16. März 2020 / 20:25 Uhr

Vollgas statt Sportverbot: Der Auftakt zur Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast

Vollgas statt Sportverbot: Der Auftakt zur Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast

Alexander Kruggel
Ostsee-Zeitung
Start der ersten Gruppe der Sportfahrerklasse beim Auftakt der Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast.
Start der ersten Gruppe der Sportfahrerklasse beim Auftakt der Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast. © Foto: Alexander Kruggel
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In Wolgast wurde am Wochenende der erste Lauf in der Enduro-Landesmeisterschaft ausgetragen – vor viel Publikum. Weil das Rennen auf einer weitläufigen Anlage stattfand, durfte es trotz der Corona-Epidemie ausgetragen werden. 

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„Wir wollen hier eine sportliche Veranstaltung und ein faires Ergebnis sehen.“ Sätze wie dieser von Dirk Pasedag, Sportwart des Motorsportclubs Wolgast, sind dieser Tage selten geworden. Während im Rest des Landes wegen der Corona-Epidemie nahezu alle Sportveranstaltungen abgesagt wurden, gehen in der Peenestadt am Sonntag knapp 130 Fahrer beim Auftakt zur Enduro-Landesmeisterschaft an den Start. Pasedag bringt die Streckeneinweisung zu Ende, Minuten später sind die ersten auf der Piste, angefeuert von zahlreichen Schaulustigen. Wie viele am Sonntag tatsächlich da sind, lässt sich wegen des offenen Charakters der Veranstaltung nicht genau sagen.

Gelöste Stimmung statt Corona-Panik

„Ich glaube es sind sogar mehr Zuschauer als sonst“, erzählt Gerrit Helbig. Der 32-jährige vom MC Wolgast sitzt eigentlich selbst auf dem „Bock“. Diesmal setzt er verletzungsbedingt aus und macht sich bei dem sonnigen Wetter mit seiner Freundin Christiane einen schönen Tag an der Rennstrecke. Angst davor, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, hat das Paar nicht. Und an der Wolgaster Cross-Strecke am Ziesaberg macht niemand den Eindruck, als ginge es ihm anders. „Die Stimmung hier ist irgendwie gelöst“, beschreibt Helbig. „Ich weiß nicht, ob das an dem guten Wetter liegt. Ich glaube, es tut den Leuten einfach gut, mal wieder rauszukommen und den Kopf freizukriegen.“

Gerrit Helbig (32, MC Wolgast) und Freundin Christiane (v.r.) genossen das sonnige Wetter beim Auftakt der Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast.
Gerrit Helbig (32, MC Wolgast) und Freundin Christiane (v.r.) genossen das sonnige Wetter beim Auftakt der Enduro-Landesmeisterschaft in Wolgast. © Alexander Kruggel
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3h-Enduro bleibt ein Einzelfall

An der zwölf Kilometer langen Strecke haben die Motorsportbegeisterten genug Platz, um sich zu verteilen. Und auch dort, wo die Zuschauer in Gruppen zusammenstehen: keine Atemmasken, keine Fläschchen mit Desinfektionsmittel, niemand weicht panisch vor seinem Nebenmann zurück. Statt dessen der typische Geruch von Benzin und frischer Erde und die Jubelrufe, wenn ein bekannter Fahrer in einem Höllentempo vorbeidröhnt.

Wie ist das möglich, während andernorts der Sport komplett ruht und vor größeren Menschenansammlungen gewarnt wird? Ein Argument, die Veranstaltung nicht abzusagen, war, dass das Rennen auf einem weitläufigen Gelände ausgetragen wird, erklärt Henry Kammel, Klubchef des MC Wolgast. „Außerdem sitzen die Fahrer ja allein auf ihrem Motorrad und sind durch den Helm gut geschützt.“

Auflagen gibt es für das Rennen so gut wie keine. Kammel muss lediglich dafür sorgen, dass die persönlichen Daten aller Fahrer und deren Betreuer sowie der Organisatoren erfasst werden. Die Zuschauer sind von der Maßnahme ausgenommen.

Kein Grund zur Panik: Die Zuschauer verteilten sich entlang der 12 Kilometer langen Rennstrecke am Ziesaberg.
Kein Grund zur Panik: Die Zuschauer verteilten sich entlang der 12 Kilometer langen Rennstrecke am Ziesaberg. © Alexander Kruggel

Galgenhumor an der Rennstrecke

„Das Thema Corona spielt hier heute keine große Rolle“, ist sich Horst Kaiser sicher. Auf seine gewohnt humorvolle Art unterhält der Streckensprecher das Publikum über die Lautsprecher. Seit dem Ende der 70er-Jahre ist der Moderator und Sportjournalist in der Motorsportszene des Landes bekannt wie ein bunter Hund und kennt alle Rennstrecken auswendig. Doch eine Situation wie diese hat auch er noch nicht erlebt. Und so sind auch bei ihm gelegentlich Zwischentöne zu hören, doch er nimmt es mit Humor. „Hoffen wir mal, dass das heute nicht schon das Finale der Meisterschaft war“, flachst Kaiser bei der Siegerehrung.

Streckensprecher Horst Kaiser (l.) bittet einen Fahrer wegen eines abgefallenen Karosserieteils zum Nachwiegen. Auch wenn die Situation des Sports selbst für Kaiser angespannt ist, seinen Humor hat er nicht verloren.
Streckensprecher Horst Kaiser (l.) bittet einen Fahrer wegen eines abgefallenen Karosserieteils zum "Nachwiegen". Auch wenn die Situation des Sports selbst für Kaiser angespannt ist, seinen Humor hat er nicht verloren. © Alexander Kruggel

Fortsetzung der Saison bleibt ungewiss

Bei Björn Feldt klingt das schon deutlicher. „Wer weiß, ob wir in diesem Jahr noch eine Saison haben“, sagt der 31-Jährige, als er seinen Pokal entgegennimmt. Er fährt auf seiner KTM den Sieg in der Klasse für die A-Lizenz-Fahrer und in der Championatswertung ein. Der Grevesmühlener, der für das Nationalteam fährt, lächelt zwar auf dem Siegerfoto, doch wirklich glücklich wirkt er nicht. „Es war schon schwer, sich heute auf das Rennen zu konzentrieren. Das Thema Corona war sehr präsent im Fahrerlager“, ist Feldts Eindruck.

Björn Feldt (31, KTM GST Berlin Racing) hält nach drei Stunden Dauer-Action den Siegerpokal der Championatswertung in den Händen.
Björn Feldt (31, KTM GST Berlin Racing) hält nach drei Stunden Dauer-Action den Siegerpokal der Championatswertung in den Händen. © Alexander Kruggel

Vielleicht ahnt er, dass er mit seinen Vermutungen zur Saison Recht behalten könnte. Die nächsten Motorsport-Events in MV wie die Landesmeisterschaft im Motocross in Prisannewitz und das zweite Enduro-Rennen in Vellahn wurden bereits abgesagt. Zudem zahlreiche weitere Veranstaltungen im In- und Ausland. Ob die Six Days, das weltweit bedeutendsten Enduro-Rennen, in diesem Jahr tatsächlich in Italien stattfinden werden und unter welchen Bedingungen, ist noch unklar. Aber der Saisonauftakt hierzulande ist immerhin gemacht.

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