28. Mai 2021 / 13:22 Uhr

Wolfsburgs Arnold: "Früher durfte ich Champions League nicht schauen..."

Wolfsburgs Arnold: "Früher durfte ich Champions League nicht schauen..."

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Schaut zurück und voraus: Maximilian Arnold vom VfL Wolfsburg.
Schaut zurück und voraus: Maximilian Arnold vom VfL Wolfsburg.
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Maximilian Arnold wird immer mehr zum Gesicht des VfL Wolfsburg - in der neuen Saison wird er die VfL-Rekordspieler Marcel Schäfer und Diego Benaglio überholen. Aber schon jetzt gibt's deswegen Frotzeleien.

Maximilian Arnold hat mit dem VfL eine tolle Saison gespielt - und freut sich nach Platz vier auf die neue Spielzeit, in der der Wolfsburger Fußball-Bundesligist in der Champions League dabei ist. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht das Eigengewächs über die Super-Saison, die Trennung von der Familie an Weihnachten, nachdem er sich mit Corona infiziert hatte, einen Schlafcoach, die Olympischen Spiele und Süßigkeiten.

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Sie haben mal gesagt, dass Sie sich vorstellen könnten, Ihre Karriere bei Dynamo Dresden ausklingen zu lassen. Was haben Sie mehr gefeiert: Die Rückkehr von Dynamo in die 2. Liga oder den Champions-League-Einzug mit dem VfL?

Ganz klar unseren Einzug in die Champions League (lacht). Dass beides an einem Wochenende passiert ist, war aber schon geil. Ich hab‘ mir das Dynamo-Spiel im TV angeschaut, es hat mich schon gefreut, dass Dresden wieder zurück ist. Und dann habe ich in Leipzig auch noch mein 250. Bundesliga-Spiel für Wolfsburg gemacht, aber die Kirsche auf der Sahne war das Erreichen der Champions League.

Sie haben jetzt 251 Bundesliga-Spiele für den VfL absolviert und werden die VfL-Rekordspieler Marcel Schäfer (256) und Diego Benaglio (259) bald überholen. Was bedeutet es Ihnen, so viele Spiele für den VfL bestritten zu haben?

Das ist etwas ganz Besonderes. Wenn man mir das damals gesagt hätte, als mich Felix Magath zum ersten Mal hat spielen lassen, hätte ich es sofort unterschrieben. Ich muss mich ab und an kneifen, dass es jetzt schon so viele Partien sind.

Marcel Schäfer und Sie kennen und schätzen sich. Gibt es trotzdem Frotzeleien, wenn es darum geht, dass Sie ihn bald überholen werden?


Klar, er sagt mir immer, was er von mir hält (grinst). Und das ist meist nie positiv…(lacht laut). Nein, im Ernst: Ich freue mich schon ein bisschen, wenn ich ihn dann überholt habe, das wird ein schönes Gefühl sein. Das weiß ich jetzt schon…

Sie haben Anfang des Jahres Ihren Vertrag beim VfL vorzeitig bis 2026 verlängert…

...weil es natürlich für mich hier fast immer gut gelaufen ist. Ich hatte nie das Gefühl, mich sportlich verändern zu müssen. Ich bin dankbar und komme gern zur Arbeit. Meine Familie fühlt sich hier wohl. Es passt alles. Und jetzt spielen wir bald wieder Champions League. Schon als kleiner Junge habe ich von solchen Momenten geträumt. Früher durfte ich das nicht schauen, weil die Spiele ja so spät sind. Als ich dann älter wurde, war das anders. Dieses Gefühl, jetzt bald wieder selbst ein Teil davon zu sein, das ist schon geil.

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Die VfL-Dauerbrenner in der Bundesliga ©

"An die Champions League habe ich nicht gedacht"

Hätten Sie vor der Saison darauf gewettet?

Nein, auf gar keinen Fall.

Warum nicht? Der VfL hat einen Kader, dem man die Königsklasse durchaus zugetraut hatte.

Die Europa League war für mich schon realistisch. Aber an die Champions League habe ich nicht gedacht. Und als wir in der Quali zur Europa-League-Gruppenphase in Athen verloren haben, erst recht nicht. Damals war ich schon ziemlich niedergeschlagen und traurig. Danach gab es Druck von außen, zumal auch die Ergebnisse in der Liga ja nicht so gut waren. Und später kamen noch ein paar andere Sachen hinzu.

Denken Sie gerade an den öffentlichen Zwist mit dem Trainer, als er die Transferpolitik des Klubs kritisiert hat?

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Ja, unter anderem. Aber ganz ehrlich: Bei uns Spielern hat das wirklich keine Rolle gespielt. Auch die vielen Unentschieden am Anfang in der Bundesliga haben uns nicht aus der Bahn geworfen.

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass es trotz des holprigen Starts für die Königsklasse reichen kann?

Als wir die vielen Spiele in Folge zu null gespielt haben. Das begann mit dem Hinrunden-Finale in Mainz Mitte Januar und endete ja erst Anfang März, als wir im Pokal in Leipzig rausgeflogen sind. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich nach der Niederlage gegen Dortmund am viertletzten Spieltag schon dachte: Mist, jetzt kann das noch mal richtig eng werden. Vielleicht sind wir doch noch nicht bereit für die Champions League.

Und wann waren diese Zweifel wieder weg?

Nach dem Union-Spiel. Das war für mich eines der krassesten Heimspiele der Saison. Mit welcher Souveränität wir dieses Spiel gespielt haben, war schon richtig, richtig gut, zumal Union ja schon eine sehr griffige Truppe hat. Wir mussten unbedingt gewinnen. Und wir haben gewonnen. Hut ab!

Speziell um das Union-Spiel herum hatten der Trainer und seine offene sportliche Zukunft in der Öffentlichkeit im Blickpunkt gestanden.

Ja, das stimmt schon, aber ich habe mir da wirklich keinen Kopf drüber gemacht, weil ich ohnehin nichts daran ändern konnte. Ich finde, man muss der Mannschaft gerade für diese Zeit ein Kompliment machen, denn keiner bei uns hat sich vom Trainer-Thema beirren lassen, was wir ja auch mit dem 2:2 in Leipzig gezeigt haben. Und dann war alles klar mit der Champions League.

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Sie sind schon lange beim VfL – ist das die beste VfL-Mannschaft, in der Sie je gespielt haben?

Nein, aber ich habe noch in keiner Mannschaft mit solch einer Geschlossenheit gespielt. Das hat man auch nach dem Einzug in die Champions League abends im Hotel gemerkt. Alle Spieler waren dabei, als wir gefeiert haben. Es kann ja mal vorkommen, dass sich der eine oder andere in solchen Momenten abkapselt, aber diesmal waren alle da. Alle. Aber das war nicht nur wegen der Feier so, diese Geschlossenheit haben wir ab dem Ausscheiden in Athen immer gelebt.

Jetzt steht der VfL vor einer Saison mit drei Wettbewerben. Haben Sie Respekt vor dieser neuen Herausforderung?

Ich freue mich einfach darauf und werde versuchen, noch besser zu regenerieren. Ich arbeite zum Beispiel mit einem Schlaf-Coach zusammen, der Matratze, Lattenrost, Kissen und Decke für mich angepasst hat.

Haben Sie denn vorher schlecht geschlafen?

Nein, das nicht. Aber man kann sich ja auch beim Thema Regeneration weiterentwickeln, einfach mehr tun. Ich möchte noch ein paar Jahre auf höchstem Niveau Fußball spielen, deshalb habe ich in Absprache mit einem Koch auch meine Ernährung umgestellt.

Sind Süßigkeiten jetzt verboten?

An freien Tagen nicht. Aber wir hatten in dieser Saison mal vier Wochen lang keinen freien Tag – und da gab es dann auch vier Wochen lang keine Süßigkeiten.

Ist es Ihnen schwergefallen, darauf zu verzichten?

Nein, ich weiß, wofür ich das mache. Ich habe auch kein Problem damit, wenn sich meine Frau oder unsere Kinder am Wochenende ein Eis gönnen, schließlich muss ja ich am Wochenende über den Platz rennen und nicht meine Frau (grinst).

Sie selbst hatten sich vor Weihnachten mit Corona infiziert, konnten Ihre Familie deswegen nicht in den Arm nehmen. War das Ihre härteste Zeit als junger Vater?

Auf jeden Fall. Das war schlimm für mich. Das möchte ich so auch nie wieder erleben. Ich hatte zwar an Heiligabend über Videotelefonie Kontakt zu meiner Familie, das war auch schön, aber trotzdem hatte ich Tränen in den Augen, denn ich konnte nicht bei ihnen sein.

Olympische Spiele? "Da wäre ich sehr gern dabei"

Haben Sie irgendwann mal gedacht: Sch… Corona?

Nein, aber klar wünsche auch ich mir, dass wir alle miteinander schnell wieder ein Stück weit Normalität erleben dürfen. So ganz einfache Dinge wie problemlos ins Restaurant gehen zu können. Ich war jetzt keiner, der vor der Pandemie Dauergast in Restaurants war, aber jetzt würde ich so etwas gern mal wieder machen können.

Die vorhergegangene Spielzeit - viele sprachen da von ihrer besten im VfL-Trikot – die haben Sie mit konstant guten Leistungen in diesem Jahr bestätigen können.

Mein Berater hat mir sogar gesagt, dass ich noch mal ein Stück besser geworden bin. Ich selbst weiß nicht so richtig, aber ich glaube ihm. Er ist ja schon ein bisschen älter und erfahrener als ich es bin...(grinst). Ich sehe es so: Ich denke, ich habe noch ein Stück mehr Konstanz in meine Leistung und mehr Ruhe in mein Spiel gebracht. Ich habe natürlich noch das gleiche Feuer und will jedes Spiel gewinnen. Aber wenn ich früher zwei, drei Fehlpässe in Folge gespielt habe, ging bei mir danach gar nichts mehr – jetzt passiert mir das auch noch, aber es geht danach bei mir weiter.

Trotz toller Leistungen hatte sich abgezeichnet, dass Sie bei der nun bevorstehenden EM nicht dabei sein werden. Sind Sie noch sauer auf Bundestrainer Jogi Löw?

Nein, ich hege keinen Groll, zumal ich am Ende auch keine große Hoffnung hatte, da dabei sein zu dürfen.

Und was ist mit den Olympischen Spielen, die ja auch in diesem Sommer anstehen?

Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob mich Stefan Kuntz mitnimmt. Ich würde mich jedenfalls nicht beschweren, da wäre ich sehr gern dabei.