10. Oktober 2020 / 02:25 Uhr

Wolfsburg-Manager Schmadtke kritisiert Länderspiel-Reisen:  „Geht um wirtschaftliche Interessen“

Wolfsburg-Manager Schmadtke kritisiert Länderspiel-Reisen:  „Geht um wirtschaftliche Interessen“

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Wolfsburgs Manager Jörg Schmadtke sieht die aktuellen Länderspiele und die dafür nötigen Reisen kritisch.
Wolfsburgs Manager Jörg Schmadtke sieht die aktuellen Länderspiele und die dafür nötigen Reisen kritisch. © Federico Gambarini/dpa
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Für Jörg Schmadtke, Manager des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, ist die Notwendigkeit der aktuellen Länderspiel-Reisen angesichts steigender Corona-Zahlen fragwürdig. „Es birgt es immer eine gewisse Gefahr, wenn alle durch die Weltgeschichte reisen.“

Jörg Schmadtke, Manager des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, hat angesichts der sich international verschärfenden Corona-Lage Kritik an der Austragung der aktuellen Freundschafts- und Nations-League-Länderspiele geübt. Gegenüber dem SPORTBUZZER sagte der 56-Jährige: „Wir müssen aufpassen, dass wir die wirtschaftlichen Aspekte nicht über die Gesundheit der Spieler stellen!“

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Mit den A-Nationalspielern Josip Brekalo (Kroatien), Admir Mehmedi (Schweiz), Pavao Pervan und Xaver Schlager (beide Österreich) sowie den U21-Akteuren Bartosz Bialek (Polen) und Ridle Baku (Deutschland) sind sechs Wolfsburger Profis gerade mit ihren Auswahlteams unterwegs. Überall in Europa werden die Spiele von Corona-Meldungen überschattet – und die gab es in den letzten Tagen fast stündlich. Unter anderem wurde ein Corona-Fall in der deutschen U21 gemeldet, in der Schweiz wurden die Nationalspieler Manuel Akanji (Dortmund) und Xherdan Shaqiri (Liverpool) positiv auf das Virus getestet, in Island schickten Behörden Italiens U21 in Quarantäne – und im A-Team der Ukraine gibt es vor dem Nations-League-Spiel heute Abend gegen Deutschland so viele Corona-Fälle (sogar der Team-Koch ist betroffen), dass der 45-jährige Co-Trainer Alexander Schowkowski als Ersatztorwart nachnominiert werden musste.

Die DFB-Kandidaten für die EM 2021 im Chancen-Check

Für die Europameisterschaft 2021 muss Bundestrainer Joachim Löw (links) noch die ideale Kader-Besetzung aus vielen Kandidaten finden. Der <b>SPORT</b>BUZZER bewertet die Chancen der einzelnen Spieler wie Thomas Müller, Jamal Musiala und Marco Reus (Mitte, von links). Zur Galerie
Für die Europameisterschaft 2021 muss Bundestrainer Joachim Löw (links) noch die ideale Kader-Besetzung aus vielen Kandidaten finden. Der SPORTBUZZER bewertet die Chancen der einzelnen Spieler wie Thomas Müller, Jamal Musiala und Marco Reus (Mitte, von links). ©

Wolfsburger Spieler sind im A-Kader des DFB zwar nicht dabei, dennoch sei gerade dieses Spiel für Schmadtke ein gutes Beispiel, um über die Sinnhaftigkeit nachzudenken: „Dass die deutsche Nationalmannschaft in die Ukraine reist, wo beim Gegner einige Spieler infiziert sind und das Land ohnehin nicht als besonders sicher gilt, kann man schon sehr kritisch sehen.“ Angesichts der TV- und Vermarktungsverträge, an denen Millionen-Summen für die Verbände hängen, ist für Schmadtke klar: „Es geht einzig und allein um wirtschaftliche Interessen. Ich kann mich erinnern, dass man im März in Teilen der Fußball-Familie von Demut gesprochen hat. Da kann man sich heute schon fragen, ob das noch Bestand hat...

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Ein Freundschaftsspiel wie das 3:3 der DFB-Auswahl gegen die Türkei wird fürs Fernsehen vermarktet – man müsse sich fragen, „welche Sinnhaftigkeit darüber hinaus solche Spiele haben? Ist die Erkenntnis für den Bundestrainer aus diesem Spielen so groß, dass man dafür ein Risiko eingehen muss?“ Das gelte auch für die Testspiele, in denen zuletzt Akteure des VfL am Ball waren. „Es birgt immer eine gewisse Gefahr, wenn alle durch die Weltgeschichte reisen müssen. Als Reisender hat man mehr Schwierigkeiten als zu Hause, Hygiene-Konzepte einzuhalten.

In den nationalen Ligen könnten die zunehmenden Corona-Fälle auch schon bald wieder den Spielplan beeinflussen, Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägt eine Rückkehr zu Geisterspielen („Man kann überlegen, ob man bei Fußballspielen wieder weniger Leute oder gar keine reinlässt“), immer häufiger melden Klubs Corona-Fälle. Drohen sogar Absagen und Verlegungen? Schmadtke: „Es sieht im Moment zumindest danach aus, dass es dazu kommen könnte“. Solange die Spieler in ihren „Blasen“ bleiben, also in definierten und regelmäßig getesteten Gruppen, seien die Risiken gering. „Wenn wir diese Blasen verlassen, sieht’s schon wieder anders aus - und das tun wir, wenn wir internationale Spiele bestreiten.“

Ob vielleicht sogar der Bundesliga-Spielbetrieb wie schon im März/April komplett zum Erliegen kommen könnte, sei allerdings „Kaffeesatzleserei, die wir nicht betreiben sollten“, so Schmadtke, denn sie können „schnell auch zur Panikmache werden, und damit ist niemandem geholfen“. Sollten regionale Lockdowns beispielsweise Heim-Mannschaften der Bundesliga treffen, werde man „sich dann mit den Gegebenheiten auseinandersetzen müssen“. Klar sei: „Die Corona-Fälle auch im Fußball steigern sich, gleichzeitig steigen auch die Reiseaktivitäten. Wie sinnvoll das ist, kann ja jeder selbst beantworten...“

Der VfL selbst war bisher zweimal von Corona-Fällen betroffen. Zu Saisonbeginn fiel Kevin Mbabu aus, aktuell ist sein schweizerischer Landsmann Renato Steffen nach positivem Covid-19-Test in Quarantäne. Nach einem Test am Wochenende kann der Außenbahnspieler womöglich in den nächsten Tagen zur Mannschaft zurückkehren, die Entscheidung liegt beim Gesundheitsamt.