen, auch andere Eigentümerverhältnisse und andere Möglichkeiten der Refinanzierung.

Und ein anderes Verhältnis zu wirtschaftlicher Seriosität?

Ich würde es nicht als unseriös bezeichnen, was da passiert, vor allem nicht in England. Nichtsdestotrotz sind wir in Deutschland sehr von kaufmännischen Tugenden geprägt. Das hat dem Land auch über viele Jahre sehr gutgetan, Einnahmen- und Ausgabenseite nie völlig losgelöst voneinander zu betrachten.

Aber die Schere zwischen den europäischen Mega-Klubs und dem Rest geht weiter auseinander.

Mag sein, aber die Bayern zeigen, dass es trotzdem gehen kann. Sie geben auch nicht mehr aus als sie zur Verfügung haben – und sie merken die fehlenden Einnahmen in der Corona-Zeit. Dennoch haben sie eine Mannschaft, mit der sie die Champions League gewinnen können. Das hat eine Vorbildfunktion für die Liga. Unser Wettbewerb ist extrem stabil; und wer es bei uns schafft, sich mehrmals für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren, der ist auch in der Lage, dem einen oder anderen der ganz Großen mal ein Schnippchen zu schlagen und damit zu zeigen: Schau, mit unseren Tugenden geht es auch!

Rund um den VfL Wolfsburg

"Unser Ziel ist es, dauerhaft europäisch vertreten zu sein"

Auf der Ausgabenseite standen beim VfL in diesem Transferfenster so um die 40, 50 Millionen Euro, auf der Einnahmenseite stand „nur“ ein niedriger einstelliger Millionenbetrag. Macht die Champions League diese Differenz möglich?

Ja.

Wie groß war die Versuchung, bei neuen Spielern vielleicht doch auch mal ins noch teurere Regal zu greifen?

Wir hatten nicht die Idee, mal bei Ronaldo anzufragen. Oder bei Messi, auch wenn der ja ablösefrei war. Unsere Überzeugung hat sich ja nicht geändert. Wir wollen und wollten einen Kader, der eine hohe Wertigkeit hat, der sportlich stark ist – und in dem wir trotzdem noch Entwicklungspotenzial sehen.

Also ein Kader, der gut genug ist, um die Champions League wieder erreichen zu können – aber nicht so teuer, dass man sie jedes Jahr erreichen muss?

Das ist für uns eine der wichtigsten Planungsgrundlagen überhaupt. Wir haben in den vergangenen Jahren die Gehaltskosten erheblich gesenkt. Und wir sind weiterhin so aufgestellt, dass wir seriös weiterarbeiten können. Eine Stabilisierung auf internationalem Niveau wäre wünschenswert – da sprechen wir aber nicht unbedingt von der Champions League. Unser Ziel ist es, dauerhaft europäisch vertreten zu sein. Das ist und bleibt aber eine große Herausforderung. In der Bundesliga hast du vielleicht vier oder fünf Vereine, die versuchen, die Klasse zu halten – alle anderen spielen ums internationale Geschäft. Und da reden wir über fünf freie Plätze hinter den Bayern. Das ist der Konkurrenzkampf, dem wir standhalten wollen. Das versuchen alle anderen aber auch.

Für welchen Fußball soll die Mannschaft stehen?

Für VfL-Fußball: körperbetont spielen, mit Leidenschaft verteidigen, dazu auch mit technisch gutem Kombinationsspiel die Menschen begeistern. Wenn die Leute im Stadion sagen „Toll, wie die sich aus der Situation herausgespielt haben“, dann würde ich mich freuen.

Was gibt Mark van Bommel diesem Team?

Die fußballerische Komponente ist in seinem Denken und dem seines Trainerteams sehr ausgeprägt. Wie spielt man gegen tief stehende Abwehrformationen, wie kann man einen Gegner knacken, welche Passsituationen will man erzeugen? Gleichzeitig geht es auch für ihn um die Beibehaltung der defensiven Stabilität, die uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Wenn wir das dauerhaft kombiniert bekommen, wird es sehr unangenehm sein, gegen uns zu spielen.

"Über Aufgaben des Schiri-Gespanns müssen wir noch einmal reden"

Wie bewerten Sie – mit etwas Abstand und nach dem juristischen Nachspiel – den Wechselfehler von Münster? Können Sie mit dem Trainer mittlerweile darüber schmunzeln?

Nein, dazu war es zu ärgerlich. Wir haben einen Anspruch an unsere eigene Professionalität. Und dann ist sowas kein Spaß.

Wie sehr waren Sie auf dem Baum?

Lassen Sie es mich so sagen: Als ich nach der Rückfahrt aus Münster in Wolfsburg angekommen bin, war ich wieder unten. Aber am nächsten Morgen im Büro sind die meisten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unter den Tisch gekrochen, weil sie nicht unbedingt mit mir reden wollten.

Haben Sie mal über persönliche Strafen nachgedacht?

Was stellen Sie sich vor? Dass wir beim Oberbürgermeister beantragen, auf dem Rathausplatz einen Pranger aufzustellen? Nein, ernsthaft: Darum geht es doch nicht. Sondern darum, dass solche Fehler in Zukunft nicht mehr passieren können. Wir haben das aufgearbeitet. Aber zu dem Zeitpunkt, als es passiert ist, war uns klar, dass wir aufpassen müssen.

Auf was?

Dass diese Geschichte nicht die gesamte Saison verkompliziert und gefährliche Diskussionen entstehen lässt. Fünf von sechs Testspielen verloren, dann dieser Fehler – wir sind alle lang genug im Geschäft, um zu wissen, was passieren kann. Da werden dann in der öffentlichen Diskussion schnell Köpfe gefordert. Wir haben darum in unserer Stellungnahme auch deutlich gemacht, dass die Verantwortung bei uns liegt – aber dass es keine personellen Konsequenzen gibt. So haben wir dafür gesorgt, dass da gar kein Spalt bei uns entdeckt werden kann und dass Spekulationen gar nicht erst aufkommen. Wir sind gefestigt da rausgekommen – und ohne uns gegenseitig Schuld zuzusprechen.

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden?

Das wäre spekulativ, weil man ja nie weiß, wie weit man kommt. Aber bei allen Klubs, bei denen ich in den letzten 20 Jahren gearbeitet habe, haben wir im Etat fast immer nur mit der ersten Pokalrunde kalkuliert. Das galt auch jetzt. Von daher ist das überschaubar. Und damit auch erledigt.

Was ist mit der Rolle des Schiri-Gespanns und des vierten Offiziellen? Darüber wurde in den beiden DFB-Verhandlungen zwar geredet, ein Faktor bei den Urteilen war es offenbar nicht.

Über die Rolle und Aufgaben des Schiri-Gespanns müssen wir in der Tat noch einmal reden. Gern mit etwas Abstand, damit nicht der Eindruck entsteht, wir würden wegen unseres Ausscheidens nachkarten. Aber: Wofür ist der vierte Offizielle da? Wenn der nur kontrolliert, ob die Radlerhose unter den Shorts die richtige Farbe hat, dann brauchen wir ihn nicht, dann ist er auch zu teuer. Und was passiert denn, wenn wir uns beim nächsten Spiel in Fürth mit dem Gegner auf sieben Wechsel in fünf Slots einigen - und keiner protestiert? Der Schiedsrichter greift dann ja wohl nicht ein, jedenfalls verstehe ich beide DFB-Urteile so.

Sie sind Mitglied in der „DFL-Kommission Fußball“…

Und genau dort werde ich diese Frage aufwerfen. Das hat gar nichts mit unserem Ausscheiden zu tun – sondern damit, dass wir das mal klären sollten.

Würden Sie unterm Strich sagen, dass das Urteil trotz aller rechtlichen Fragen moralisch in Ordnung ist? Weil man doch erwarten darf, dass ein Bundesliga-Klub mit seinem großen Stab die Regeln kennt.

Ja, das kann man akzeptieren. Wenn man als Nicht-Beteiligter darauf guckt, empfindet man es sicherlich nicht als total wild und ungerecht, dass wir ausgeschieden sind.