26. Dezember 2021 / 23:36 Uhr

Wolfsburg-Geschäftsführer Schumacher: "Erwarte, dass der Frauenfußball im DFB eine größere Gewichtung bekommt"

Wolfsburg-Geschäftsführer Schumacher: "Erwarte, dass der Frauenfußball im DFB eine größere Gewichtung bekommt"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Beim VfL Wolfsburg für Frauenfußball verantwortlich: Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher.
Beim VfL Wolfsburg für Frauenfußball verantwortlich: Geschäftsführer Dr. Tim Schumacher. © Boris Baschin
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Der Frauenfußball gehört beim VfL Wolfsburg zum Zuständigkeitsbereich von Dr. Tim Schumacher. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der Geschäftsführer über die erfolgreiche Hinrunde - und über die Gestaltung der Zukunft, für die er vor allem den DFB in die Pflicht nimmt.

Die Hinrunden-Bilanz ist erfolgreich, die Perspektiven sind spannend. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht Dr. Tim Schumacher, als Geschäftsführer des VfL Wolfsburg unter anderem für den Frauenfußball zuständig, auch über den DFB, der im März einen neuen Präsidenten wählt. Seine klare Ansage: "Ich erwarte schon, dass Frauenfußball dann eine stärkere Gewichtung bekommt."

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Herbstmeister in der Bundesliga, in der Champions League im Viertelfinale - der Abschluss des Jahres hätte für die Fußballerinnen kaum besser sein können...

Beides macht uns stolz und glücklich - und vor allem haben wir in der Champions League gesehen, dass die erste Saisonhälfte alles andere als ein Selbstläufer ist. Für uns ist es schon enorm wichtig, dass wir weiter zu den Top Acht in Europa gehören.


Wie sehr hätte den VfL ein Aus in der Gruppenphase getroffen?

Es wäre sehr, sehr schade gewesen. Aber im Grunde ist das passiert, was wir ja alle wollen - eine Gruppe, in der es so eng zuging, dass am Ende Kleinigkeiten entscheiden können. Für den neutralen Beobachter eine Bilderbuch-Konstellation mit der Spannung am letzten Spieltag - und ein Beleg dafür, dass das neue Format der Champions League funktioniert. Ohne einem Verein oder einem Land nahe treten zu wollen: Zuvor war es doch oft so, dass man einige Vertreter der ersten oder zweiten Runde erst einmal googeln musste. Jetzt haben wir ein Format mit echten Spitzenteams in der Gruppe, das ist für Renommee, Attraktivität und Anerkennung der Sportart wichtig.

Auch wirtschaftlich?

Natürlich. Wir haben in der Gruppenphase drei Heimspiele, ein oder zwei echte Knaller als Gegner, dazu eine weitere attraktive Paarung. Die Spiele sind alle unter der Woche, haben verlässliche Anstoßzeiten und einen verlässlichen Übertragungspartner. Die K.o.-Runde setzt diesen spannenden und wichtigen Wettbewerb, nicht nur wirtschaftlich, noch einmal fort. Das ist ein Schub, den der Frauenfußball absolut verdient hat.

Barcelona ist Titelverteidiger und Top-Favorit, Juventus Turin ist in der K.o.-Runde, auch Real Madrid, PSG und Arsenal sind dabei - wird der VfL irgendwann der kleinste Fisch in diesem Champions-League-Teich sein?

Vom internationalen Bekanntheitsgrad der Vereine her, vielleicht. Aber wenn es um Frauenfußball geht, gehört der VfL Wolfsburg weiter zu den Großen in Europa. Der Wettbewerbsdruck wird allerdings künftig noch größer.

Wird er diese Rolle auf Dauer behalten können, wenn die Spielerinnen anderswo in Europa das dreifache, vierfache oder mehr verdienen können?

Wir müssen auch darauf achten, uns wirtschaftlich zu entwickeln - nicht nur der VfL, sondern die gesamte Bundesliga. Aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass wir in Wolfsburg durchaus auch Vorteile haben: eine gute Infrastruktur, einen gewachsenen Frauenfußball-Standort mit hoher Akzeptanz in der Stadt. Es gibt immer noch kaum bessere Klubs für junge Spielerinnen, um sich zu entwickeln. Aber klar: Wir in Deutschland müssen in der Vermarktung noch sehr viel mehr machen, um international nicht den Anschluss zu verlieren - oder um aufzuholen, denn England, Spanien und Frankreich sind da schon deutlich weiter als wir. Da müssen wir und der DFB unsere Hausaufgaben machen.

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Muss das wirklich der DFB machen? Oder wäre es nicht schlauer, analog zur DFL einen eigenen Ligaverband für den Frauenfußball zu gründen?

Da muss man in alle Richtungen denken. Beim DFB stehen jetzt entscheidende Weichenstellungen an, im März wird ein neuer Präsident gewählt. Ich erwarte schon, dass Frauenfußball dann eine stärkere Gewichtung bekommt. Natürlich kann es eine Lösung sein, es wie eine DFL zu organisieren - im Männerfußball war und ist das ja ein Erfolgsmodell. Aber auch, wenn die meisten Vereine die gleichen Interessen haben, darf man nicht vergessen, dass die Spreizung innerhalb der Liga - etwa zwischen Champions-League-Teilnehmern und den Teams unten in der Tabelle - enorm ist. Wir haben auf der einen Seite höchst professionelle Strukturen und auf der anderen Seite Teams, in denen viele Spielerinnen keinen Profivertrag haben.

Es geht also darum, erst einmal halbwegs vergleichbare Rahmenbedingungen zu schaffen?

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Ja, der DFB ist gehalten, für einheitliche Standards zu sorgen. Etwa auch bei der Infrastruktur. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass jeder Liga-Teilnehmer eine Rasenheizung hat, damit Anstoßzeiten und Spielpläne verbindlich sein können.

Auf welchem Weg ist der DFB da?

Auf der Arbeitsebene passiert schon einiges - was die Entscheidungsebene angeht, warten alle auf den März.

Die Champions League hat auch gezeigt, dass in anderen Ländern deutliche höhere Zuschauerzahlen möglich sind. Woran liegt das und was kann man in Deutschland tun?

Die anderen Ligen sind bei der Vermarktung des Frauenfußballs einfach weiter als wir, setzen auf ihre Zugpferde - wie etwa Italien mit Juventus Turin. Aber wenn es dort unter anderem mit Freikarten-Aktionen gelingt, in einer 900.000-Einwohner-Stadt gut 10.000 Zuschauende ins Stadion zu bekommen, kann man das nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Vor Corona hatten wir in Wolfsburg mit durchschnittlich knapp 2000 Zuschauern den größten Schnitt in der Liga und darüber hinaus immer wieder europäische Highlights wie das ausverkaufte Champions-League-Viertelfinale 2019 gegen Lyon.

Wäre es eine Idee, mit Highlight-Spielen wie jetzt in der kommenden Rückrunde gegen Arsenal oder Bayern in die VW-Arena zu gehen - und dann alle Anstrengungen zu unternehmen, dass sie auch ordentlich voll wird?

Das sind Möglichkeiten, über die wir nachdenken und die wir prüfen. Zudem sind aktuell – leider wie so Vieles – jegliche Planungen auch von der weiteren pandemischen Entwicklung stark beeinflusst.

Die Teilnahme an der Gruppenphase bringt rund eine halbe Million Euro sicherer Einnahmen, verglichen mit dem Männerfußball, wo der VfL in diesem Jahr gut 40 Millionen Euro verdient hat, ist das ein Klacks...

...aber für den Frauenfußball auch bei uns eine enorm wichtige Einnahme. Natürlich ist die Diskrepanz groß, aber das liegt in den Unterschieden der Vermarktbarkeit und am Ende nicht unwesentlich auch an der Frage, wie viel die übertragenden Sender zu zahlen bereit sind. Die neue Champions League sorgt jetzt schon ein Stück weit für Dynamik, die wir weiter vorantreiben müssen, damit das ein richtig etabliertes Produkt wird, das für mehr Fans, mehr Sponsoren und dadurch auch mehr Geld sorgen kann.

Dauerhaft mit dem VfL?

Natürlich ist das unser Ziel. Für uns ist es enorm wichtig, dass wir uns auch im nächsten Jahr wieder dafür qualifizieren - in einer Bundesliga, die in der Spitze diesmal so ausgeglichen ist wie vielleicht noch nie.

Wie kommt's?

Gerade bei den drei Champions-League-Teilnehmern machen sich die englischen Wochen, die Reisen und die Belastung bemerkbar. Dazu besteht der Kader bei den Bayern und bei uns fast nur aus Nationalspielerinnen. Das ist dann schon eine Vierfach-Belastung. Bei uns kam noch dazu, dass wichtige Spielerinnen fehlten - etwa Alexandra Popp, die nun hoffentlich bald wieder dabei ist. Oder eine Ewa Pajor, die die ganze Saison ausfällt und deren Fähigkeit, mit Toren im richtigen Moment Spiele zu beeinflussen, uns schon hier und da gutgetan hätte.

Der VfL hat seit 2013 in jedem Jahr immer mindestens einen Titel gewonnen, der permanente Erfolg ist fast zum Markenkern geworden. Ein Jahr ohne Titel würde als Rückschritt wahrgenommen werden...

Vielleicht bei denen, die nicht so im Thema sind. Wer genau hingeguckt hat, der weiß, wie knapp es bei unseren Meisterschaften und zuletzt auch immer wieder in den Pokalfinals zuging.

Würde der Frauenfußball in Wolfsburg ohne einen Titel ein Stück seiner Identität verlieren?

Wir machen Frauenfußball aus Überzeugung, weil er mittlerweile zur DNA Wolfsburgs und des VfL gehört - und das wäre auch ohne Titel so. Das ändert nichts an unserem Anspruch und an unseren Zielsetzungen - wir wollen nationale Titel gewinnen und international wettbewerbsfähig bleiben.