25. November 2020 / 10:09 Uhr

SCP-Athletikcoach Ioannis Paraschidis: Experte für die Gratwanderung

SCP-Athletikcoach Ioannis Paraschidis: Experte für die Gratwanderung

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
SCP-Athletikcoach Ioannis Paraschidis (r.) beim einem Spiel, neben ihm Scout Riccardo Boieri. 
SCP-Athletikcoach Ioannis Paraschidis (r.) beim einem Spiel, neben ihm Scout Riccardo Boieri.  © Julius Frick
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Die Bundesliga-Volleyballerinnen des SC Potsdam treten im Europapokal an. Betreut werden sie von einem starken Trainergespann. Paraschidis macht das Team fit und führt es durch Extrembelastungen.

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Die Belastung ist hart wie ein viel zu fest aufgepumpter Volleyball. Wenn die Frauen des SC Potsdam am Mittwochabend um 19 Uhr im europäischen CEV-Cup daheim gegen Hapoel Kfar Saba aus Israel antreten, dann wird es ihre fünfte Partie binnen zwölf Tagen sein. „Das ist extrem“, sagt Ioannis Paraschidis. Er hat einen entscheidenden Anteil daran, dass der Bundesliga-Tabellenführer aus Brandenburg das Pensum bislang sehr erfolgreich meistert. Paraschidis ist beim SCP Athletikcoach.

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Seit Sommer 2019 beim SCP

Gerade derzeit sei die Trainingssteuerung eine große Herausforderung, sagt er. „Regeneration ist wichtig. Und der Grat, die Explosivpower so zu dosieren, dass die Spielerinnen die richtige Spannung haben, aber auch nicht müde sind, ist noch schmaler als sonst.“ Bei diesem Balanceakt würden ihm, Cheftrainer Guillermo Naranjo Hernandez und Scout Riccardo Boieri Erfahrungen helfen. Dass Trio betreut seit 2018 auch die griechische Frauen-Nationalmannschaft und ist durch Turniere mit einem engen Spieltakt vertraut. Mit Hernandez managte Paraschidis auch schon in der gemeinsamen Zeit beim MTV Stuttgart die Dreifachbelastung aus Bundesliga, deutschem und europäischem Pokalwettbewerb. „Wir wissen, wie man damit umgehen kann“, erzählt der 31-Jährige.

SC Potsdam: Kader 2020/21 in der Frauenvolleyball-Bundesliga

Das SCP-Team für die Saison 2020/21. Zur Galerie
Das SCP-Team für die Saison 2020/21. © Kathleen Friedrich/SC Potsdam

Er zupft sich die Gesichtsmaske zurecht und streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, als er auf der Treppe im Foyer der MBS-Arena sitzt. Seit knapp eineinhalb Jahren ist die moderne Halle im Luftschiffhafen seine Job-Spielwiese. Hernandez, der schon Ende 2018 zum SCP gekommen war, hatte ihn dorthin gelotst und Boieri zurückgeholt. „Hier wächst etwas. Wir sind dabei etwas Erfolgreiches aufzubauen, was ich sehr spannend finde“, sagt Paraschidis in sehr gutem Deutsch.

In Reutlingen geboren, in Griechenland aufgewachsen

Das ist theoretisch seine Muttersprache. Er hat griechische Wurzeln, doch seine Großeltern mütterlicherseits lebten in Deutschland, die Mama wuchs in Reutlingen bei Stuttgart auf, wo auch er geboren wurde. Doch im Alter von nur einem Monat zog die Familie Paraschidis mit ihm zurück nach Griechenland. „Bis ich 22 Jahre alt war, hatte ich eigentlich nicht viel mit Deutschland zu tun“, erzählt er. Nach einem begonnen Geologiestudium in Athen wurde dem früheren Zweitliga-Volleyballer bewusst, dass er seine berufliche Zukunft nur im Sport sieht. Er habe daraufhin recherchiert, wo sich in Europa am besten Sport studieren lasse. Die Wahl fiel auf die Deutsche Sporthochschule in Köln, wo er auch angenommen wurde. „Ich habe dann intensiv richtig Deutsch gelernt.“

Cheftrainer Guillermo Naranjo Hernández, beim SCP seit 2018, Spanien, Jahrgang 1977.
Cheftrainer Guillermo Naranjo Hernández, beim SCP seit 2018, Spanien, Jahrgang 1977. © Kathleen Friedrich/SC Potsdam

Während seiner Studienzeit sammelte Paraschidis Trainererfahrungen beim Oberaussemer VV und in der 2. Frauen-Bundesliga beim TV Gladbeck. 2016 tat sich für ihn die Chance auf, an der Seite von Hernandez in Stuttgart tätig zu sein. „Es ist super, mit ihm zusammenzuarbeiten“, sagt Paraschidis. Hernandez lege viel Wert auf Athletik bei den Spielerinnen und sei „immer heiß auf neue Ideen, neue Technologien“. Bei der Trainingsgestaltung seien Paraschidis Routinen, Reihenfolgen, Periodisierung im Leistungsaufbau wichtig, zudem nutze er gerne regelmäßig technische Tools wie Sensoren und Infrarot, um beispielsweise Bewegungsgeschwindigkeiten zu messen. „Ich will immer überprüfen, wie die Spielerinnen sich entwickeln, wie sie auf bestimmte Trainingsinhalte reagieren“, sagt der Mann, dem auch das Feedback durch die Aktiven wichtig sei.

Der Grieche und Deutsche in ihm

Hernandez nennt Paraschidis – zusammen holten sie mit Stuttgart jeweils einmal den nationalen Pokal und Supercup – einen „großartigen Athletiktrainer“. Als früherer Profi-Volleyballer habe er aber auch ein sehr gutes Verständnis von der Biomechanik und allen Positionen auf dem Feld, erklärt der Chefcoach. Paraschidis, der einst im Außenangriff spielte, ist daher ebenfalls bei technischen und taktischen Komponenten involviert, übernimmt bei Partien vor allem die Beobachtung und Analyse des gegnerischen Zuspiels.

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2018 hörte er in Stuttgart auf, um den Fokus für die Beendigung seines Studiums zu schärfen. Dann startete er das neue Kapitel in Potsdam. „Coaching ist kein Beruf“, betont Paraschidis. „Das ist eine Lebensaufgabe.“ Der Spaßgedanke sei für ihn dabei essenziell. Eine Eigenschaft, die er – neben der Offenheit – bei sich als griechisch geprägt ausmacht. „In Deutschland habe ich strukturiertes Arbeiten gelernt, Organisation und Selbstreflexion.“

Blindes Vertrauen, das abfärbt

Hernandez, Paraschidis und Boieri bilden ein qualitativ sehr hochwertiges Trainergespann, mit viel Expertise in den einzelnen Aufgabenbereichen, aber auch generell im Volleyball, sagt SCP-Teammager Eugen Benzel. „Diese Kombination ist ein ungewöhnlicher Luxus in unserem Sport“, meint Hernandez selbst. Unisono betonen die Drei auch die konstruktive Zusammenarbeit. „Alles, was wir machen, machen wir gemeinsam“, sagt Paraschidis. Hernandez als Chef sei kein Bestimmer, sondern vielmehr ein Abstimmer. „Wir finden immer gemeinsam Lösungen.“

Assistenztrainer/Scout Riccardo Boieri, beim SCP seit 2019 und von 2014 bis 2018, Italien, Jahrgang 1987.
Assistenztrainer/Scout Riccardo Boieri, beim SCP seit 2019 und von 2014 bis 2018, Italien, Jahrgang 1987. © Kathleen Friedrich/SC Potsdam

Über Harmonie und Überzeugung, die auch auf das Team abfärbe, berichtet Antonia Stautz. „Das blinde Vertrauen zwischen ihnen stärkt uns mit“, sagt die Kapitänin: „Und wenn man über sie redet, klingt das immer wie der Anfang von so einem Witz: Treffen sich ein Deutsch-Grieche, ein Italiener und ein Spanier…“ Und am Mittwoch wollen sie mit ihrem Brandenburger Team den israelischen Gegner bezwingen.