16. November 2018 / 18:02 Uhr

VfL-Trainer Labbadia im Interview: "Hier ist etwas möglich, bin gespannt, wo es hinführt"

VfL-Trainer Labbadia im Interview: "Hier ist etwas möglich, bin gespannt, wo es hinführt"

Engelbert Hensel und Tim Lüddecke
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bruno Labbadia hat den VfL Wolfsburg im Februar 2018 übernommen.
Bruno Labbadia hat den VfL Wolfsburg im Februar 2018 übernommen. © Verwendung weltweit
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Bruno Labbadia geht es nur um das "Jetzt". Seit knapp neun Monaten ist der 52-Jährige nun Trainer beim VfL Wolfsburg. Mit den SPORTBUZZER-Redakteuren Engelbert Hensel und Tim Lüddecke spricht er über die Vielseitigkeit in seinem Job, seine persönlichen Karriere-Ziele und die Talente aus der eigenen Jugend.

Hamburg, Stuttgart, Leverkusen - die Liste der Arbeitgeber von Bruno Labbadia ist lang. Seit Februar dieses Jahres trainiert der 52-Jährige den VfL Wolfsburg - und das mit Erfolg. In der vergangenen Saison schaffte er mit den "Wölfen" den Klassenerhalt in der Relegation. In dieser Saison läuft es für den VfL durchwachsen.

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Herr Labbadia, wenn man Ihren Namen googelt, kommt sehr schnell der Begriff Feuerwehrmann – stört Sie das?

Nein, warum? Das ist eine der Facetten meiner Trainerlaufbahn. Und die ist mir auch sehr wichtig. Große Teile meiner Karriere habe ich mit Mannschaften im vorderen Teil der Tabelle mitgespielt, was viel, viel mehr Spaß macht und wo ich auch wieder hin möchte. Aber in den letzten Jahren habe ich mit Hamburg und Wolfsburg den Abstiegskampf kennengelernt. In Stuttgart war es zweigeteilt, ich habe den VfB im Abstiegskampf übernommen und habe ihn dann zweimal ins internationale Geschäft geführt.

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"Was du als Trainer in jeder Situation brauchst, ist Geduld."

Wer ist der bessere Trainer – der Entwickler Labbadia oder der Feuerwehrmann Labbadia?

Ich kann beides, in Stuttgart habe ich das ja gezeigt. Was du als Trainer in jeder Situation brauchst, ist Geduld. Als ich bei Bayer Leverkusen war, hatte ich die noch nicht – obwohl wir eine hoch talentierte Mannschaft hatten, mit der wir fantastischen Fußball gespielt haben. Aber ich war in meinem Kopf immer schon einen Schritt weiter, wollte mehr. Das will ich zwar immer noch, aber ich akzeptiere mittlerweile auch, dass der Weg einer Mannschaft nicht immer sofort nach oben geht.

Das sind die Trainerstationen von Bruno Labbadia:

SV Darmstadt (02.08.2003 - 27.05.2006): 102 Spiele - 60 Siege, 16 Remis, 26 Niederlagen Zur Galerie
SV Darmstadt (02.08.2003 - 27.05.2006): 102 Spiele - 60 Siege, 16 Remis, 26 Niederlagen ©

So, wie jetzt beim VfL nach zwei Fast-Abstiegen in Folge…

Das stimmt. Wenn ich jedoch vergleiche, wie wir zu Beginn meiner Zeit hier Fußball gespielt haben, und wie wir es nun machen, ist das ein himmelweiter Unterschied. Die Entwicklung ist gewaltig.

Ist Ihre Ansprache an die Mannschaft eine andere, wenn Sie als Feuerwehrmann und nicht als Entwickler gefragt sind?

Klar! Noch besser ist es, wenn du vorn mitspielst, dann kannst du als Trainer noch mehr fordern. Im Abstiegskampf musst du die Dinge auch klar ansprechen, wenn sie nicht funktionieren. Es ist wichtig, dass die Spieler unterscheiden, dass das ein Feedback ist und keine Kritik. Denn manchmal habe ich das Gefühl, es mag keiner mehr ein Feedback bekommen. Aus meiner Sicht braucht es das aber, damit die Spieler besser werden.

Bruno Labbadia im Interview

"Werde nie lernen, Niederlagen zu akzeptieren"

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Ich werde nie lernen, Niederlagen zu akzeptieren – Niederlagen werden für mich immer eine Qual sein. Sie nerven mich, weil sie mein Leben beeinflussen. Wenn wir am Freitagabend spielen und verlieren, gucke ich mir am Samstag und Sonntag kein Spiel an, da habe ich keine Lust auf Fußball. Ich arbeite daran, dass es besser wird, aber leider war ich schon als Kind ein schlechter Verlierer.

Klingt so, als ob Sie beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen das Spielfeld weggetreten hätten?

Da waren schon ein paar Dinge dabei, aber die behalte ich besser für mich...

Die Karriere von Bruno Labbadia

Bruno Labbadias Karriere in Bildern Zur Galerie
Bruno Labbadias Karriere in Bildern ©

Ein Drittel der Saison ist vorbei – wie zufrieden sind Sie?


Wir müssen da extrem unterscheiden, die eine Seite ist die Punkteausbeute und der Tabellenstand, die andere ist die Entwicklung der Mannschaft. Wenn es um das nackte Ergebnis geht, sind wir nicht einverstanden. Wenn wir über die Entwicklung der Mannschaft sprechen, sind wir mit vielen Dingen zufrieden, weil wir sehen, dass da etwas vorangegangen ist.

"Es hat fast alles gestimmt"

Daher macht es mich traurig, wenn wir so ein Spiel wie jetzt in Hannover verlieren, weil ich sehe, wie die Mannschaft aufgetreten ist. Aufwand, Laufbereitschaft, Intensität – es hat fast alles gestimmt.

Es gibt den einen oder anderen Fan, der befürchtet, dass diese Saison wieder so laufen könnte wie die beiden vergangenen Frust-Jahre. Sind Sie bald wieder als Feuerwehrmann gefragt?

Man muss immer Realist sein, aber ich gehe nicht davon aus, dass das passiert.

Warum hat sich die Mannschaft zuletzt so wenig belohnt?

Wir machen zu einfache Fehler, es sind gar nicht so viele, außer jetzt in Hannover. Aber diese Fehler werden bestraft. Und zum anderen müssen wir konsequenter und effizienter mit unseren Torchancen umgehen. Jetzt haben wir eine Situation, die nicht hätte sein müssen und uns natürlich nicht gefällt. Aber man darf sich jetzt auch nicht komplett runterziehen und verunsichern lassen.

Die kommenden Gegner des VfL Wolfsburg

17. Spieltag: FC Augsburg (23.12., 15.30 Uhr, (A)) Zur Galerie
17. Spieltag: FC Augsburg (23.12., 15.30 Uhr, (A)) ©

William und John Anthony Brooks haben zuletzt häufiger gepatzt, wie kommt das?

Bei William hat es irgendwann mal mit einem Fehlpass angefangen, der zum Gegentreffer führte. Er ist noch ein junger Spieler, für den solche Situationen wie jetzt neu sind. Es wäre einfacher, wenn er schon die Sprache besser könnte, weil man mit ihm noch besser kommunizieren könnte. Er ist ein extrem positiver Mensch, aber er hat noch nicht die Erfahrung, um mit solchen Situationen umgehen zu können.

Brooks jedoch ist einer, der schon über viel Erfahrung verfügt. Er kann es doch eigentlich besser...

...definitiv. Und das wäre auch wichtig, weil er einer der Führungsspieler sein soll, und das ja auch kann. Aber es sind ja nicht nur die zwei, wir hatten zuletzt allgemein zu viele Fehler in unserem Spiel. Klar ist natürlich, dass du mehr Fehler machst, wenn mehr Ballbesitz hast. Und den wollen wir auch haben, aber das ist mit die schwierigste Form des Spiels, weil mittlerweile viele Gegner nur noch darauf warten, dass du den Ball verlierst. Auch unser nächster Gegner Leipzig gehört da dazu.

"Blende alles, was um mich herum passiert aus"

Welche Träume, welche Ziele haben Sie noch in Ihrer Karriere?

Damit beschäftige ich mich gar nicht. Ich lebe so extrem im Hier und Jetzt, dass ich teilweise die einfachsten privaten Dinge vergesse, weil ich mit meinen Gedanken so intensiv drin bin im Job. Jetzt gerade ist wieder so eine Phase, in der ich alles, was links und rechts von mir passiert, ausblende.

Bruno Labbadia im Gespräch mit den SPORTBUZZER-Redakteuren Engelbert Hensel und Tim Lüddecke.
Bruno Labbadia im Gespräch mit den SPORTBUZZER-Redakteuren Engelbert Hensel und Tim Lüddecke. © Roland Hermstein

Hat Sie das Ausland nie gereizt?

Vielleicht gehe ich irgendwann ins Ausland, weil ich das als Spieler nie gemacht habe. Andererseits bin ich ein Kind der Bundesliga, wenn man sieht, wie lange ich gespielt habe und wie lange ich jetzt schon Trainer in der Bundesliga sein darf. Ich weiß das zu schätzen. Nichtsdestotrotz kann es sein, dass es mal so kommt und ich ins Ausland wechsle.

Gab es zuletzt mal Angebote?

Ja, aber ich habe nie zugesagt.

Wo hätte es Sie hingezogen?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gab einen englischen Klub, aber auch andere Vereine, die viel weiter weg gewesen wären. Aber noch mal: Das ist vielleicht mal Zukunftsmusik, jetzt bin ich hier beim VfL. Und mein Ziel ist es, mit dem VfL in dieser Saison den maximalen Erfolg einzufahren. Bislang haben wir das nicht geschafft.

Was muss passieren, damit Sie nach dem Hinrunden-Finale am 23. Dezember in Augsburg sagen: Ich bin zufrieden mit dieser Hinrunde?

Wir müssen mehr Punkte holen, klar. Aber ich will jetzt keine konkrete Zahl nennen. Natürlich ist die Ausbeute wichtig, aber gleichwohl ist es auch unser Ziel, dass die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, gut ist.

Was häufig vergessen wird: Wir haben eine der jüngsten Mannschaften in der Bundesliga, wir geben jungen Spielern die Chance, hier reinzuwachsen. Das geht leichter, wenn die Erfolgserlebnisse da sind – die müssen wir uns holen.

"Das Alter spielt bei uns keine Rolle"

Die Winterpause naht, braucht es Veränderungen im Kader? Werden Sie noch erfahrene Spieler verpflichten, die die jungen führen können?

Es muss nicht immer Erfahrung sein, es geht um Qualität. Wenn einer 18 Jahre alt ist wie nun John Yeboah und Qualität hat, bringen wir ihn. Das Alter spielt bei uns keine Rolle. Dass wir uns immer auf dem Markt umschauen müssen, ist Fakt. Dass etwa auf der Sechser-Position mit Josuha Guilavogui und Ignacio Camacho zwei erfahrene Spieler gleichzeitig verletzt fehlen, hätte nicht passieren sollen. Wir haben es ein Stück weit geschafft, es aufzufangen, aber diese Spieler hätten uns natürlich gutgetan.

Diese Eigengewächse vom VfL Wolfsburg schafften es in die Bundesliga

Die Trikot-Galerie in der VfL-Akademie Zur Galerie
Die Trikot-Galerie in der VfL-Akademie ©

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus...

...das blende ich komplett aus, das ist für mich jetzt auch kein Thema. Ich hätte beim HSV einen längerfristigen Vertrag unterschreiben können, aber ich habe gesagt: Mir reicht ein Jahr, mir geht es nur um das Jetzt. Das Allerwichtigste ist, dass beide Seiten zu einem gewissen Zeitpunkt sagen – und der kann auch spät sein: Ich habe Bock darauf.

"Ich hatte Lust auf den VfL"

Ich habe im vergangenen Sommer den Verantwortlichen hier gesagt: Ich habe zwar noch ein Jahr Vertrag, aber wenn ihr andere Vorstellungen habt oder wir bestimmte Dinge nicht so umgesetzt bekommen, wie ich es mir vorstelle, dann können wir es auch jetzt beenden. Denn ich bin in einem Alter, in dem ich das machen möchte, worauf ich auch Lust habe. Und ich hatte Lust auf den VfL.

Ist diese Lust ungebrochen?

Ja, ist sie. Ich bin sehr gern hier. Ich war nie jemand, der in bestimmten Situationen ein Netz brauchte, um aufgefangen zu werden. Mein Gefühl muss stimmen. Wenn mir die Frage gestellt wird, welchen Verein ich mal trainieren möchte, dann kann ich diese Frage im ersten Moment meist nicht beantworten, sondern erst dann, wenn der Verein wirklich auf mich zukommt.

"Es hat Klick gemacht"

Ich hatte vorher auch nicht viel mit dem VfL zu tun, aber als der Klub dann angefragt hat, hat’s Klick gemacht. Und so muss das auch sein. Mein Gefühl spielt in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle. Hier ist etwas möglich, ich bin gespannt, wo es hinführt.

Mehr zum VfL Wolfsburg

Das sind die aktuellen Marktwerte der Spieler des VfL Wolfsburg und wie sie sich seit August verändert haben (Stand: 22. Oktober 2018):

Koen Casteels: 10 Millionen Euro (+ 4 Millionen Euro) Zur Galerie
Koen Casteels: 10 Millionen Euro (+ 4 Millionen Euro) ©

Wann sollte es die Gespräche bezüglich Ihrer Zukunft geben?

Wenn wir uns irgendwann mal im April zusammensetzen, ist das für mich absolut in Ordnung.

Ganz generell gefragt: Haben Sie das Gefühl, dass die Verweildauer eines Trainers bei einem Klub immer kürzer wird?

Ja, das hat mit der Schnelllebigkeit des Geschäfts zu tun. Das Wichtigste ist, dass alle im Klub den Weg zusammen gehen, dass sie an ihn glauben. Ich glaube sehr an unseren Weg und hoffe, dass sich das noch mehr in den Ergebnissen niederschlägt.