29. Dezember 2020 / 08:29 Uhr

Wolfsburgs Weghorst und sein 2020: "Gibt genug, was ich hätte besser machen können"

Wolfsburgs Weghorst und sein 2020: "Gibt genug, was ich hätte besser machen können"

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Das letzte seiner 22 Pflichtspieltore 2020: Wout Weghorst trifft gegen Sandhausen.
Das letzte seiner 22 Pflichtspieltore 2020: Wout Weghorst trifft gegen Sandhausen. © Roland Hermstein
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2018 kam er von AZ Alkmaar zum VfL, 2020 wurde er von einem guten zu einem herausragenden Bundesliga-Stürmer. Viele Tore, wichtige Tore – Wout Weghorst ist einer der entscheidenden Fixpunkte im Spiel der Wolfsburger, erzielte so viele Treffer wie noch nie in seiner Karriere.

Innerhalb von zwei Jahren wurde Wout Weghorst zu einem der treffsichersten Angreifer der Bundesliga. In der laufenden Saison steht der 28-jährige Niederländer mit neun Treffern auf Rang drei der Torschützenliste. Im SPORTBUZZER-Interview zieht Weghorst Bilanz. Es geht um Ziele, Familie, Wechselgerüchte – und natürlich vor allem um seine Tore.

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Sie haben 22 Tore in 37 Pflichtspielen in 2020 erzielt – welche Note geben Sie sich für dieses Jahr?
Eine gute, weil ich denke, dass meine Torquote schon außergewöhnlich war. Auf Instagram bekomme ich manchmal Nachrichten mit den besten Torschützen in Europa. Und wenn ich dann sehe, dass da zusammen mit mir Lewandowski, Haaland und Ronaldo stehen, fühlt sich das schon sehr gut an.

Und welche Note ist das dann am Ende?
Ich würde sagen, eine 2,5. Es gibt noch genug, was ich hätte besser machen können.

Was fehlt noch zur Eins?
Wenn ich mir nur diese Saison anschaue, bin ich wirklich zufrieden. Aber ich wiederhole mich gern: Ich glaube, man lernt nie aus, man kann sich immer weiter verbessern.

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An welches Spiel denken Sie in diesem Jahr gern zurück?
Es waren einige schöne dabei – etwa das 3:2 im Februar bei 1899 Hoffenheim. Drei Tore von mir, das war geil. Oder das vorletzte Spiel der vergangenen Saison auf Schalke, mit dem Sieg hatten wir die Europa-League-Quali sicher. Es war eine super Leistung der Mannschaft und ich konnte zwei Treffer beisteuern. Insgesamt gab‘s viele schöne Momente.

14 Tore haben Sie sich in der Bundesliga als Ziel gesetzt, neun haben Sie schon – werden Sie über Weihnachten das Ziel korrigieren?
Nein. Ich werde das so machen, wie ich es immer gemacht habe: Man muss die Ziele, die man sich gesetzt hat, erst einmal erreichen. Ich hatte zwar zuletzt einen tollen Lauf, aber es fehlen immer noch fünf Tore, um dieses Ziel zu erreichen. Gleichzeitig hoffe ich, wenn ich das Ziel erreichen sollte, das ich nicht bei 14 Toren stehenbleibe.


Sie haben im vergangenen Jahr mal gesagt: „Lewandowski ist der beste Stürmer der Bundesliga. Er hat einfach alles.“ Was fehlt Ihnen noch, um so komplett zu werden?
Ganz wichtig war für mich, dass ich mehr Tore mit dem Kopf mache – um etwa bei Standards gefährlicher zu werden. Das hat in dieser Saison sehr gut funktioniert und freut mich sehr. Das ist ein Riesen-Plus. Außerdem wollte ich stärker in den Zweikämpfen werden, ich möchte noch präsenter sein auf dem Platz. Das ist mir schon gut gelungen, aber es gibt in Europa noch bessere Stürmer.

Sie haben Ihr Kopfballspiel angesprochen – was genau muss man tun, um das zu verbessern?
Viel trainieren. Um Timing und Sprungkraft zu verbessern, habe ich mit einem Volleyballtrainer geübt. Und dann war ich auf dem Trainingsplatz und habe trainiert und trainiert und trainiert. Ich habe darauf vertraut, dass in den Spielen die Möglichkeiten kommen werden, um mein Kopfballspiel zeigen zu können. Und die Spiele kamen dann.

Das 4:3 von Ihnen beim 5:3 gegen Werder Bremen, als Sie nach einer Top-Flanke von Jerome Roussillon sprichwörtlich in der Luft stehen und dann mit voller Wucht vollenden – war das der perfekte Kopfball?
Ja! Das war eines meiner schönsten Tore in 2020. Gefreut hat mich aber auch das Tor in der Woche vor dem Bremen-Spiel auf Schalke nach einer Standard-Situation – das war auch ein super Kopfball. Aber der gegen Bremen war noch ein bisschen schöner.

VfL-Manager Jörg Schmadtke hat jüngst gesagt, Sie seien jemand, der immer weitermache, weil die nächste Situation in einem Spiel entscheidend sein könne: Woher kommt dieses Niemals-Aufgeben-Gen?
Das liegt am Charakter oder an der Persönlichkeit – so bin ich. Das hat sich bei mir einfach von klein auf so entwickelt. Alle in unserer Familie waren und sind ehrgeizig. Mein kleiner Bruder etwa wollte Pilot werden und ist es geworden. Mein ältester Bruder ist jetzt Direktor von unserer Familien-Firma. Und ich wollte schon als kleiner Junge Profi werden, der Weg war nicht immer einfach. Aber ich habe es geschafft.

Wenn Ihnen auf dem Platz trotz Ihres großen Ehrgeizes etwas mal nicht gelingt, können Sie ganz schön böse schauen. Erschrecken Sie sich manchmal, wenn Sie das hinterher im TV sehen?Nein (lacht). Sie nennen das böse, ich würde es nicht so bezeichnen. Das sind die Emotionen. Ich bin wie ich bin.

Wie sind Sie zu Hause?
Auch so, also ganz böse… (lacht). Nein, zu Hause bin ich natürlich viel ruhiger als auf dem Fußballplatz.

Jüngst haben Sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Girls are awesome“, Frauen sind genial, getragen. Sie leben in einem Frauenhaushalt mit Lebensgefährtin Nikki und den Töchtern Juul sowie Lucie Mary – wie fühlt sich das an?
Das ist das Beste, was es gibt! Bei uns zu Hause gab‘s früher „nur“ Jungs, wir sind vier Brüder. Ich habe mal gesagt, dass ich vier Mädchen haben möchte. Das war immer mein Traum. Ich bin also auf einem guten Weg. Aber falls unser drittes Kind ein Junge werden sollte, ist das natürlich auch kein Problem. Aber Mädchen sind schon super.

Die Corona-Pandemie hat das Jahr bestimmt – auch den Fußball. Sie lieben den Jubel mit den Fans, haben Sie sich an die leeren Stadien gewöhnt?
Ja, leider. Es ist halt jetzt so. Andererseits vermisse ich diese besondere Atmosphäre in den Stadien. Als zu Saisonbeginn ein paar Fans wieder in die Stadien durften, habe ich schnell gemerkt: Das ist etwas anderes, Fans machen den Fußball doch erst so schön. Hoffentlich dürfen die Leute bald wieder zurück in die Stadien.

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Was hat die Mannschaft in diesem Jahr gut gemacht – und was nicht?
Dass wir in der vergangenen Saison am letzten Spieltag Platz sechs verspielt haben und Siebter geworden sind, war enttäuschend für uns alle. Aber ich finde, im zweiten Halbjahr haben wir als Mannschaft Schritte gemacht, wir haben uns weiterentwickelt. Wir haben eine gute Gruppe, in der jeder bereit ist, für den anderen durchs Feuer zu gehen. In der Defensive sind wir immer stabil und stark gewesen, in der Offensive haben wir uns in dieser Saison verbessert. Wir sind auf seinem sehr guten Weg.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Überall. In Spitzenspielen wie das bei den Bayern kommt es auf die Details und die Entschlossenheit an. Da sieht man dann: Es fehlt noch der kleine letzte Schritt, der vielleicht auch der schwierigste ist. Gleichwohl muss ich sagen: Wir waren viel mutiger als in den Spielen zuvor gegen die Bayern, seit ich hier bin. Das zeigt, dass wir als Mannschaft eine Entwicklung nehmen. Auch in den Heimspielen haben wir gezeigt, dass wir die Kontrolle haben. Wir müssen jedoch versuchen, das über 90 Minuten hinzubekommen.

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 Doppelpack: Auch durch die beiden Treffer von Weghorst sicherte sich der VfL am 33. Spieltag die Europa-League-Qualifikation. Zur Galerie
Doppelpack: Auch durch die beiden Treffer von Weghorst sicherte sich der VfL am 33. Spieltag die Europa-League-Qualifikation. ©

Im Sommer haben die VfL-Fans zittern müssen, ob Sie bleiben, nachdem unter anderem Tottenham Hotspur interessiert war. Nun steht erneut eine Wechselperiode an – müssen die Anhänger wieder zittern?
Ich finde generell die Winter-Transferperioden sind nicht der beste Moment, um zu wechseln. Ich beschäftige mich auch nicht damit. Im Sommer war das mit einer Mannschaft konkret. Jetzt sind wir mit dem VfL auf einem guten Weg. So wie wir gespielt haben, glaube ich: Für uns ist in diesem Jahr etwas Schönes drin. Ich habe oft genug gesagt: Ich fühle mich hier super-wohl und erfahre eine große Wertschätzung. Und daran hat sich nichts verändert.

Was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?
Nicht so viel eigentlich, ich bin sehr glücklich, ich habe alles: Zwei schöne Kinder und eine schöne Frau, alle sind gesund – und ich mache viele Tore. Viel mehr geht nicht. Ich hoffe für uns alle, dass Corona in den Griff zu bekommen ist und dass wir schon bald wieder vor Fans spielen können.