21. Juli 2020 / 17:30 Uhr

Viele Fragezeichen wegen Corona: Interview mit dem Grizzlys-Finanzchef Hartmut Rickel

Viele Fragezeichen wegen Corona: Interview mit dem Grizzlys-Finanzchef Hartmut Rickel

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Grizzlys Zuschauer Kopie
Viele offene Fragen: Auch für Grizzlys-Finanzchef Hartmut Rickel ist die Saisonplanung mit etlichen Unbekannten durchsetzt. © Boris Baschin (1) / Volkswagen (1)
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Vom Start-Termin bis zur erlaubten Zuschauerzahl - rund um die kommende Eishockey-Saison in der DEL ranken sich wegen Corona viele Fragezeichen. Sinkende Einnahmen sind zu erwarten, die Klubs sparen, es geht um die Existenz der Klubs und der Liga. Der SPORTBUZZER erkundigte sich beim Finanzchef der Grizzlys Wolfsburg, Hartmut Rickel, nach der Lage.

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2018 übernahm Rickel von Bernd Rumpel das Amt des Geschäftsführers Finanzen beim heimischen Erstligisten. Der Sprecher der Geschäftsführung der Volkswagen Group Services GmbH ist ein Experte für Finanzen und Controlling. Nie zuvor hatte er so viele Gespräche mit den Profis zu führen wie im März und April, gemeinsam mit Manager Charly Fliegauf überzeugte er die Profis, frühzeitig von der Notwendigkeit möglicher Gehaltseinbußen. "Durch Transparenz und Offenheit", sagt er. "So waren wir einer der ersten Klubs, die das Thema erledigen konnten." Im Interview nimmt Rickel Stellung zu einigen anderen Punkten. Vieles allerdings muss vage bleiben, weil es auch von weiteren Entwicklungen der COVID-19-Pandemie abhängt.

Haben die Grizzlys schon einmal durchgerechnet, mit welcher Zuschauerzahl sie wirtschaftlich einigermaßen klarkämen?
Das ist aktuell nicht eindeutig zu beantworten, da viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Wir fahren auch hier auf Sicht und machen Schritt für Schritt in Abstimmung mit der Ausdefinition des gesamten Konzeptes auch unsere finanziellen Durchrechnungen. Unter anderem gibt es bis auf Weiteres eine strenge Ausgabendisziplin. Alles nicht Notwendige wird auch nicht ausgegeben beziehungsweise angeschafft.

Auf welche Ausgaben wird verzichtet?
Zum Beispiel auf auswärtige Trainingslager oder Testspiele im Ausland. Oder wir stellen uns die Frage, wie aufwendig wir die eine oder andere Produktion etwa für den Social-Media-Bereich fahren.

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Es sind in der Eis-Arena möglicherweise Veränderungen baulicher oder räumlicher Art notwendig. Dazu ein erweiterter Ordnungsdienst. Testungen, Auswärtsunterbringung und Reisen sind Themen. Inwieweit rechnen Sie mit Zusatzkosten? Gibt es dafür Spielraum in einem Etat? Oder müsste das mit erhöhter Zuschauerkalkulation ausgeglichen werden?
Auch hier kann ich leider keine aktuell eindeutige Aussage treffen. Wir hoffen, dass es keine baulichen Veränderungen geben muss. Es werden aber definitiv Laufwege klar erkennbar ausgezeichnet sein müssen. Ebenso eindeutige Beschilderungen.Vor dem geplanten Telekom-Cup werden wir mit Sicherheit zwei Covid-Tests durchführen, deren Zusatzkosten natürlich im normalen Etat nicht vorgesehen waren. Planungen zu den Zuschauerzahlen machen wir momentan nicht, da wir erst mal auf Basis des aktuell zu definierenden Konzeptes zur Durchführung des Spielbetriebes wissen müssen, ab wann und in welcher Anzahl wir wieder Zuschauer begrüßen dürfen. Wenn alle Vereine am Ende ein von den lokalen Verantwortlichen abgenommenes Konzept haben, dürfte aus unserer Sicht bei Auswärtsspielen kein signifikanter Mehraufwand hochkommen.

Wie defensiv muss man die Zuschauerkalkulation eigentlich fahren? Mal angenommen, 1500 Fans wären zugelassen, glauben Sie, die kämen alle?
Auch das ist eine mehr als berechtigte Frage, die aber schwer einzuschätzen ist. Wir werden bestmöglich unsere Hausaufgaben machen in puncto Beachtung aller notwendigen gesundheitlichen Regeln, um unseren Sport mit unseren Fans genießen zu können und eine Ansteckung möglichst ausschließen zu können. Am Ende wird das aber sicher jeder für sich mit seinen Freunden und der Familie entscheiden. Und wir müssen auch auf Basis des Hygiene-Konzeptes wissen, welche Plätze stehen denn zur Verfügung: mit/ohne Stehplätze, Umgang mit den Dauerkarten/-besitzern zum Beispiel.

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Könnten die Grizzlys auch mit sehr wenig Fans auskommen, weil die Zuschauer zwar ein Faktor sind, aber doch vielleicht nur etwa ein Fünftel der notwendigen Einnahmen ausmachen?
Es ist sicher richtig, dass es uns bei verringerter Zuschauerzahl nicht so hart treffen wird wie andere Vereine. Es ist uns gelungen, den Zuschauerschnitt in den vergangenen Jahren sukzessive zu steigern. Von daher werden wir alles versuchen, um möglichst vielen Fans den Besuch unserer Spiele zu ermöglichen. An dieser Stelle auch einen Dank an unsere Sponsoren, mit denen wir in intensivem Dialog stehen und die auch alle im Rahmen ihrer Mittel stehende Anstrengungen unternehmen, uns weiter zu unterstützen.

Wie viel Prozent etwa fangen der Gehaltsverzicht und die Bundeshilfen auf? Gibt es für die Bundeshilfen schon eine konkrete Größe?
Wichtig zum Verständnis: Es handelt sich erst mal nicht um einen Verzicht, sondern um eine Umwandlung eines Teils der vereinbarten Gehälter. Wir alle, Management der Vereine und die Verantwortlichen der DEL, versuchen daher, dass der betroffene Personenkreis am Ende der Saison beziehungsweise des Geschäftsjahres auch wieder das volle, ursprünglich vereinbarte Gehalt ausgezahlt bekommt. Konkrete Größenordnungen gibt es vom Bund meiner Kenntnis nach aktuell noch nicht. Es laufen aber intensive gute Gespräche, was wir als extrem positives Signal für viele Sportarten deuten.

Gibt es ein Szenario, einen Punkt, an dem die Grizzlys aus finanziellen Gründen sagen müssten: Geht nicht, Schluss, wir spielen nicht?
So ein Szenario mit „geht nicht, Schluss, gespielt wird nicht“ sehen wir aktuell nicht und wird auch nicht durchgespielt. Wir gehen davon aus, unseren faszinierenden Sport mit Zuschauern angehen zu können und die Saison unter sicherlich völlig anderen Rahmenbedingungen auch wirtschaftlich gut abzuschließen. Unseren Wirtschaftsplan aktualisieren wir regelmäßig, um keine Überraschungen zu erleben.