17. März 2018 / 09:00 Uhr

VfL Wolfsburg: Klub-Legende Marcel Schäfer über sein erstes Jahr in den USA

VfL Wolfsburg: Klub-Legende Marcel Schäfer über sein erstes Jahr in den USA

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
marcel schäfer
Erlebte ein aufregendes erstes Jahr in den USA: Ex-VfL-Rekordspieler Marcel Schäfer.
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Marcel Schäfer – vor einem Jahr erfüllte er sich zusammen mit seiner Frau Nadine und den drei Kindern einen Traum und wechselte in die USA. Bevor am Samstag die neue Saison in der USL, der zweithöchsten Liga der USA, beginnt, schaut Schäfer für den SPORTBUZZER zurück und gleichzeitig nach vorn. Zurück auf sein erstes Jahr im Sonnenstaat Florida, in dem er mit den Tampa Bay Rowdies erfolgreich war. Das VfL-Idol spricht aber auch über die Krise des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten, über die beginnende neue USL-Saison bei North Carolina FC, sein neues Haus in Wolfsburg, und Erfahrungen, die er neben dem Platz gesammelt hat. Spätestens im Sommer 2019 kehrt der Meisterspieler zum VfL zurück und wird Sportlicher Leiter.

Wir werden endlich Wolfsburger

Wir haben ja schon etwas länger nach einem Haus in Wolfsburg gesucht – an Weihnachten des vergangenen Jahres, als wir zu Besuch zu Hause waren, ergab sich die Gelegenheit, zwei, drei Objekte anzuschauen. Wir sind jetzt stolze Eigentümer eines Hauses am Klieversberg. Wichtig war für uns: Nach Fallersleben ist es nicht weit, da haben wir unseren Freundeskreis. Zum VfL ist’s ebenfalls eine kurze Tour, so dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Ich genieße jetzt erst einmal weiterhin meine Bildungsreise.

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Der finanzielle Aspekt hat bei diesem Schritt in die USA keine Rolle gespielt. Die Erfahrungen, die wir als Familie sammeln, und wenn ich sehe, was meine Kinder alles gelernt haben, allen voran die englische Sprache, ist das  einfach unbezahlbar.  Es war aber nicht immer alles traumhaft. Bei einem Umzug mit drei Kindern in ein anderes Land, gilt es auch, viele Hürden zu nehmen, und es war auch sehr viel Arbeit. Trotzdem bin ich froh und auch stolz darauf, dass wir das gemacht haben. Für meine Familie und mich ist das hier das beste Investment, das ich je getätigt habe.

Ich fiebere mit dem VfL

Jeder, der mich kennt, weiß, wie viel mich mit dem Verein und der Stadt verbindet. Meine Familie und ich drücken alle Daumen, die wir haben. Und natürlich würden auch wir den Verein gern in anderen Tabellenregionen sehen, aber wichtig ist jetzt, kühlen Kopf zu bewahren. Dass das nicht einfach ist, weiß ich selbst, ich fiebere hier extrem beim Anschauen der Spiele. Ich habe mit dem VfL vereinbart, dass wir spätestens im Sommer 2019 zurückkehren werden. Ich möchte meine Philosophie und meine Werte mit einbringen, damit es wieder besser läuft. Ich möchte meinen Ehrgeiz vom Platz auf den neuen Job im Büro übertragen, gleichwohl aber auch im Leben nach dem Fußball eines bleiben – ein Teamplayer.

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Leistungsträger: Marcel Schäfer musste in seinem ersten Jahr bei den Tampa Bay Rowdies fleißig Autogramme schreiben. Zur Galerie
Leistungsträger: Marcel Schäfer musste in seinem ersten Jahr bei den Tampa Bay Rowdies fleißig Autogramme schreiben. ©

Wahnsinn, wie detailversessen hier in den USA gearbeitet wird

Ich war ja recht viel unterwegs. Ich war beim College-Football-Finale, habe bei sämtlichen Vereinen in der Region wie den Tampa Bay Buccaneers, Tampa Bay Rays oder den Tampa Bay Lightning Führungen bekommen, habe Praktika gemacht und konnte so sehr interessante und wertvolle Gespräche mit Verantwortlichen und Trainern jeglicher Sportarten führen können. Beim Teamsport kommt man unabhängig der Sportart zwangsläufig aber immer auf dieselben Aspekte. Es ist schon Wahnsinn, wie detailversessen und akribisch hier gearbeitet wird. Bei den Buccaneers etwa gibt es für jede Position einen eigenen Videoraum, in denen Spielern gezeigt wird, was sie richtig und falsch machen. Ich werde jetzt beim VfL nicht verlangen, dass man nur noch Videoräume baut, aber etwas von dieser Akribie kann man schon übertragen.

Im Sport geht’s darum, welche Philosophie und welche Werte man als Verein vorlebt. Es stellt sich die Frage: Wie stellt man eine Mannschaft zusammen? Welche Kriterien spielen bei Verpflichtungen eine Rolle? Und wie bekommt man es hin, dass eine Mannschaft sich nur auf ein Ziel fokussiert? Das alles wird hier total detailversessen angegangen. Man kann nicht alles auf den VfL übertragen, aber das eine oder andere sicher schon. Jeden Tag wird hier versucht, den Spieler, den Mannschaftsteil sowie das Team zu verbessern. Es werden sehr viele Zusatzschichten absolviert. Der Besuch bei Daniel Theis bei den Boston Celtics etwa ist bei mir extrem hängen geblieben. Da arbeitet jeder Spieler mit seinem eigenen Trainer an den Stärken und Schwächen. Das ist schon Wahnsinn.

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Ich hatte hier eine tolle Saison

Ich bin stolz darauf, dass der VfL mir vor einem Jahr angeboten hat, sofort ins Management einsteigen zu können, aber ich war noch nicht bereit dafür, ich wollte auch nicht zu einem anderen Klub in Deutschland wechseln, sondern in die USA. Ich habe die Entscheidung aus Liebe zum Fußball getroffen. Ich habe ja immer gesagt, dass das hier eine Bildungsreise ist. Und die hat sich gelohnt – ich hatte hier im vergangenen Jahr eine tolle Saison, wurde in die Elf des Jahres gewählt, habe das Tor des Jahres geschossen. Sicher, die Liga hier hat nicht das Niveau der Bundesliga, aber nach all den Jahren in der Bundesliga ging es mir auch nicht darum – ich wollte einfach wieder jede Woche auf dem Platz stehen, für die Mühen, die man unter der Woche betreibt, belohnt werden, wollte Erfolge feiern, wollte mich über Niederlagen ärgern – all das habe ich hier vorgefunden.

Ich war ein wichtiger Bestandteil dieser Mannschaft, wir sind nach sechs Jahren Abstinenz wieder in die Play-Offs gekommen, haben uns bis ins Halbfinale gekämpft und sind dann erst in der Verlängerung gegen Red Bull New York II leider ausgeschieden. Diesmal wollen wir es besser machen. Es wäre riesig, wenn wir die Meisterschaft gewinnen können. Noch einmal Champion zu sein – auch dafür bin ich hierhergekommen. Wir haben eine gute Mannschaft und sind in der Lage, diese Liga zu gewinnen.