12. September 2020 / 06:15 Uhr

Wolfsburg-Trainer Glasner und die Ansprüche: "Es müssten sich eigentlich alle in den Armen liegen"

Wolfsburg-Trainer Glasner und die Ansprüche: "Es müssten sich eigentlich alle in den Armen liegen"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Oliver Glasner im SPORTBUZZER-Interview
Oliver Glasner im SPORTBUZZER-Interview © Boris Baschin
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Vorm ersten Pflichtspiel der Saison für den VfL Wolfsburg nimmt Oliver Glasner im SPORTBUZZER-Interview Stellung – zu möglichen Transfers, zum engen Terminkalender, zur Anspruchshaltung und Zielen.

Start in die neue Saison: Für den VfL steht mit der Erstrunden-Partie im DFB-Pokal gegen Union Fürstenwalde am Samstag (15.30 Uhr) das erste Pflichtspiel 2020/21 an. Oliver Glasner, Trainer des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten, spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über den vollen Terminkalender, mögliche Neuzugänge fürs Team – und über den Zusammenhang zwischen Anspruchshaltung und dem Umgang mit Erfolg.

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Man sagt über Aufsteiger gern, dass das zweite Jahr das schwerste ist. Gilt das auch für Trainer bei ihren Klubs?

Das mit dem verflixten zweiten Jahr hat man mir in Linz auch gesagt, als wir nach dem Aufstieg direkt Vierter geworden sind. Ein Jahr später waren wir Vizemeister. Aus meiner Erfahrung stimmt das also nicht. Ich finde zwar, dass in vielen Sprichwörtern und Redensarten oft ein Funken Wahrheit steckt – aber von der Sache mit dem zweiten Jahr halte ich nichts.

Ihr zweites Jahr beim VfL ist aber zumindest ein besonderes – die Saisonvorbereitung ist durch Corona komplett anders als sonst. Wo liegt für Sie die größte Schwierigkeit dabei?

Im mentalen Bereich. Wir sind es im Fußball gewohnt, zwei Monate Vorbereitung zu haben, dann neun Monate Wettkampf mit Winterpause, dann einen Monat Urlaub. Wenn Sie das einem Leichtathleten erzählen, wird der Sie fragen: Wie soll das gehen? Der bereitet sich unter Umständen dreieinhalb Jahre auf Olympia vor. Aktuell ist es so, dass die Spieler über Monate jed+en Tag zur Arbeit gehen, eine Sieben-Tage-Woche haben. Und wenn du jeden Tag auf "On" bist, dann bist du irgendwann nicht mehr leistungsfähig, das gilt ja nicht nur für den Fußball, das gilt für jeden Beruf, in jeder Position.

Also müssen Sie Pausen dosieren?


Ja. Xaver Schlager, Josip Brekalo und Renato Steffen, die jetzt eineinhalb oder zwei Länderspiele bestritten haben, hatten jetzt zwei Tage frei. Die Nicht-Nationalspieler bekommen dann vielleicht in der Länderspiel-Pause im Oktober mal zwei oder drei Tage. Für den Kopf. Die körperliche Belastung können wir anders steuern, da kann man sagen, ich setze einen Spieler mal auf die Bank. Aber auch der muss dann bereit sein, bleibt also weiter auf "On".

Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga

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Trainer aus Österreich in der deutschen Bundesliga ©

Inwieweit ist es dann ein Problem, dass Sie durch die Europa-League-Quali zu Beginn der Saison erst einmal drei Pflichtspiele mehr haben als die anderen 17 Bundesligisten?

Bis zur Länderspiel-Pause im Oktober sind es sieben Spiele in vier Wochen, da sehe ich jetzt nicht so das Problem. Schwierig könnte es dann hinten raus werden, Richtung Weihnachten – ohne Winterpause.

Ist ein großer Kader da die Lösung? Rechnet man die Nachwuchsspieler mit, haben Sie im Moment mehr als 30 Spieler.

Nicht die Quantität ist entscheidend, sondern die Qualität. Wir könnten mit Spielern aus der U23 und der U19 auch auf einen 40-Mann-Kader kommen, wenn wir das wollten. Die Frage ist dann aber: Wer von denen ist bereits so weit, auch dem Champions-League-Sieger Paroli zu bieten, wenn es darauf ankommt?

Gute Frage: Wer von den Nachwuchsspielern ist denn demnächst so weit?

Die Hoffnung haben wir bei allen, sonst wären sie ja nicht dabei. Wir können aber nicht davon ausgehen, vier oder fünf Spieler, die sonst in der 4. Liga spielen, gleichzeitig in die Startelf zu stellen – und dann reicht es gegen Bayern München. Wir müssen sie behutsam ranführen, dafür sorgen, dass sie Spielzeit bekommen – wie etwa Omar Marmoush und Luca Horn am Ende der vergangenen Saison.

Die Neuzugänge Maxence Lacroix und Bartosz Bialek gehören auch eher zu den jungen Spielern. Wie groß ist Ihr Bedarf an weiteren Neuzugängen?

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Ich bin jetzt so lange im Fußball dabei, dass ich weiß: Man sollte sich in dieser Frage nicht einen Monat vor Ende der Transferzeit festlegen. Wir haben jetzt ja auch nicht kalkulierte Ausfälle wie Mbabu und Pongracic, außerdem kommt William nicht so schnell zurück wie erhofft. Da müssen wir uns jetzt auch vielleicht für Positionen umschauen, von denen wir vor drei Wochen gesagt hätten, dass wir da gut aufgestellt sind. Wichtig ist: Wenn wir nun noch jemanden holen, muss das einer sein, der uns sofort weiterhilft – auch vor dem Hintergrund, dass wir in den nächsten Monaten aufgrund der vielen Spiele wenig trainieren können.

Dass sich der VfL für die Offensive umschaut, ist bekannt. Jetzt ist Bedarf auch für die Defensive da. Heißt also: Der Trainer wünscht sich noch je einen Neuen für vorn und für hinten?

Wir besprechen uns intern, stecken unsere Köpfe zusammen und schauen, was möglich ist. Es ist ja nicht so, dass VW mal kurz die Produktion steigert, damit wir etwas tiefer in die Tasche greifen können. Wir haben einen Rahmen, in dem wir uns bewegen können. Es muss wirtschaftlich und sportlich passen, sonst ergibt es keinen Sinn. Und als Trainer ist es meine Aufgabe, dann aus dem Kader, der mir zur Verfügung steht, das Beste rauszuholen. Je mehr Wünsche erfüllt werden …

… desto glücklicher sind Sie?

Nein, desto einfacher ist es vielleicht. (lacht)

Brauchen Sie vor allem mehr Durchschlagskraft? Damit sich die Mannschaft leichter tut, auch aus Ballbesitz heraus Torgefahr zu entwickeln? Man kommt ja schnell auf die Idee, dass die Heimschwäche in der vergangenen Saison vor allem daher rührte, dass Ihr Team besser kontert als aufbaut.

Das ist falsch. Die Fakten sagen was anderes. Wir haben in der vergangenen Saison gleichviel Tore aus eigenem Ballbesitz und aus Balleroberungen geschossen. Und weniger Konter-Tore als im Jahr davor.

Hat Sie das überrascht?

Nicht, wenn ich mir unseren Kader anschaue. Wir haben eher mehr spielerische Typen als Balleroberer.

Deswegen kam ja vor einem Jahr Xaver Schlager.

Ja, aber das ist nur einer. Und er war drei Monate verletzt. Aber ganz generell gilt: Wir wollen in allen Bereichen besser werden – im Ballbesitz, bei der Balleroberung, im Konterspiel. Oder auch bei Standards, wo wir in der vergangenen Saison schon sehr gut waren. Auch da wollen wir dranbleiben, um in dem Bereich weiter zur Bundesliga-Spitze zu gehören. Und man kann Ballbesitz ja nicht von der Balleroberung trennen. Was mache ich, wenn ich den Ball verliere? Gewinne ich ihn schnell zurück, habe ich sofort eine Offensivaktion. Jürgen Klopp hat ja Recht, wenn er sagt: Gegenpressing ist der beste Zehner. Und wir müssen gucken, was zu unseren Spielern passt. Nehmen wir mal als Beispiel Wout Weghorst. Er hat seine Stärken im gegnerischen Strafraum. Würden wir aber so spielen wie Atletico Madrid, wo die Stürmer bis 20 Meter vors eigene Tor zurück gehen, wäre es für ihn schwierig, dorthin zu kommen, wo er gefährlich ist.

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Spielt es für Sie eine Rolle, wie attraktiv der Fußball Ihrer Mannschaft ist?

Attraktivität wird häufig mit Toren gleichgesetzt, weil es dann ein Spektakel ist. Nehmen Sie unser Heimspiel aus der vergangenen Saison gegen Schalke als Beispiel. Da machen wir ein Riesenspiel, vergeben aber die Chancen. Wir hätten in der ersten Halbzeit 4:0 führen können, dann hätten alle gesagt, was der VfL für einen tollen Fußball spielt. So aber hieß es: Och, nur 0:0 zur Pause. Ich muss versuchen, mich nicht nur von Ergebnissen leiten zu lassen. Das ist manchmal schwierig, weil wir ja alle – der Trainer an der Spitze – an Ergebnissen gemessen werden.

Würden torreiche Spektakel mehr Euphorie rund um den Verein bringen? Dass es daran mangelt, haben Sie und auch Jörg Schmadtke in der vergangenen Saison ja immer mal wieder angemerkt.

Wir müssen uns davon leiten lassen, welche Spieler wir zur Verfügung haben und wie wir mit denen zum maximalen Erfolg kommen. Wenn wir wie Chelsea mit 200 Millionen Euro auf dem Transfermarkt agieren könnten, wären die Voraussetzungen anders, Erfolg und Spektakel zu kombinieren.

Aber Chelsea hat ja auch andere Ansprüche.

Na, so klein sind die Ansprüche hier auch nicht.

Sind sie zu groß?

Meine Wahrnehmung seit einem Jahr ist zumindest die, dass im Umfeld ein paar Dinge nicht so eingeschätzt werden, wie ich sie als realistisch betrachten würde.

Zum Beispiel?

Der VfL spielt zum zweitem Mal nacheinander in Europa, das hat er erst das dritte Mal in der Vereinsgeschichte geschafft. Mein Gefühl ist, dass das als "zu wenig" wahrgenommen wird. Und da frage ich mich als jemand, der noch nicht so lange im Klub ist, natürlich: warum?

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Nein. Aber wenn man dann noch bedenkt, dass der VfL vorher zweimal erst in der Relegation am Abstieg vorbeigeschrammt war, dann denke ich mir: Es müssten sich eigentlich alle in den Armen liegen und jubeln.

Sollen sich die Leute auf den Rängen in den Armen liegen? Oder hier im Verein?

Zunächst einmal: Ich sage nicht, dass das so ist, wie ich es gerade beschrieben habe. Ich sage nur, dass ich das so wahrnehme. In der deutschen Bundesliga gibt es verglichen mit anderen Ligen Europas mit die höchste Dichte an Mannschaften, die für sich mit Recht den Anspruch formulieren, international dabei zu sein. Wir können da zehn oder zwölf nennen. Wenn man dann noch annimmt, dass Bayern, Dortmund und jetzt auch Leipzig oben bleiben, dann sind das noch neun Mannschaften für drei oder vier Plätze. Und der VfL hat es jetzt zweimal geschafft, während es die Hälfte nicht geschafft hat. Da muss man auch mal sagen dürfen: Wir haben das gut gemacht.

Woher kommt die Angst, die eigene Leistung positiv herauszustellen?

Sagen Sie es mir, Sie sind länger hier.

Man kann zumindest sagen, dass es solche oder ähnliche Diskussionen rund um den VfL seit mehr als 20 Jahren gibt. Und dass der VfL fast nie mehr als zwei Jahre in denselben Tabellenregionen blieb, es gab oft wahnsinnige Schwankungen – von eins auf acht oder auch von 16 auf sechs.

Das kann ich nicht im Detail beurteilen. Aber vielleicht hat es tatsächlich mit den beiden Relegationsjahren zu tun. Offenbar wurde extern gesagt: Die Mannschaft hat doch eine viel höhere Qualität. Dass sie trotzdem nur 16. geworden ist, könne doch nur daran liegen, dass die Spieler zu bequem waren, nicht alles rausgeholt haben. Und vielleicht haben die Spieler die Befürchtung, dass ihnen sofort nachlassender Eifer unterstellt wird. Nach dem Motto: Wenn man die eigene Leistung gut findet, ruht man sich darauf aus. Ich bin aber der Meinung, dass die Spieler in den vergangenen beiden Jahren sehr gute Arbeit geleistet haben. Jetzt brennen wir alle darauf, es im nächsten Jahr noch besser zu machen.

Fehlen dem VfL vielleicht mehr Typen wie Wout Weghorst, der auch durch seine Art zu spielen extremen Ehrgeiz symbolisiert?

Ich finde schon, dass wir sehr ehrgeizige Spieler haben. Bei manchen merkt man es vielleicht nicht so, weil sie von ihrem Naturell her eher ein bisschen ruhiger, introvertierter sind. Nehmen wir Maximilian Arnold, der eine super Saison gespielt hat, auch mit seinen Daten immer bei unseren Topspielern ist – aber eben kein Lautsprecher ist. Oder Xaver Schlager, der als Typ auch enormen Ehrgeiz verkörpert. Auch ein Renato Steffen geht da mit seinem Naturell immer wieder voran. Ehrgeizig und erfolgshungrig sind alle.

Ist Wout Weghorst manchmal zu ehrgeizig?

Nein. Zu ehrgeizig kann man nicht sein.

Was heißt das für Ihr Saisonziel?

Wir wollten uns zum dritten Mal für Europa qualifizieren. Das hat der VfL noch nie geschafft – und es wäre ein weiterer Schritt in Richtung Stabilität und Kontinuität.