31. Dezember 2020 / 17:32 Uhr

Viererkette spezial: Breyer, Fuss, Rafati und Reng blicken auf besondere Fußball-Momente im Jahr 2020

Viererkette spezial: Breyer, Fuss, Rafati und Reng blicken auf besondere Fußball-Momente im Jahr 2020

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die <b>SPORT</b>BUZZER-Kolumnisten Jochen Breyer, Wolff Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng skizzieren ihre Besonderheiten des Jahres 2020.
Die SPORTBUZZER-Kolumnisten Jochen Breyer, Wolff Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng skizzieren ihre Besonderheiten des Jahres 2020. © imago images/Montage
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Trainings-Zuschauer, Kampf gegen Rassismus, Charisma und Finalturnier. Die SPORTBUZZER-Kolumnisten Jochen Breyer, Wolff Fuss, Babak Rafati und Ronald Reng äußern sich zu ihren Highlights des Jahres 2020.

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Wir alle sind gefragt im Kampf gegen Rassismus

Von Jochen Breyer

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Mein Sportmoment des Jahres 2020 hat wenig mit Sport zu tun und spielte sich nicht auf der großen Bühne ab, sondern in der 3. Liga. Und dennoch hatte er Symbolwirkung. Es passierte in Münster, beim Spiel Preußen gegen Würzburg. Kickers-Spieler Leroy Kwadwo wurde rassistisch beleidigt. Die Reaktion des Publikums war beispielhaft. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke: Mehrere Preußen-Fans halfen den Ordnungskräften, den Rassisten ausfindig zu machen und festzuhalten. Dazu: „Nazi raus“-Sprechchöre von der Tribüne. Welch ein tolles Zeichen von Zivilcourage, welch eine großartige Geste von gelebtem Antirassismus!

Als ich am Morgen danach, einem Samstag, davon erfuhr, rief ich meine "Sportstudio"-Kollegen an und wir entschieden, Leroy Kwadwo in die Sendung einzuladen. Er sagte zu und erzählte, wie wichtig für ihn die Reaktion der Fans war: "Ihr könnt euch gar nicht denken, was diese mir und auch allen anderen schwarzen Spielern bedeutet."

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2020 war ein Jahr, in dem auch den Letzten klar geworden sein muss, wie groß das Problem mit Rassismus ist. In den USA, wo George Floyd von einem Polizisten getötet wurde, aber auch in Europa, auch im Sport. Ich erinnere mich an die Tränen von Jordan Torunarigha Anfang Februar im Pokalspiel auf Schalke. Wurde da richtig reagiert? Ich war nicht dabei, es ist aber nicht überliefert, dass sich andere Zuschauer gegen diejenigen, die Torunarigha durch Affenlaute beleidigt hatten, wehrten. Die Fans auf der Tribüne in Münster haben uns vorgemacht, wie es geht: gemeinsam gegen Rassismus. Wir alle sind gefragt. Dieser Sportmoment weist für mich weit über den Sport hinaus.

Groß und spannend – eigentlich

Von Wolff Fuss

Es ist der 23. August 2020. Es ist der Tag, an dem der FC Bayern München das zweite Triple seiner Vereinsgeschichte feiert. Es ist der Tag, an dem, nachdem sämtliche Turniere des Sommers abgesagt wurden, das Sportereignis dieses Corona-Sommers seinen Höhepunkt bekommt. Der Modus so einzigartig, so faszinierend, so spektakulär. Ein Spiel, alles ist möglich. Die Bayern schlugen den FC Barcelona im Viertelfinale mit 8:2. Leipzig warf Atletico Madrid aus dem Wettbewerb. Die Wucht dieses Großereignisses wurde jeder gewahr, auch wenn keiner da war. In Lissabon selbst gab es maximal versteckte Hinweise darauf, dass sich im Estadio da Luz Großes tut. Wer jemals ein Fußball-Großereignis besucht hat, kann bestätigen, dass die dazugehörigen Städte eine einzige Partymeile sind. Unmöglich, sich dem zu entziehen. Und hier war es nicht ein Spiel, es war ein Finalturnier. So groß, so spannend – eigentlich. Es wäre die Party des Jahrhunderts geworden – eigentlich. Hypothetisch. Weil dieses Turnier eigentlich nie so stattgefunden hätte.

Bayern und Paris Saint-Germain führten es zu einem Ende. Zu einem erfolgreichen für die Münchner. 60.000 leere Sitzschalen konterkarierten die Größe des Erfolges. Auf dem Platz ausgelassene Freude bei den Spielern. Kindliche, echte, nicht choreografierte Freude. Ein paar Interviews statt eines Gesprächsmarathons. Eine überschaubare Partygruppe statt Chaos auf dem Platz. Keine Go-Pros an Weißbiergläsern, nicht mal Weißbier, keine Erfüllung von Aufträgen der Sponsoren. Pure Freude. Es ist mein achtes Champions-League-Finale als Kommentator. Mit wenigen anderen Kollegen kommentiere ich vor Ort. Dieses Turnier wird aller Voraussicht nach eine einmalige Sache bleiben. Wahrscheinlich, hoffentlich, leider.

Es gibt noch Typen mit Charisma

Von Babak Rafati

Es ist der siebte Spieltag, als Borussia Dortmund im Topspiel Bayern München empfängt. In der 34. Spielminute schnappt sich Erling Haaland (Dortmund) beim Stand von 0:0 den Ball und setzt zu einem turboartigen Angriff an. Joshua Kimmich (Bayern) kommt nicht hinterher und kann sich nur noch mit einem rüden Tackling helfen und den Norweger durch ein Foul stoppen. Rums!

Bei ausverkauftem Haus hätte ein Schrei aus zahllosen Menschenkehlen die Südtribüne zum Explodieren gebracht. Gleichzeitig wäre fast jeder Spieler berauscht von Adrenalin auf den Schiri zugelaufen und hätte Rot gefordert. Rudelbildung und pure Ekstase inmitten der Tumulte mit verbissen kämpfenden Akteuren. Der Signal-Iduna-Park am Vibrieren.

Zugegeben, diese Emotionen gehören dazu und wir alle wollen sie sehen.

Dass sich Kimmich dabei selbst unglücklich verletzt und minutenlang behandelt werden muss, geht unter. Der Schiedsrichter gibt Kimmich, der unter Tränen vom Platz getragen wird, Gelb! Spätestens jetzt hätte es massiv gebrodelt, und nach dem Spiel wäre es die am heftigsten diskutierte Szene des Spieltages gewesen.

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Und was macht Haaland, der neuerdings mit dem Titel Golden-Boy-Award 2020 (bester U21-Spieler der Welt) ausgezeichnet wurde? Er spendet Kimmich Trost! Gänsehaut pur!

Was für eine tolle Geste. Grandiose Außendarstellung und Botschaft für Millionen Amateur- und Jugendfußballer. In diesem Moment ist nur die Gefühlslage eines Berufskollegen wichtig. Empathie im knallharten Millionengeschäft Profifußball. Eine Frage des Charakters. Ja, es gibt sie doch noch! Typen mit Charisma. Und ja, Charakter schießt auch Tore.


Normales als Besonderheit: Mal beim Training zuschauen

Von Ronald Reng

Im Dorf Zuzenhausen, wo das Trainingszentrum des Bundesligaklubs TSG Hoffenheim liegt, hat ein Besucher ungefähr zwei Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Er kann die Autos an der Durchfahrtsstraße zählen oder das Training der Profifußballer betrachten. Ich fühlte mich zu alt, um Autos zu zählen, also ging ich zum Training, als ich am 3. März zu früh zu meinem Interviewtermin mit Hoffenheims Trainer Alfred Schreuder im Dorf eingetroffen war.

Ich erinnere mich an keine einzige Trainingsszene mehr, und doch ist jene Hoffenheimer Übungseinheit für mich heute das Sportereignis des Jahres. Es war die letzte Sportveranstaltung, bei der ich zuschaute. Danach kam der Lockdown, der Sport ohne Publikum. Das Normale war 2020 das Besondere: einfach mal beim Training zuschauen.

Ich liebe es, Profifußballer beim Training zu beobachten. Sie wagen mehr als im Überdruck des Wettkampfs. Einmal in Barcelona sah ich Ronaldinho einen Traumpass mit dem Po spielen. Vor allem spüre ich beim Training als Zuschauer die reine Freude am Spiel aus der Kindheit. Wie großartig das Plopp klingt, wenn der Innenrist eines Fußes den Ball ideal getroffen hat. Wie erfüllend es ist, dem Ball nachzuschauen, wenn er perfekt gleichmäßig, ohne ein Holpern, über den Rasen gleitet.

Neun Monate später radle ich an verlassenen Trainingsplätzen vorbei. Der Anblick ließ eine Sehnsucht in mir wachsen: Irgendwann will ich durch die Welt reisen, von Afrika bis Asien, und mich in jeder Stadt an den Trainingsplatz stellen, um die Geräusche zu genießen, das Ploppen des perfekt getretenen Balls, das Lachen, das metallene Scheppern eines Torpfostentreffers. Meiner Frau habe ich allerdings noch nichts von dieser Idee erzählt.