20. November 2020 / 14:20 Uhr

Wolfsburg-Neuzugang Philipp über Moskau, Millionen und Frechheiten in der Pubertät

Wolfsburg-Neuzugang Philipp über Moskau, Millionen und Frechheiten in der Pubertät

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Wolfsburgs Offensiv-Neuzugang: Maximilian Philipp.
Wolfsburgs Offensiv-Neuzugang: Maximilian Philipp. © Imago Images / Roland Hermstein
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Er gibt nicht so gern Interviews - aber wenn er redet, dann frei heraus: Maximilian Philipp, Neuzugang des VfL Wolfsburg, erzählt im Gespräch mit dem SPORTBUZZER von Frechheiten in der Pubertät, seiner Zeit in Moskau und seiner Einstellung zu Ablösesummen.

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2019 hat es nicht geklappt, 2020 war es dann so weit: Maximilian Philipp landete beim VfL Wolfsburg. Der Offensivmann, der am liebsten hinter der Spitze spielt, wurde Anfang Oktober der vierte und bisher letzte Neuzugang der Niedersachsen vor dieser Saison. Der VfL lieh ihn zunächst für ein Jahr von Dinamo Moskau aus, hat dann eine Kaufoption. Für den gebürtigen Berliner ist Wolfsburg nach Freiburg und Dortmund die dritte Station in der Fußball-Bundesliga. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht der 26-Jährige über Frechheiten in der Pubertät, seine Zeit in Moskau und seine Einstellung zu Ablösesummen.

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Es heißt, Sie geben nicht gerne Interviews...

Stimmt.

Wie kommt’s?

Ich bin eigentlich vom Typ her eher zurückhaltend, so war ich schon immer. Wenn mich jemand etwas fragt, antworte ich gern. Aber unaufgefordert zu reden, das ist so gar nicht meins.

Andererseits wird Ihnen auch nachgesagt, Sie hätten vor allem als Jugendspieler eine ziemlich große Klappe gehabt.

In der Pubertät war ich ein bisschen frech, aber wer war das nicht? Bei mir kam halt manchmal eine eher unangebrachte Wortwahl dazu, die mich auch ganz schön in Schwierigkeiten gebracht hat.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Ich war 15 oder 16, als ich mit zwei Kumpels mal nachts in Berlin unterwegs war. Da liefen uns zwei ältere Typen über den Weg, die komisch geguckt haben. Ich hab’ die dann eigentlich grundlos angepöbelt - und schon waren sie hinter uns her. War auch nicht gerade die allerbeste Gegend in Berlin.

Und dann gab’s auf die Fresse?

Nee, zum Glück war eine Sporthalle in der Nähe, in der wir uns auskannten. Die hatte drei Etagen, da haben wir sie abgehängt. Und einer meiner Kumpel wohnte in der Nähe, da sind wir dann hin.

"Auf dem Platz so benommen, dass es mir selbst unangenehm war"

Waren Sie auf dem Platz auch unangenehm? Und haben Sie sich damit auch mal selbst im Weg gestanden?

Manchmal, ein paar Momente fallen mir da schon ein. Einer davon war sogar in Wolfsburg, mit der A-Jugend von Energie Cottbus.

Erzählen Sie mal...

Ich habe ein Tor geschossen und mit dem Jubel dann eine Geste für meinen Vater gemacht, der gerade gestorben war. Ein Wolfsburger Spieler hat mich dann deswegen blöd angemacht - und beim nächsten Zweikampf bin ich dann... wie soll ich sagen: Ich haben ihn mit Voll-Karacho umgetreten. Ich hätte mir selbst dafür eine Rote Karte gegeben, da bin ich glimpflich davongekommen. Stephan Schmidt, der damals Wolfsburger Trainer war, hat seinen Spieler dann nach dem Abpfiff aufgeklärt, danach hat er sich bei mir entschuldigt. Generell habe ich mich auf dem Platz manchmal so benommen, dass es mir selbst im Nachhinein unangenehm war. So war ich halt.

Hat sich Ihr Benehmen auf dem Platz irgendwann geändert?

Als ich dann von Cottbus nach Freiburg gewechselt bin, habe ich schnell gemerkt: Hier ist einiges anders, bei Christian Streich kommt ein Lautsprecher nicht so gut an. Meine Art wäre da schnell nach hinten losgegangen.

War die Umstellung schwer?

Nein, ich bin ja eigentlich kein asozialer Typ, sondern gut erzogen und mit einem Bewusstsein für Respekt und Höflichkeit. In Freiburg habe ich dann gelernt, dass das auch auf dem Fußballplatz etwas wert ist. Und dass man auch dort gewisse Regeln einhalten sollte.

Sie haben gerade den Tod Ihres Vater erwähnt, Ihre Mutter lebt in Berlin – das ist nur eine Zugstunde von Wolfsburg entfernt. War diese Nähe auch ein Grund für den Wechsel von Moskau nach Wolfsburg?

Ja, klar. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch von Dortmund aus regelmäßig nach Hause fahren konnte. Und auch von Moskau nach Berlin gab es vor Corona gute Flugverbindungen, nur der Weg durch den Moskauer Verkehr zum Flughafen war oft stressig.

Schon vor einem Jahr waren Sie fast beim VfL gelandet – das klappte dann nicht, und Sie wechselten von Borussia Dortmund nach Moskau. Wechsel in die russische Liga – sei es Kuranyi, Schürrle oder Höwedes - sehen immer ein bisschen so aus, als wäre es die „letzte Chance“, weil andere Optionen nicht geklappt haben. War das bei Ihnen auch so?

Um ehrlich zu sein, war das tatsächlich in dem Moment meine einzige Option. Das ist allerdings gar nicht negativ gemeint. Wir waren hier in Wolfsburg damals wirklich sehr weit, ich hätte das auch gern gemacht. Dinamo Moskau war aber die ganze Zeit sehr hartnäckig. Als dann klar wurde, dass Wolfsburg nicht klappt, hätte ich natürlich auch in Dortmund bleiben können, mein Vertrag lief ja noch. Aber ich wollte wieder spielen. Also bin ich nach Moskau geflogen und habe mir das angeschaut. Und dann war ich überzeugt, dass das das Richtige ist.

Die Karriere von Maximilian Philipp in Bildern

Die frühen Anfänge: Die gebürtige Berliner kickte in seiner Jugend für den Nachwuchs der Hertha. Heute dürfte sich der Bundesligist mächtig ärgern, dass er Philipp nicht halten konnte.  Zur Galerie
Die frühen Anfänge: Die gebürtige Berliner kickte in seiner Jugend für den Nachwuchs der Hertha. Heute dürfte sich der Bundesligist mächtig ärgern, dass er Philipp nicht halten konnte.  ©

In Moskau erst einmal aufs Boot

Wie war der erste Eindruck in Moskau?

Die Stadt ist halt wahnsinnig riesig. Ich war mit dem Sportdirektor und dem Präsidenten auf einem Restaurant-Boot auf der Moskwa, von dort aus haben sie mir zwei Stunden lang die Stadt gezeigt – vom Kreml bis zum Luschniki-Stadion. Dann habe ich mir das Vereinsgelände angeguckt und zufällig noch Konstantin Rausch getroffen, den ich ja aus der Bundesliga kannte. Er hat mir noch ein bisschen was erzählt, und am Ende habe ich meine Entscheidung schnell gefällt: Das passt.

Neben Koka Rausch gab es bei Dinamo mit Roman Neustädter noch einen ehemaligen Bundesliga-Spieler. Wie wichtig waren die beiden für die Integration?

Enorm wichtig – vor allem um zu verstehen, wie die Russen ticken. Das ist nämlich schon manchmal sehr speziell.

Wie ticken sie denn?

Sie sind sturer, haben ihre eigene Denkweise. Wenn da einer wie ich für 20 Millionen aus Dortmund kommt, sind sie erst mal skeptisch und vermitteln einem den Eindruck, dass man es nicht einfach haben wird.

Nach nur einem Jahr war das Abenteuer Moskau vorbei, zuletzt soll es auch zwischen Ihnen und dem Trainer nicht gerade harmonisch zugegangen sein. Trotzdem eine gute Erfahrung?

Auf jeden Fall, ich möchte es nicht missen. Ich denke, dass Auslandserfahrung einen persönlich immer weiter bringt. Gut, die Sprache war in der Hinsicht nicht gerade der Jackpot, aber ein bisschen was habe ich gelernt – als ich das intensiver machen wollte, kam leider Corona dazwischen.

Wären Sie ohne Corona noch in Moskau?

Ich weiß nicht. (überlegt lange) Könnte sein, aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin kein Heimscheißer, aber man vermisst Freunde und Familie dann schon irgendwann.

Auch die Bundesliga?

Schon. Das Niveau ist etwas höher, auch wenn die russische Liga nicht schlecht ist. Aber irgendwie ist hier meine Spielweise vielleicht passender. Auch deswegen wollte ich zurück.

Oberarm-OP und eine abgeknickte Hand

VfL-Trainer Oliver Glasner hat gesagt, dass Sie am Anfang hier ein paar Schwierigkeiten mit der Trainingsintensität hatten.

Ja, das stimmt. In Moskau war die Intensität nicht so hoch wie in Freiburg oder Dortmund. Ich bin auch einer, der in jedem Training etwas lernen und sich verbessern will. Das war in Moskau am Ende überhaupt nicht mehr der Fall. Ich habe das dort zwar auch angemerkt, aber es wollte keiner so richtig hören. Deswegen musste ich mich hier auch erst wieder ein bisschen anpassen, die Qualität ist eben auch viel höher.

Am Ende fehlten Sie in Moskau wegen einer Muskelverletzung.

Ich hatte Probleme mit den Adduktoren, ich brauchte ein paar Spiele Pause – es war nichts Wildes und ist wieder okay.

Sie tragen einen Verband am linken Unterarm – was hat es damit auf sich?

Ich hatte einen Nerventorsion im Oberarm, die seit Februar die Streckerfunktion im Handgelenk komplett außer Gefecht gesetzt hat. Im Sommer wurde ich in Berlin operiert, seitdem wird es langsam besser. Aber es wird noch drei, vier Monate dauern, bis ich die Hand wieder strecken kann.

Inwieweit ist das beim Fußballspielen oder im Alltag hinderlich?

Gar nicht so sehr, es sieht halt nur blöd aus, weil die Hand immer so eingeknickt ist. Ein paar Sprüche gab es natürlich auch schon. Den Verband trage ich hauptsächlich, weil ich schon einige leichte Fingerverletzungen hatte – ich kann die Finger nicht wie andere reflexartig einklappen, wenn es zu einem Kontakt kommt. Zum Glück bin ich Rechtshänder, und auch ansonsten geht eigentlich alles ganz normal.

Playstation?

Ja, geht auch.

FIFA?

Nein, eher Fortnite. Die FIFA-Versionen der letzten Jahren haben mich so enttäuscht, dafür wollte ich kein Geld mehr ausgeben.

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"Meine Körpersprache ist nicht gut"

In FIFA 21 werden Sie als Stürmer oder zentraler Mittelfeldspieler geführt. Wo sehen Sie Ihre Position?

Als hängenden Stürmer hinter einer Sturmspitze. Offensiv außen komme ich auch klar, aber zentral fühle ich mich schon am wohlsten. Mittelstürmer habe ich am Ende in Dortmund auch gespielt, aber das liegt mir halt nicht. Ich hab‘s versucht, ist nach hinten losgegangen, das muss ich akzeptieren.

Wie würden Sie denn Ihre Spielweise beschreiben?

Ganz ehrlich: Das habe ich auch noch nicht so richtig rausgefunden. Ich bin nicht der Brechertyp vorne drin. Ich habe eine ganz gute Geschwindigkeit, bin aber auch kein Pfeil – und auch nicht so der allergrößte Dribbler. Vielleicht bin ich jemand, der ganz gut freie Räume erkennt – für mich und für die Mitspieler. Und jemand, der eher auch mal mit seinen Laufwegen uneigennützig Räume für die anderen öffnet. Ich habe nie die meisten Ballaktionen und weiß, dass ich manchmal dadurch vielleicht ein bisschen teilnahmslos wirke. Das liegt aber auch meiner Körpersprache.

Inwiefern?

Die ist oft nicht gut, daran muss ich arbeiten.

Woran noch?

Ich hätte gern einen besseren Torinstinkt, aber richtig lernen kann man das nicht, glaube ich. Und ich hätte gern manchmal noch bessere Laufwege.

Ihre Spielweise erinnert manchmal an Bayern-Star Thomas Müller…

Mag sein, aber das ist jetzt echt ein paar Nummern zu groß. Mit dem würde ich mich nie vergleichen. Er spielt das auf einem ganz anderen Niveau. Der macht Wege, von denen auch nach der dritten Wiederholung ich nicht weiß, wie er die sieht.

Dass sich der Trainer hier in Wolfsburg einen Stürmer mit mehr Tempo und mehr Tiefgang gewünscht hat, hat in den vergangenen zwei Wochen große Diskussionen ausgelöst. Haben Sie da vielleicht gedacht: Moment, wieso hat er dann mich geholt?

Als ich das gelesen habe, im ersten Moment schon. Aber wirklich nur ganz kurz. Dann war sofort der Gedanke da: Der Trainer hat mich ja gewollt, hat mir am Telefon erklärt, warum er mich haben wollte. Also alles gut.

Sie haben den ehemaligen niederländischen Nationalspieler Wesley Snyder mal als Vorbild genannt. Was haben Sie von ihm?

Vielleicht die Abschlussstärke und die Beidfüßigkeit. Aber er war kleiner, quirliger – und oft auch einfach mehr Am Spiel beteiligt, hatte mehr Ballaktionen. An guten Tagen hat er den Unterschied ausgemacht – mit einer Aktion, einer Vorlage, einem Abschluss. Ich denke, dass ich das grundsätzlich auch kann, aber das ist halt noch viel zu selten bei mir.

Die Qualitäten haben zumindest gereicht, um beim Wechsel nach Dortmund 2017 mit 20 Millionen Euro Ablöse der teuerste Transfer der Freiburger Vereinsgeschichte zu sein. Haben Sie zu dieser Zahl irgendeine Beziehung?

Überhaupt nicht. Ich weiß, dass da jetzt in irgendwelchen Listen diese Zahl neben meinem Namen steht. Das war‘s. Ich würde solche Summen auch nicht zahlen. Im normalen Arbeitsleben wirbst du ja auch niemanden für viele Millionen von der Konkurrenz ab, nur weil der gerade ein bisschen besser drauf ist.

Haben Sie sich daran gewöhnen müssen, dass die Leidenschaft Fußball irgendwann auch das Geschäft Fußball ist?

Wenn Leidenschaft und Spaß nicht mehr da wären, würde ich‘s nicht mehr machen. Natürlich ist es auch Beruf und damit auch Geschäft – aber das ist ja nicht meine Priorität. Du musst als Profifußballer allerdings wissen, dass du nur maximal zehn, 15 Jahre in diesem Beruf hast. Und dass du aufs Geld achten musst, weil irgendwann keine monatlichen Überweisungen und keine Ausrüsterdeals mehr kommen.

War die Ablöse in Dortmund auch eine Last?

Am Anfang schon. Aber irgendwann war mir dann klar: Das hat ja mit mir gar nichts zu tun, ich bin ja nicht der, der die Ablösesummen aufruft – und ich habe davon ja auch nichts.

Sie haben gerade in einem Interview kritisiert, dass die Fans mittlerweile immer mehr TV-Sender und Streamingdienste abonnieren müssen, um Fußball verfolgen zu können. Wie ist denn Ihr eigenes Fußball-TV-Konsumverhalten?

Ich schaue Sky, wenn ich nicht selbst spiele immer die Konferenz, das habe ich früher schon mit meinem Vater gern gemacht. Dann DAZN, und weil ich viele Spieler der 3. Liga kenne, auch Magentasport. Den Eurosportplayer hatte ich damals nicht, die paar Spiele im Jahr waren mir den Fünfer pro Monat echt nicht wert.

Aktuell finden die Spiele quasi nur noch fürs Fernsehen statt, ohne Zuschauer…

...und man merkt dabei, was die Fans ausmachen, wie sehr sie fehlen. Die Stimmung fehlt, du hörst stattdessen als Stürmer sogar plötzlich die Rufe deines eigenen Torwarts. Das hat mit dem, was Fußball ausmacht, ja eigentlich nicht viel zu tun – auch wenn es sich mittlerweile nicht mehr so ganz fremd anfühlt. Man hat sich halt daran gewöhnt.