16. Juli 2021 / 16:37 Uhr

Vöhrumerin fährt zu Olympia: „Meine Erwartungen sind gespalten“

Vöhrumerin fährt zu Olympia: „Meine Erwartungen sind gespalten“

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Sabrina Klaesberg im Einsatz - hier beiden Olympischen Spielen 2016.
Sabrina Klaesberg im Einsatz - hier beiden Olympischen Spielen 2016. © Enis Hodzic Lederer
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Bei den Olympischen Spielen in Tokio ist eine Vöhrumerin im Einsatz – als Kampfrichterin beim Geräteturnen. Schon zweimal war Sabrina Klaesberg bei Olympia. Das typische Flair erwartet sie diesmal jedoch nicht. Stattdessen konsequente Quarantäne.

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London 2012, Rio 2016, Tokio 2021: Sabrina Klaesberg wird in Kürze nach Japan aufbrechen, um dort zum dritten Mal hintereinander an den olympischen Spielen teilzunehmen. Und zwar als Kampfrichterin im Geräteturnen der Damen.

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Vorfreude hat sich bei der Vöhrumerin, die mit dem im Kreis Peine bestens bekannten ehemaligen Spitzen-Turner Jörg Niebuhr verheiratet ist, bisher allerdings kaum eingestellt. „Meine Erwartungen sind gespalten. Klar sind die Spiele immer etwas Besonderes, aber dieses Mal dürfte es kein olympisches Flair geben“, verweist sie auf die seit längerer Zeit geltenden strengen coronabedingten Einschränkungen in der knapp zehn Millionen Einwohner zählenden Metropole. Und die werden das Leben auch während der Sommer-Spiele vom 23. Juli bis zum 8. August bestimmen. Athleten, Trainer, Betreuer, mithin der gesamte Olympia-Tross können zwar wie gewohnt die Wettkämpfe bestreiten. „Doch das ganze Drumherum fehlt. Wir Turn-Kampfrichter sind beispielsweise alle zusammen in einem Hotel untergebracht, dürfen es nur zu unseren Einsätzen verlassen. Bei anderen Sportarten auf der Tribüne sitzen, Sportler treffen, ins Restaurant gehen – alles verboten. Wir sind in Quarantäne.“

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2012, im „Swinging London“, sei der olympische Geist allgegenwärtig gewesen, schwärmt die 51-Jährige. „Es gab damals eine unglaubliche Begeisterung. Die ganze Stadt war von den Spielen erfüllt. Alle, die sich zu der Zeit dort aufhielten, bildeten eine große Familie. Ich persönlich durfte mir das olympische Dorf angucken, war bei der Leichtathletik und beim Turmspringen zu Gast und kehrte mehrmals ins Deutsche Haus, dem Olympia-Treffpunkt ein – einfach klasse.“

Verhaltener sei hingegen die Atmosphäre in Rio gewesen. „Viele Menschen in Brasilien lehnten die olympischen Spiele ab. Sie waren der Meinung, dass man das Geld, das für die Spiele ausgegeben wurde, anderweitig hätte einsetzen sollen. Schließlich lebt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung in Armut. Und Kriminalität ist noch eine andere Geschichte. Allen Besuchern wurde gesagt, dass sie bestimmte Viertel Rios meiden sollten.Vor allem abends“, erinnert sich Klaesberg.

Sie hatte schon früh den Weg als Wettkampf-Richterin eingeschlagen. Denn als 15-Jährige Turnerin erlitt sie eine schwere und komplizierte Knie-Verletzung, die alle Karriere-Träume beendete. Anschließend arbeitete sich die gebürtige Dortmunderin über die Jahre am Wertungstisch immer weiter nach oben, ist heute als oberste deutsche Kampfrichterin im „Geräteturnen weiblich“ im Amt. Zudem zählt sie zum technischen Komitee des Europäischen Verbands (UEG), plante zuletzt die Durchführung der Turn-Europameisterschaften in der Schweiz. Nicht zuletzt arbeitete die Juristin über viele Jahre (bis 2012) für die Federation Internationale de Gymnastique (FIG) am internationalen Berufungsgericht.

Beruflich betreibt Sabrina Klaesberg zusammen mit Anwalts-Kollegen an ihrem Zweitwohnsitz Bochum eine Kanzlei. Ihr Fachgebiet: Arbeits- und Familienrecht. Beruf, Familie, Hin- und Her-Pendelei, Wettkämpfe, Funktionärin – wie ist das alles unter einen Hut zu bringen? „Mit Disziplin. Doch zugegeben, manchmal ist mein Leben schon stressig. Wenn mein Mann nicht mitspielen würde, wäre alles nicht zu schaffen. Er nimmt mir viele Aufgaben ab“, betont die Mutter des Vöhrumer Turn-Talents Johanna Niebuhr.

In Sachen Turnen saß die 51-Jährige im Vorfeld von Olympia bei der EM, den deutschen Meisterschaften sowie diversen Qualifikations-Ausscheidungen am Wertungstisch. Ihr Können trainierte sie zudem zu Hause per Videoanalyse. „Ich habe mir Aufzeichnungen der WM 2019 angesehen und die Übungen der Turnerinnen benotet. Und zwar nur die Ausführung. Denn für diesen Bereich bin ich auch in Tokio eingeteilt. Die Schwierigkeits-Grade bewerten andere“, erläutert Klaesberg, die kein Neuland betritt, wenn sie am 19. Juli auf der japanischen Hauptinsel Honshu das Flugzeug verlässt. „Ich war schon zwei Mal in Tokio, privat und als Kampfrichterin. Ein paar Brocken japanisch kann ich auch.“

Geholfen hat ihr das kaum: „Als ich mal jemanden nach dem Weg fragte, verstand ich von der Antwort kein bisschen. Der Mann nahm mich daraufhin an die Hand, wir fuhren zusammen mit dem Bus und er stieg mit mir an dem Ort aus, wo ich hinwollte.“ Allgemein sei die japanische Bevölkerung überaus höflich, das Klima im Sommer dagegen umso unangenehmer. So sind im August schwüle Hitze mit Tages-Temperaturen von mehr als 30 Grad vorherrschend.

Dem allseits durchdringenden Thema Corona sieht sich Sabrina Klaesberg gewappnet. „Ich bin vollständig geimpft.“ Offen ist hingegen, wie lange sie noch als Kampfrichterin im Einsatz bleiben wird. „Ich weiß es nicht, lasse alles auf mich zukommen.“

Von Jürgen Hansen