27. Mai 2021 / 22:21 Uhr

Schult: "Ich warte auf den ersten männlichen Profi, der Elternzeit nimmt"

Schult: "Ich warte auf den ersten männlichen Profi, der Elternzeit nimmt"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Almuth Schult bestreitet mit dem VfL Wolfsburg am Sonntag das Pokalfinale.
Almuth Schult bestreitet mit dem VfL Wolfsburg am Sonntag das Pokalfinale. © dpa / Boris Baschin
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Almuth Schult ist wieder da. Nach Schulter-OP und Schwangerschaft steht die Ausnahme-Torfrau wieder beim VfL Wolfsburg zwischen den Pfosten. Dass man das Thema Kinder und Karriere auch mal mit ihren männlichen Kollegen besprechen sollte und warum sie im Juni noch kein DFB-Comeback geben kann - darüber spricht sie im großen SPORTBUZZER-Interview.

Schulter-OP und Schwangerschaft – eineinhalb Jahre lang hatte Almuth Schult kein Fußball-Spiel mehr bestritten, in diesem Jahr startete die Torfrau des VfL Wolfsburg wieder durch: Testspiele, Einsätze in der zweiten Mannschaft und seit der Fingerverletzung von Katarzyna Kiedrzynek wieder die Nummer 1 im Bundesliga-Team. Vor dem DFB-Pokalfinale am Sonntag in Köln gegen Eintracht Frankfurt (16 Uhr/ARD) spricht die 30-Jährige im SPORTBUZZER-Interview über das Endspiel, ihr Comeback und ihre Zwillinge.

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Frau Schult, können Sie sich noch an Ihre letzte Niederlage in einem Pokalspiel erinnern?

Ja, leider. November 2013 in Frankfurt am Brentanobad, 0:1 durch ein Tor von Kerstin Garefrekes. Vorher haben wir reklamiert, weil der Ball wohl im Seitenaus war, aber die Schiedsrichterin ließ weiterspielen.

Seitdem gab es im Pokal nur VfL-Siege und sechs Titel. Gibt es etwas wie einen speziellen Wolfsburger Pokalspirit?

So denke ich nicht. Es sind halt K.o.-Spiele, und wir wollen einfach jedes Spiel gewinnen - und müssen gewinnen, sonst ist der Wettbewerb ja vorbei. Und es sind keine Selbstläufer, Überraschungen sind immer möglich. Wer hätte gedacht, dass Sand zweimal nacheinander ins Finale kommt? Oder dass ein Zweitligist wie Saarbrücken mal das Endspiel erreicht?

Wo wir gerade bei Überraschungen sind: Wenn Ihnen vor einem halben Jahr jemand gesagt hätte, dass Sie im Finale 2021 im Tor stehen werden, dann...


...hätte ich gesagt: "Schön!" Nach den letzten Wochen ist es jetzt nicht mehr so überraschend, aber ich hatte davor die Saison schon abgehakt und gedacht, dass ich sie in der zweiten Mannschaft zu Ende spielen werde. Aber manchmal passieren eben unverhoffte Dinge. Natürlich tut es mir wahnsinnig leid für Kasia, Verletzungen sind nie schön. Aber selbstverständlich freue ich mich, wenn ich mit den Mädels in der Bundesliga auf dem Platz stehen kann.

Als Sie nach der Geburt Ihrer Zwillinge wieder mit dem Training begonnen hatten, wusste niemand so genau, wie schnell das gehen wird - wie war Ihr Zeitplan?

Vor einem Jahr hatte ich gehofft und gedacht, dass ich schneller zurück bin, auch durch meinen Ehrgeiz. Es kommt aber in solchen Fällen ja immer irgendwas dazwischen, dazu gehörte in meinem Fall auch Corona - denn dadurch spielte die 2. Liga nicht, sonst hätte ich da schon früher Spielpraxis sammeln können. Dann kamen ein paar kleinere Verletzungen und kleinere Pausen dazu. Außerdem wird man ja auf der Torhüterinnen-Position nicht mal eben für zehn Minuten eingewechselt, um mal zu gucken, wie es geht. Der Trainer stellt einen ja nur ins Tor, wenn er 100-prozentig sicher ist. So gesehen bin ich dankbar - und genieße es, wieder Fußball spielen zu dürfen.

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Im Juni stehen auch wieder Länderspiele an...

...aber da kann ich gar nicht dabei sein, weil ich als ARD-Expertin für die Männer-EM zugesagt habe. Das passt dann leider zeitlich nicht. Das ist ein bisschen schade, weil es gegen Frankreich und Chile sicher interessante Spiele werden. Aber ich freue mich auf die Aufgabe bei der ARD und bin froh, dass Verein und DFB da ihr Okay gegeben haben.

Im Tor der Nationalmannschaft steht jetzt Merle Frohms, am Sonntag stehen sich damit quasi die beiden Nationaltorhüterinnen im DFB-Pokalfinale gegenüber. Frohms war lange Nummer 2 hinter Ihnen in Wolfsburg...

...und ihr Potenzial war zu der Zeit schon zu sehen. Mir war eigentlich klar, dass sie mit mehr Spielpraxis noch mehr aus sich herausholen wird. Ich habe mich immer gut mit ihr verstanden und sie kann sehr stolz sein auf ihre Entwicklung. Wir kommen beide aus Niedersachsen, und so viele Nationalspielerinnen hat unser Bundesland ja nicht. Wenn wir noch Essens Stina Johannes dazu nehmen, die aus Hannover kommt und auch schon zum DFB-Kader gehört, können wir sagen: Niedersachsen ist Torhüterinnenland.

Wird der Konkurrenzkampf um den Platz im deutschen Tor ein Duell Schult/Frohms?

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Bis zur EM ist noch ein Jahr Zeit, man weiß nie, was passiert. Laura Benkarth hat bei Bayern eine starke Saison gespielt, wird aber immer noch etwas unterschätzt. Und Ann-Katrin Berger von Chelsea ist ja in England auch nicht umsonst zur Torhüterin der Saison gewählt worden. Es gibt genug gute Torhüterinnen - und wir werden sehen, wer dann da die Nase vorn hat.

Die Bundestrainerin hat schon sehr früh gesagt, dass Ihr Comeback im DFB-Team nicht daran scheitern wird, dass sie jetzt Mutter seien. Das Thema Kinderbetreuung wird im Verein und Verband bereits angegangen. Wie sehen Sie da Ihre Rolle?

Ich bin stolz darauf, wenn ich etwas anschieben kann - denn das ist ja genau das, was wir brauchen. Wer sich überlegt, wie lange er Fußball spielen möchte und wie das vielleicht mit der Familie vereinbar ist, hat ja viele Fragen. Da ist es schöner, wenn es jemanden wie mich gibt, die da jetzt Erfahrungen macht und auch weitergeben kann. Wenn ich auch nur einer Spielerin damit helfen kann, freue ich mich drüber. Das ist ein Prozess, man kann nicht verlangen, dass das alles von jetzt auf gleich passiert. Und man kann sich auch nicht mit anderen Nationen vergleichen. In den USA etwa ist Kinderbetreuung für Fußballerinnen längst Alltag, aber das ist vielleicht auch eine andere Mentalität dort.

Was wäre kurzfristig besonders wichtig?

Was ist, wenn man nicht nur ein, zwei Tage weg ist? Was ist mit Trainingslagern? Das sind Dinge, über die wir auch hier im Verein reden.

Werden wir irgendwann die Frage "Was ist eigentlich mit den Kindern?" Fußballern und Fußballerinnen gleichermaßen stellen? Als Koen Casteels Vater wurde, hat ja niemand die Fortsetzung seiner Karriere thematisiert...

Natürlich gibt es da einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, aber ich würde mich freuen, wenn diese Diskussion auch mit den Männern eröffnet wird - weil ja auch sie einen Anspruch darauf haben, beispielsweise die ersten Tage mit ihrem neugeborenen Familienmitglied zu verbringen. Ich finde es manchmal traurig, wenn man sagt: Du kannst da jetzt ein oder zwei Tage hin, danach bist du wieder in deinem Profifußball-Alltag. Ich warte auch tatsächlich auf den ersten männlichen Profi-Fußballer, der sagt: "Komm, ich nehme jetzt mal fünf oder sechs Monate Elternzeit und bin nicht da." Als Arbeitnehmer ist das ja theoretisch möglich. Auf der anderen Seite sind wir in einem Job, den man nicht bis 67 machen kann - da verstehe ich auch, wenn jemand sagt, ich will möglichst wenig verpassen.

Wie sieht Ihr persönlicher Alltag zwischen Kinderbetreuung und Leistungsfußball aus?

Das hat sich natürlich noch mal geändert, seit ich wieder regelmäßig spiele. Wenn man nur trainiert, ist man halt am Wochenende weniger weg. Jetzt ist das Wochenende quasi die Hauptarbeitszeit. Aber wir wussten ja, worauf wir uns da einlassen und wussten auch, dass die Familie hinter uns steht. Eltern, Großeltern, natürlich auch mein Mann - ich bin sehr dankbar, dass sie mir das ermöglichen.

Was ist der größte Unterschied, seit die Kleinen da sind?

Vorher gab es auch mal Phasen, in denen man einfach mal nichts gemacht hat - die fallen nun weg. Es fängt damit an, dass oft schon die Nächte zerrissen sind und man bei der Zubettgeh-Zeit mit einplanen muss, dass man mehrmals aufsteht. Deswegen gehe ich jetzt deutlich früher schlafen, eine Zeit lang abends um 8, mittlerweile auch mal um 9 oder halb 10. Einen Film oder eine Serie gucken, fällt auch komplett flach. Der Fernseher ist bei uns nahezu tot, läuft bestenfalls noch bei einem wichtigen Fußballspiel. Den Alltag organisieren wir von Woche zu Woche, immer abhängig vom Dienstplan meines Mannes und von meinem Trainingsplan.

Wann geht's morgens los?

Manchmal um 6, manchmal müssen wir die Kids um halb 8 wecken, weil wir losmüssen. Dann übernehmen die Großeltern, manchmal kommen die beiden Omas auch zu uns. Ich versuche dann, auf dem Weg vom oder zum Training noch einzukaufen - und am Abend sind wir dann wieder mit den Kindern zusammen. Zu sehen, wie sie sich entwickeln, ist jeden Tag schön. Und es zeigt einem ein bisschen das wahre Leben. Es dreht sich nicht alles nur um Fußball. Das tat es bei mir zwar nie, aber das ist nun nochmal deutlicher.

Laufen die Zwillinge schon?

Unsere Tochter ja, sie war schon mit zehn Monaten so weit. Der Sohnemann lässt sich dagegen noch ein bisschen Zeit, fährt lieber noch mit seinem vierrädrigen Laufrad rum.

Gibt's schon Fragen von Freunden und Familie, wer Torwart wird?

Mein Mann sagt immer, Linksfuß wäre gut (lacht), weil er selbst einer ist. Ich denke schon, dass sie auch irgendwann Sport treiben werden, das ist uns auch wichtig. Aber das muss ja nicht Fußball sein. Von mir aus können sie auch Eishockey spielen oder irgendwas anderes.