15. November 2020 / 16:04 Uhr

VfL-Frauen 1:4 bei den Bayern: Mehr als nur eine Niederlage

VfL-Frauen 1:4 bei den Bayern: Mehr als nur eine Niederlage

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
VfL-Frust nach dem ersten Gegentreffer
VfL-Frust nach dem ersten Gegentreffer © 2020 Getty Images
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Der Classico des deutschen Frauenfußballs war eine klare Sache. Mit 4:1 gewann der FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg - und sorgt damit für neue Machtverhältnisse in der Bundesliga.

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Die Deutlichkeit des Ergebnisses ist das eine, die neue Tabellensituation das andere: Der Classico, das Bundesliga-Top-Spiel zwischen dem FC Bayern und dem VfL Wolfsburg, hat die Machtverhältnisse im deutschen Frauenfußball erst einmal verschoben. Der ewige Vizemeister aus München hat den Dauer-Rivalen und Dauer-Doublesieger am Sonntagnachmittag mit 4:1 (2:0) besiegt und den Vorsprung an der Tabellenspitze auf fünf Punkte ausgebaut. Seit fünf Jahren hat der VfL kein Spiel mehr so deutlich verloren - und es hätte sogar noch klarer ausgehen können. Wichtiger noch: Die Wolfsburgerinnen, die in den vergangenen Jahren in den entscheidenden Spielen stets reifer, entschlossener und darum auch erfolgreicher waren, können nicht mehr aus eigener Kraft Meister werden. Das mag nach gut einem Drittel der Saison noch nicht wichtig erscheinen - ist aber für den VfL eine völlig neue Ausgangslage. "Die Saison ist noch lang", so VfL-Kapitänin Lena Goeßling nach dem Abpfiff, "wir werden jetzt nicht aufgeben und sagen, dass die Meisterschaft schon entschieden ist."

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Was sich untern den Augen von Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß und Nachfolger Herbert Hainer auf dem Platz des Bayern-Campus abspielte, war dennoch mehr als nur eine Niederlage, es war eine zumindest vorläufige Wachablösung. Es gab nach dem Elfmeter-Tor von Lena Goeßling zum 1:3 (dem ersten Bayern-Gegentreffer der Saison) eine Phase, in der man dem VfL vielleicht hätte zutrauen können, die Sache doch noch spannend zu machen. Am Ende aber blieb es ein souveräner Bayern-Sieg durch Tore von Viviane Asseyi, Marina Hegering und Lineth Beerensteyn, dazu kam ein Eigentor von Dominique Janssen.

Die VfL-Frauen bei den Bayern - Der Classico in Bildern

Münchens Carina Wenninger (l), Lina Bühl (2.v.r.) und Hanna Glas (r) kämpfen mit Wolfsburgs Karina Saevik um den Ball. Zur Galerie
Münchens Carina Wenninger (l), Lina Bühl (2.v.r.) und Hanna Glas (r) kämpfen mit Wolfsburgs Karina Saevik um den Ball. ©

VfL-Trainer Stephan Lerch hatte dieselbe Elf aufs Feld geschickt, die in der Woche zuvor Turbine Potsdam mit 5:0 abgefertigt hatte. Die Gastgeberinnen überraschten derweil mit Lina Magull und Shootingstar Sydney Lohmann in der Startelf, deren Einsätze vor wenigen Tagen aufgrund kleinerer Blessuren noch fraglich waren. Mit Hanna Glas, Klara Bühl, Marina Hegering, Sarah Zadrazil und Viviane Asseyi spielten zudem gleich fünf Neuzugänge der Münchnerinnen von Beginn an - ein bisheriges Erfolgsrezept, denn die schnelle Integration der Spielerinnen hatte großen Anteil an der zuvor makellosen Bilanz von acht Spielen und acht Siegen.

Beide Mannschaften begannen mit viel Druck und liefen sich früh an. Doch die körperbetonte Partie blieb in der Anfangsphase chancenarm - einen ersten Aufschrei gab es nach acht Minuten, als FCB-Verteidigerin Amanda Illestedt im Strafraum den Ball nach einem Einwurf an die rechte Hand bekam. Schiedsrichterin Karoline Wacker (Marbach am Neckar) zeigte erst auf den Punkt, entschied sich dann zum Unmut der VfLerinnen aber doch für ein Stürmerfoul. Auch im weiteren Verlauf fand das Spiel überwiegend im Mittelfeld statt, die Gäste aus der Autostadt hatten jedoch etwas mehr Zug zum Tor, blieben aber zu ungefährlich.

Die Münchnerinnen trafen derweil mit ihrem ersten richtigen Angriff, nach 26 Minuten landete der Ball über links bei Bühl, die völlig frei und unbedrängt im Strafraum auf Lohmann weiterschob. Lohmann verstolperte die Kugel jedoch etwas, konnte aber dennoch Asseyi bedienen, die über rechts einlief. Katarzyna Kiedrzynek rannte der Französin noch entgegen, doch die 26-Jährige schoss eiskalt ein - 1:0!

Kurz vor der Pause schlug der Tabellenführer dann noch einmal zu und setzte den VfL unter Zugzwang: Ein Freistoß von Magull aus dem linken Halbfeld wurde Hegering regelrecht auf den Fuß serviert. Lena Oberdorf zögerte im Zweikampf, Kiedrzynek blieb auf der Linie, die Abwehrspielerin ließ sich aber nicht zwei Mal bitten und erhöhte auf 2:0! Im Gegenzug testete Goeßling Laura Benkarth erstmals mit einem satten Schuss.

Lerch reagierte und brachte zur zweiten Halbzeit mit Fridolina Rolfö und Shanice van de Sanden neue Dynamik und vor allem Schnelligkeit. Aber die Gastgeberinnen entschieden direkt nach Wiederanpfiff die Partie. Bühl setzte sich stark gegen Dominique Janssen durch, konnte im Strafraum erneut querlegen und Beerensteyn zum 3:0 bedienen. In den Minuten danach hätte der FCB die Führung noch ausbauen können, doch das Tor fiel auf der Gegenseite - nach Foul von Beerensteyn an Oberdorf, die vor allem im zweiten Durchgang extrem giftig wirkte, gab es einen Foulelfmeter, den Kapitänin Goeßling sicher verwandelte.

Danach versuchte der VfL viel, wirkte aber bei den Abschlüssen eher verkrampft als zielorientiert - und ein Janssen-Eigentor machte dann die letzten Hoffnungen zunichte. Am Ende hatte der FCB die Souveränität, die in den vergangenen Jahren zumeist den VfL ausgezeichnet hatte. Und während man den Wolfsburgerinnen in diesem Spiel ihre Personalprobleme deutlich anmerkte - Ewa Pajor (Knie-OP), Pauline Bremer (Kreuzbandriss), Sara Doorsoun (Knieprobleme) und vor allem Alexandra Popp (Kapselriss im Fuß) fehlten -, zeigte der Gastgeber, was in seinem Kader steckt: Trainer Jens Scheuer konnte mit Lea Schüller, Carolin Simon und Linda Dallmann Weltklasse-Spielerinnen einwechseln. Das kann der VfL grundsätzlich zwar auch - im Moment nicht so effektvoll und nachhaltig.

FCB: Benkarth - Glas, Wenninger, Hegering, Ilestedt - Magull (90. Soerensen), Zadrazil - Beerensteyn (89. Dallmann), Lohmann (73. Schüller), Asseyi (90. Simon) - Bühl (80. Laudehr).

VfL: Kiedrzynek - Hendrich, Goeßling, Janssen, Rauch (90.+1 Dickenmann) - Engen, Oberdorf (86. Cordes) - Wolter (75. Wedemeyer), Huth, Jakabfi (46. van de Sanden) - Saevik (46. Rolfö).

Tore: 0:1 (26.) Asseyi, 0:2 (43.) Hegering, 0:3 (47.) Beerensteyn, 1:3 (65.) Goeßling (Foulelfmeter), 1:4 (77.) Janssen (Eigentor).

Schiedsrichterin: Wacker (Marbach am Neckar).