18. August 2022 / 19:02 Uhr

Fünf Thesen zu fünf Jahren Videobeweis: Ex-Schiedsrichter Babak Rafati übt scharfe Kritik am VAR

Fünf Thesen zu fünf Jahren Videobeweis: Ex-Schiedsrichter Babak Rafati übt scharfe Kritik am VAR

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Babak Rafati äußert Kritik am Videobeweis.
Babak Rafati äußert Kritik am Videobeweis. © IMAGO/Revierfoto
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Der Videobeweis sollte den Fußball gerechter machen und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter minimieren. Nach fünf Jahren sind die Diskussionen um das technische Hilfsmittel noch immer hitzig. Ex-Bundesliga-Referee Babak Rafati bezieht zu fünf Thesen zum VAR Stellung.

Er ist immer noch das große Reizthema in der Bundesliga: der Videobeweis oder Video Assistant Referee (VAR). Vor fünf Jahren, im Eröffnungsspiel der Saison 2017/18 zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen, kam er erstmals im deutschen Profifußball zum Einsatz. Im viel zitierten "Kölner Keller" wurden seither zahlreiche heftig diskutierte Entscheidungen überprüft, bestätigt oder revidiert. In großen Teilen der Fanszene ist man weiter skeptisch, der DFB betont die Vorteile des technischen Hilfsmittels, dessen Anwendung regelmäßig angepasst wird. Zum fünften Jahrestag bezieht Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati im SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), zu fünf Thesen zum VAR Stellung.

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1. Der VAR macht den Sport aktuell nicht fairer, nur komplizierter

Der Videobeweis wurde eingeführt, um so etwas wie "Die Hand Gottes" von Diego Maradona bei der WM 1986 zu verhindern. Klare Fehlentscheidungen sollten erkannt, der Fußball damit fairer werden. Doch die Umsetzung ist derzeit katastrophal. Die Videoschiedsrichter sind detektivisch unterwegs, deren "Line of intervention" (Eingriffslinie, d. Red.) ist nicht nachvollziehbar. Weil die Leute im Stadion nach wie vor einen Informationsnachteil gegenüber den Fans vor den Bildschirmen in den Wohnzimmern haben, fehlt das Verständnis für das, was im Kölner Keller entschieden wird. Akzeptanz und Glaubwürdigkeit gehen verloren. Jeder Schritt zur On-Field-Review, vor allem ein unnötiger, stört den Ablauf des Spiels. Das ist eben nicht mehr einfach und verständlich, sondern kompliziert und unattraktiv.

2. Durch den VAR gibt es nicht weniger Emotionen – nur weniger echte

Die Emotionen sind keinesfalls, wie befürchtet, aus dem Fußball verschwunden, seitdem der Videobeweis eingeführt wurde. Sie wurden verlagert: Es gibt sie weiterhin, aber mit angezogener Handbremse. Es ist nicht mehr so echt und schön. Der verzögerte Torjubel, nach Sekunden oder Minuten, ist etwas, an das ich mich nicht gewöhnen möchte. Der Fußball braucht die spontanen Emotionen. Der VAR hat also einen emotionalen Eingriff vorgenommen – der Videoschiedsrichter ist ein Stimmungskiller.

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3. Die Qualität der Schiedsrichter hat gelitten

Jeder verlässt sich mittlerweile auf den anderen, im Ergebnis haben wir Chaos. Wir vernachlässigen in der öffentlichen Diskussion immer mehr die Entscheidung des Schiedsrichters, und diskutieren nur noch über das, was der VAR entschieden hat. Diese verschobenen Kompetenzen, die es nicht geben darf, führen dazu, dass der Unparteiische auf dem Feld mehr und mehr unter Druck gerät – und sich doch auch auf den Airbag im Keller verlassen muss. Schiedsrichter haben alle eine besondere DNA: Jahrelang waren sie der Chef auf dem Platz. Plötzlich kommt ein Konkurrent, der deine Entscheidungen unter die Lupe nimmt, und selbst vielleicht auch eine andere Spielphilosophie hat.

4. Bei Abseits ist der VAR der gewünschte Helfer in der Not

In einem Punkt ist der VAR definitiv geglückt: Die Schiedsrichterassistenten sind die eindeutigen Gewinner. Sie waren immer das schwächste Glied im Gespann, wurden lange nicht mehr in einem Spiel eingesetzt, wenn es Fehlentscheidungen gegeben hat. Die Assistenten sind nun aus der Kritik, denn die finale Verantwortung bei Abseitsentscheidungen ist an den Videoassistenten übergegangen. Mit der halbautomatischen Abseitstechnologie, die etwa bei der WM in Katar zum Einsatz kommt, steht die nächste Verbesserung an, die den Prozess nochmal beschleunigen soll. Eine Reduzierung auf 25 Sekunden für die Überprüfung ist das Ziel.

5. Der VAR muss sich deutlich verändern, um den Fußball attraktiver machen

Eine Abschaffung des technischen Hilfsmittels käme einem Eingeständnis gleich. Es wurde zu viel Geld investiert. Kein Verband wird wieder darauf verzichten. Alles in allem kommt man aber zu dem Schluss, dass der Videobeweis nicht funktioniert, wie er derzeit genutzt wird. Es muss eine Modifizierung her. Es dürften nur noch faktische Entscheidungen korrigiert werden, keine subjektiven. Also sprechen wir von Abseits, dem Tatort eines Fouls (innerhalb oder außerhalb des Strafraums) oder Spielerverwechslungen bei Gelber und Roter Karte. Das ist alles messbar. Bei Themen wie Hand oder Foulspiel wird der VAR immer als Oberschiedsrichter wahrgenommen – auch von den Vereinen, die immer wieder Kritik äußern. Doch er sollte ein Assistent bleiben, wie es sein Name schon sagt. Die Wahrheit muss auf dem Platz liegen, und nicht am Monitor.