06. Mai 2020 / 13:38 Uhr

Viele Regeln, wenig Hilfe: So steigen Leipziger Fußballclubs ins hygienische Training ein

Viele Regeln, wenig Hilfe: So steigen Leipziger Fußballclubs ins hygienische Training ein

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
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Auf Leipzigs Fußballplätzen hält Desinfektionsmittel Einzug. © dpa / Archiv
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Leipzigs große und kleine Fußballer dürfen wieder trainieren. Die Stadt Leipzig hob die Nutzungsuntersagung der Außensportanlagen am Dienstag unter Auflagen auf. Aber wie sehen die eigentlich genau aus und wie sollen Vereine das umsetzen? Der SPORTBUZZER beleuchtet mit der SG Rotation 1950 und dem FC Blau-Weiß zwei ganz unterschiedliche Ansätze.

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Leipzig. Das Schreiben der Kommune ist knapp. Sportamtsleiterin Kerstin Kirmes weist darin auf die bindenden Hygienevorschriften hin, die der Freistaat in seiner Allgemeinverfügung zum Vollzug des Infektionsschutzgesetzes anlässlich der Corona-Pandemie anordnet. Diese Vorschriften umfassen sieben Punkte:

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  • Personen mit erhöhter Körpertemperatur und/oder Erkältungssymptomen dürfen die Sportstätte nicht betreten.
  • Es darf nicht mehr als eine Person pro 20 m² Nutzungsfläche trainieren; der Mindestabstand zwischen Sportlern und Trainern ist in jeder Trainingseinheit sowie den Pausen einzuhalten. Trainingseinheiten mit Mannschaftsspielcharakter sind nicht erlaubt. Jeglicher Körperkontakt ist zu vermeiden.
  • Der Mindestabstand zwischen den Personen von mindestens 1,50 Meter ist auch in den Sanitärbereichen unbedingt einzuhalten. Möglichkeiten zum Händewaschen (mit entsprechendem Abstand zueinander) müssen ausgerüstet sein mit Flüssigseife, zum Abtrocknen mit Einmalhandtüchern. Elektrische Handtrockner sind weniger geeignet, könnten aber belassen werden, wenn sie bereits eingebaut sind.
  • Bei Laufsport ist der Mindestabstand hintereinander zu vergrößern: für schnelles Gehen mit 4 km/h ungefähr 5 m und für Läufer mit 14,4 km/h ca. 10 m.
  • Enge Bereichen sind so umzugestalten oder der Zugang zu beschränken, dass der Mindestabstand eingehalten werden kann.
  • Trainingsgeräte sind nach der Benutzung zu reinigen.
  • Die Sportstätte darf für den Publikumsverkehr nicht geöffnet werden.

"Wir fühlen uns allein gelassen"

Schon beim ersten Überfliegen dieser Vorgaben ist klar: Training wie gehabt ist nahezu ausgeschlossen. Und: Bei der Umsetzung kommt auf die Vereine viel Arbeit und vor allem viel Verantwortung zu. Denn die Stadt Leipzig empfiehlt den Pächtern ihrer Sportstätten und damit den Clubs, die Hygienevorschriften „konzeptionell zu hinterlegen“ und stellt klar: „Grundsätzlich bleibt es jedoch Ihnen als Betreiber überlassen, ob Sie die Anforderungen der Landesregierung erfüllen können und die eingeschränkte Nutzung Ihrer Sportstätte ermöglichen wollen.“

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Bei der SG Rotation sorgt das Verhalten des Amtes für wenig Begeisterung. „Zu jeder Kleinigkeit gibt es Anleitungen und Anweisungen. Aber jetzt: nichts. Ja, wir fühlen uns allein gelassen“, macht Präsident Stephan Schmidt aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Kommune habe in ihrem Schreiben die Verantwortung gänzlich an die Vereine abgeschoben. Auch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist man in Gohlis mehr als enttäuscht. Zahlreiche deutsche Sportfachverbände haben beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) spezifische Empfehlungen hinterlegt, der DFB nicht. „Es gibt keine Handreichung, keine Infos. Das ist absolut unzureichend. Wir sprechen immerhin vom größten derartigen Verband weltweit.“ Die DFL kümmere sich um die ersten beiden Ligen, der DFB um die 3. Liga. „Aber zu den Amateuren hat sich noch keiner geäußert.“

Am Mittwoch kann's bei Rotation losgehen

Die Zuständigen des Gohliser Traditionsclubs wirbeln seit Tagen. Das Dokument, das Rotation seinen Übungsleitern an die Hand gibt, umfasst nicht 7, sondern 16 Punkte und ist zwei Seiten lang. Es geht über die genannten Regelungen deutlich hinaus. Aus gutem Grund, wie Schmidt auf SPORTBUZZER-Nachfrage erklärte. „Wir möchten für immer mögliche Verschärfungen der Bedingungen gewappnet sein“, so der Vereinsvorsitzende. Das Hygienekonzept der Gohliser wurden von einem Anwalt und einem Mediziner gegengeprüft. „Wir wollen nichts falsch machen.“


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Rotation schreibt unter anderem das Händewaschen vor und nach dem Training vor, empfiehlt die vorübergehende Auflösung von Fahrgemeinschaften und sieht zwischen den Trainingseinheiten jeweils 30 Minuten „Luft“ vor. Da kleine und große Kicker sich frühestens 15 Minuten vor Trainingsbeginn treffen dürfen, können so Menschenansammlungen vermieden werden. Die Übungsleiter müssen die Trainingsteilnahme dokumentieren, damit Infektionsketten bei Bedarf problemlos nachvollzogen werden können. Außerhalb des Trainingsplatzes soll nach Möglichkeit eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden. Auf ein Fiebermessen am Eingang zum Gelände verzichtet die SG. „Da setzen wir auf den gesunden Menschenverstand. Wer krank ist, trainiert nicht. Das war auch vor Corona schon so“, sagt Stephan Schmidt.

In Kraft tritt das Papier am Mittwoch. Die Vereinsführung will sich das Verhalten aller ansehen, gegebenenfalls nachsteuern. Wann tatsächlich wieder gekickt wird, ist den jeweiligen Übungsleitern überlassen. „Da gibt‘s ein paar, die legen sicher sofort los. Andere haben bereits signalisiert, dass sie bis zur kommenden Woche warten und nicht in Hektik verfallen wollen“, so Schmidt.

Bei Blau-Weiß müssen Einige bis Juni warten

Beim FC Blau-Weiß Leipzig ist erst einmal nicht mit dem großen Run auf die Anlagen zu rechnen, trotz enormer Vorfreude aller Beteiligten. „Vor allem im Nachwuchsbereich sind die Mädchen und Jungen heiß, wollen wieder ran“, weiß Philipp Bludovsky, 2. Vorsitzender des Clubs. Bei Blau-Weiß sind 26 Sportgruppen von den Kleinsten bis den ältesten Volkssportlern aktiv. Und sie alle müssen auch weiter geduldig sein, denn am Kantatenweg hat man sich für eine stufenweise Rückkehr auf die drei zur Verfügung stehenden Großfelder entschieden. „Alle sofort loslegen zu lassen, wäre eine Kamikaze-Aktion.“

Heißt im Klartext: Am Donnerstag steigen zunächst die zweiten Herren sowie die U17 ein, am Freitag die Sachsenliga-Herren und die U19. In den kommenden Wochen folgen dann nach und nach die weiteren Junioren, wobei das Prinzip gilt: von den Älteren zu den Jüngeren. Das bedeutet auch: Einige müssen noch wochenlang verzichten. „Die letzte Gruppe fängt in der zweiten Juni-Woche an“, erklärt Bludovsky, der weiß: „Wenn wir das den Trainern so vorstellen, werden einige ganz schön murren. Aber wir nehmen das Thema Corona sehr ernst, wollen Infektionen in unserem Verantwortungsbereich vermeiden.“

Die Blau-Weiß-Verantwortlichen haben die Trainingspläne angepasst. Auf jedem Feld arbeitet nur ein Team. Die Wechselzeiten sind so gestaltet, dass sich die Trainingsgruppen nicht begegnen. Trainer sind angehalten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Am Spielfeldrand sind, wenn überhaupt, nur Angehörige zugelassen. Auch sie müssen Maske tragen. Jedes Team bekommt zudem eine Art Hygiene-Supervisor zur Seite gestellt. „Der kommt zur ersten Einheit, erklärt allen die Regeln und guckt auch in der Folge immer mal wieder vorbei So können wir immer gucken, ob unsere Maßnahmen auch greifen“, erläutert Philipp Bludovsky und meint mit einem Lächeln: „Und prüfen, ob die Herren nicht am Ende doch noch versehentlich auf ein Bierchen zusammensitzen.“