03. Mai 2021 / 14:29 Uhr

Wolfsburgs Frauen-Trainer Lerch: "Wir haben die Messlatte sehr hoch gelegt"

Wolfsburgs Frauen-Trainer Lerch: "Wir haben die Messlatte sehr hoch gelegt"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Stephan Lerch
Stephan Lerch © Angelika Warmuth/dpa
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Am Sonntag spielen die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg gegen den FC Bayern - es ist das Spiel, das wohl die Meisterschaft entscheidet. VfL-Trainer Stephan Lerch spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über dieses Duell, die Zukunft des Frauenfußballs und seinen Wechsel nach Hoffenheim.

In dieser Woche steht die theoretische Prüfung an, dann ist Stephan Lerch auch offiziell Fußball-Lehrer. Ein erfahrener Trainer war er schon vor dem DFB-Lehrgang, an dem unter anderem auch Miroslav Klose, Andreas „Zecke“ Neuendorf, Hanno Balitsch und Tobias Schweinsteiger teilnehmen. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Frauenfußball-Coach des VfL Wolfsburg über den bevorstehenden Bundesliga-Gipfel und seinen Wechsel zur männlichen U17-Jugend von 1899 Hoffenheim nach der Saison.

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Herr Lerch, Sie stehen gerade kurz vor Vollendung Ihres Fußballlehrer-Lehrgangs in Frankfurt, die kommenden Wolfsburger Co-Trainerinnen Kim Kulig und Sabrina Eckhoff sind auch dabei. Welche Insider-Tipps haben Sie den beiden schon geben können?

Dass sie in Wolfsburg den Schichtverkehr meiden sollen (lacht). Das war etwas, das mir damals sofort aufgefallen ist, als ich in die Stadt kam. Ansonsten tauscht man sich natürlich aus, redet viel über Fußball.

Und schauen gewiss auch viel Fußball – etwa das Champions-League-Spiel der Bayern-Frauen am Sonntag gegen Chelsea. Welche Bedeutung hat das (hier Ergebnis) für die VfL-Partie am kommenden Sonntag gegen den FCB?

Da kann man wunderbar in alle Richtungen argumentieren. Als wir gegen Chelsea ausgeschieden sind, haben wir ein paar Tage später im DFB-Pokal gegen Bayern gewonnen. Es ist immer beides möglich. Verlierst du, kann dich das erst recht fürs nächste Spiel pushen. Gewinnst du, setzt das neue Kräfte frei. Entscheidender ist vielleicht die Belastung in der Summe. Und die war jetzt gerade beim FC Bayern höher – mit vielen Spielen in kurzer Zeit, die alle enorm wichtig sind, bei denen vielleicht auch nicht immer alle Top-Spielerinnen zur Verfügung stehen und bei denen man kaum rotieren kann. Das ist schon eine physische und mentale Belastung, wir kennen das aus den vergangenen Jahren. Wir hatten jetzt spielfrei, haben dadurch vielleicht nicht so den Rhythmus, dafür aber eine gewisse Frische. Das kann ein Vorteil sein.

Im Pokal haben Sie die Bayern geschlagen…


...und auch da spielte das alles schon eine Rolle. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber man muss auch zugeben, dass die Bayern vorher einen Tag weniger Pause hatten. Das hat man schon auch gemerkt.

Der VfL muss am kommenden Sonntag gewinnen, den Bayern könnte ein Unentschieden reichen. Macht das einen Unterschied?

Ich würde eher fragen: Wer hat den größeren Druck? Die Bayern spielen eine fantastische Saison, wurden zu Recht sehr gelobt und manchmal sogar gehypt. Jetzt aber wissen sie nach ihrer Niederlage gegen Hoffenheim genau, dass sich das plötzlich blitzschnell drehen kann. Wenn sie das ausblenden können, mit der jungen Mannschaft, die sie haben – Respekt. Für uns dagegen ist es eine zweite Chance, ein Geschenk.

In der Champion League ist Dauer-Sieger Lyon wie der VfL im Viertelfinale ausgeschieden. Ist es besonders bitter zu sehen, dass es jetzt nach fünf Jahren endlich wieder einen neuen Königsklassen-Sieger gibt – und Wolfsburg in der entscheidenden Phase nicht mehr dabei ist?

Ja, natürlich ist das auch ein bisschen traurig, wir wären schon gern mindestens bis ins Halbfinale gekommen. Aber wenn man sich die Saison anschaut – mit dem Umbruch im vergangenen Sommer, der kurzen Vorbereitung und mit unserem Verletzungspech, dann war das schon auch eine Mammutaufgabe. Wenn man in allen drei Wettbewerben weit kommen will, muss immer viel passen. Aber in dieser Saison ist eben vieles auch gegen uns gelaufen. Schade ist es dennoch.

Seit 2013 hat der VfL immer mindestens einen Titel gewonnen, aktuell ist die Chance auf einen Pokalsieg durchaus groß und die Chance auf die Meisterschaft immer noch da. Wäre es für Sie persönlich wichtig, dass nicht ausgerechnet Ihre letzte Saison in Wolfsburg ohne Titel bleibt?

In Wolfsburg ist es immer das Ziel, um Titel mitzuspielen. Aber ich weiß, dass diese Spielzeit keine normale Spielzeit ist – sondern die herausforderndste in meiner bisherigen Karriere. Ich würde unheimlich gern noch einmal mit allen, der Mannschaft, dem Trainerteam, dem Verein, meinen Abschied feiern. Und das nicht nur, um auf acht tolle Jahre zurückzublicken, sondern auch mit etwas Zählbarem in der Hand. Dabei geht es aber weniger um mich, sondern um das gemeinsam Erreichte. Und das wäre in dieser Saison noch einmal ein Stück höher zu hängen als in den Jahren davor.

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Durch die Erfolge der letzten Jahre hat VfL auch eine gewisse „Fallhöhe“ erreicht.

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Ja, das hat man dieses Jahr extrem gemerkt, vor allem in der Phase mit dem Remis in Freiburg und der Liga-Niederlage gegen Bayern in der Hinrunde. Wenn ich da so gelesen habe, wie vor allem überregional über uns berichtet wurde, habe ich manchmal gedacht: Wow, was ist das denn für eine Erwartungshaltung? Aber dann ist mir auch klar geworden: Wir selbst haben ja mit unseren Erfolgen die Messlatte auch sehr hoch gelegt. Von daher trifft es der Begriff „Fallhöhe“ schon ganz gut. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass viele in Deutschland sagen: Endlich wird der VfL vielleicht mal nicht deutscher Meister, endlich schafft es mal wer anders.

Das liegt ja vor allem an der Konkurrenz-Situation, die sich national und international verändert. Was wird der VfL in den nächsten Jahren sein?

Eine deutsche Spitzenmannschaft. Die Strukturen in Wolfsburg sind, wenn man es mit europäischen Spitzenklubs vergleicht, vielleicht nicht perfekt - und man muss sich immer fragen: Wo geht vielleicht noch mehr? Aber der VfL ist immer noch top und wird es auch bleiben: Wolfsburg und die Bayern werden auch im nächsten Jahr den Titel wieder unter sich ausmachen. Weil der Rest der Liga es nicht schafft, dauerhaft diese Lücke zu den beiden Spitzenvereinen zu schließen. Die Lage ist immer noch so, wie sie seit zwei, drei Jahren ist – es geht eigentlich nur darum, wer dritte Kraft wird. Das war eine Weile Freiburg, jetzt ist es Hoffenheim, die aber am Ende dieser Saison Top-Spielerinnen verlieren werden. Demnächst wird es dann wohl die Frankfurter Eintracht, die bisher vielleicht etwas zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht hat – oder Turbine Potsdam, die muss man da immer auf der Rechnung haben.

Wolfsburg also weiter nationale Spitze - und international?

Das ist eine ganz andere Hausnummer. Da sind mittlerweile andere Vereine vor dem VfL Wolfsburg, das muss man ehrlich sagen. Das haben wir in diesem Jahr gemerkt, und das wird nächstes Jahr nicht anders sein.

Welche Vereine muss man da besonders auf dem Schirm haben? Genannt werden immer wieder Real Madrid, Arsenal, Manchester City…

Bei Real muss man abwarten, wie sie dann konkret ihren Kader verstärken können. ManCity wird eine Rolle spielen, bei Arsenal steht eine Art Umbruch an, das kann spannend werden.

Sie selbst waren als neuer Arsenal-Trainer im Gespräch…

Habe ich auch gelesen (lacht).

Was war dran?

Ein ganz vager Kontakt, mehr nicht. Da war nie was Konkretes.

Jetzt werden Sie Trainer einer männlichen Jugendmannschaft in Hoffenheim. Ein bewusster Abschied vom Frauenfußball?

Nein, gar nicht. Ich war wirklich offen für alles. Und unter den Dingen, die möglich waren, war einfach die Aufgabe in Hoffenheim die, die mich am meisten gereizt hat. Was irgendwann später wird, kann ich nicht sagen. Aber eine Rückkehr in den Frauenfußball will ich auf keinen Fall ausschließen.

Ihr neuer Arbeitsplatz ist weniger als eine Autostunde von Ihrer Heimat Darmstadt entfernt. Hat das auch eine Rolle gespielt?

Ja, das war ein wichtiger Faktor. Aber nicht der einzige. Es ist sicher nicht schlecht, dass eigene Profil zu erweitern. Und ich finde es spannend zu sehen, was es noch gibt. Viele sagen ja, dass es schwer sei, vom Frauen- in den Männerfußball zu wechseln – weil man irgendwie diesen „Frauenfußball-Stempel“ hat. Vielleicht mache ich jetzt sogar einigen Mut, weil man sieht, dass es geht. Andersrum ist es aber auch nicht so, dass ich den Frauenfußball nur als Sprungbrett gesehen habe, um im Männerfußball zu landen. Das war nie mein Thema. Ich hatte einfach Bock auf die Aufgabe in Hoffenheim und habe darum für zwei Jahre unterschrieben. Was danach wird, weiß ich nicht.

Das bringt mich zu einer Frage, die ich vielleicht vor einigen Wochen noch nicht gestellt hätte…

Und zwar?

Haben Sie in Hoffenheim eine Ausstiegsklausel?

Verstehe (lacht). Was bekommen Sie auf so eine Frage denn sonst in der Regel als Antwort?

Dass über Vertragsinhalte Stillschweigen vereinbart wurde.

Dann bleiben wir doch an dieser Stelle einfach auch dabei.