15. September 2021 / 12:29 Uhr

Vom Zuschauer zum Billard-Champion: Poolstar Müller will erneut Landesmeister werden

Vom Zuschauer zum Billard-Champion: Poolstar Müller will erneut Landesmeister werden

Leon Heyde
Leipziger Volkszeitung
Döbeln, Chemnitz, Leipzig, Potsdam – auf seinem sportlichen Weg gibt es einige Ortswechsel für Paul Müller. Doch seine Billard-Leidenschaft hat er sich bis heute bewahrt.
Döbeln, Chemnitz, Leipzig, Potsdam – auf seinem sportlichen Weg gibt es einige Ortswechsel für Paul Müller. Doch seine Billard-Leidenschaft hat er sich bis heute bewahrt. © Privat
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Im Fernsehen rollen bunte Kugeln über einen grünen Tisch. Vor dem TV sitzt Paul Müller, gerade von der Schule zurückgekehrt, den Ranzen in die Ecke geschmissen. Es sind Zeiten, an die sich der heute 26-Jährige mit einem Lächeln auf den Lippen zurückerinnert.

Döbeln. Während seiner Schulzeit wurde Müllers Leidenschaft fürs Billardspielen geweckt, inzwischen hat er sich zu einem der besten sächsischen Spieler entwickelt. Seit diesem Sommer mischt er bei den Poolstars Döbeln mit. Während die Freunde des damals Elfjährigen zum Fußball oder Handball gingen, ließen Müller die nachmittäglichen Eindrücke vorm Sportkanal nicht los: „Es hat mich fasziniert, die Murmeln über den Bildschirm rollen zu sehen.“ Ein Schulfreund seiner Schwester erkannte Pauls Interesse. Zusammen ging es in den Sommerferien zum benachbarten Chemnitzer Jugendclub. Nach zwei Monaten täglichen Trainings waren Paul und der Queue endgültig unzertrennlich, es wartete die erste Vereinsstation: der BC Solaris Chemnitz.

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„Welpenschutz beim Heimatverein zählte nicht mehr“

Die dortigen Trainer erkannten das Talent ihres Schützlings, seine jugendlichen Vereinskameraden waren schnell nur noch Sparringspartner. Mit zwölf Jahren ging Müller im Ligabetrieb der Erwachsenen mit an den Start, stets belächelt aufgrund seiner Körpergröße. Beirren ließ er sich davon nicht: „Es gab nicht viele Billardspieler in meinem Alter in Sachsen, die auf hohem Niveau gespielt haben. Deshalb musste ich mir Möglichkeiten suchen, an denen ich wachsen konnte.“

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In der B-Jugend erlebte Müller sein erstes großes Highlight: Deutsche Nachwuchsmeisterschaften. Zwar holte er keine Topplatzierung, seine Möglichkeiten blieben der Deutschen Billard Union jedoch nicht verborgen. Mit einer Wildcard reiste er 2011 zur Jugendeuropameisterschaft nach Luxemburg – das erste Mal die große Bühne, das erste Mal mit den Besten messen. „Das sind Eindrücke, an die ich mich immer noch gern zurückerinnere. Wenn man internationale Luft schnuppert, bekommt man eine Vorstellung davon, was in seinem Alter alles möglich ist und wo es vielleicht hingehen könnte. Gleichzeitig bin ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden.“

Im Anschluss wuchsen die Ambitionen. Als in Chemnitz ein Team mit Ziel Regionalliga zusammengesetzt wurde, blieb Müller jedoch außen vor. „Wahrscheinlich wurde ich für nicht reif genug befunden, letztlich haben die Sympathien dann einfach nicht gestimmt.“ Über einen Leipziger Kooperationsverein erhielt Müller die Möglichkeit, überregional Billard zu spielen. Mit 16 Jahren ging er für Joker Leipzig fortan in der Oberliga an den Tisch. „Dort musste ich mich neu beweisen. Der Welpenschutz beim Heimatverein zählte nicht mehr.“

Jede freie Minute den Queue in der Hand

Doch komplett konnte der Fokus nicht auf dem Billard liegen. Mit 18 machte Müller sein Abitur in Chemnitz. Während einige Jahre zuvor nach einem langen Schultag der Platz vorm Fernseher reserviert war, ging es nach dem Unterricht nun an die Kasse: Dreimal in der Woche jobbte Müller in einem Fast Food Restaurant. „Ich wollte anderen Billardspielern in meinem Alter in nichts nachstehen. Dafür musste ich mir Equipment finanzieren und bei den großen Turnieren mit dabei sein – das alles ist recht kostspielig. Glücklicherweise konnte ich mich auch immer auf die Unterstützung meiner Eltern verlassen.“ Im ersten Jahr bei Joker Leipzig – Müller wohnte unterdessen weiter in Chemnitz – gelang direkt der Aufstieg in die Regionalliga. Einige erfolgreiche Jahre in Deutschlands dritthöchster Liga folgten, doch die Ansprüche wuchsen. Als der inzwischen 21-Jährige 2017 ein Angebot aus Potsdam erhielt, wechselte er zu Motor Babelsberg – zunächst wieder in die Regionalliga.

Bei Motor hatten sie große Pläne, holten neben Müller auch Ralph Eckert ins Team, eine Koryphäe im deutschen Billardsport. An der Seite des ehemaligen Nationalspielers gelang in der ersten Saison der Aufstieg in die zweite Bundesliga. „Aus der Regionalliga Ost, die ohnehin als eher schwache Liga gilt, war das ein gewaltiger Sprung. Da erlebt man auch Partien, in denen man von Anfang an keine realistische Chance hat.“ Dennoch schafften die Potsdamer in ihrer ersten Saison den Klassenerhalt. Müller konnte mit einer Siegquote von 70 Prozent zufrieden aus seiner Premiere-Saison gehen. Im zweiten Jahr fanden sich die Potsdamer allerdings im grauen Liga-Alltag wieder. „Wenn die Anfangseuphorie einmal verflogen ist, wird es schwierig. Dann kommen private Termine dazwischen und das verzeiht das dichte Niveau in der Liga nicht. Daraufhin sind wir wieder abgestiegen.“


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Und auch im Privatleben von Müller änderte sich einiges. Mit seiner Ausbildung zum Fachmann für Systemgastronomie bei eben jenem Fast-Food-Restaurant, das ihm einst seine Karriere finanzierte, war er schließlich unzufrieden. Er schloss eine Lehre zum Bankkaufmann ab und studiert inzwischen berufsbegleitend Wirtschaftswissenschaft an der TU Chemnitz. Jede freie Minute, die da noch bleibt, hat Müller den Queue in der Hand. Im Chemnitzer Café Moskau darf er kostenlos trainieren, ein eigener Tisch in der Wohnung würde die Nachbarn an die Decke springen lassen.

„Faszination für Außenstehende schwer zu begreifen“

Neben Potsdam bildet Döbeln seit diesem Jahr Müllers zweite Vereinsheimat. Getrieben vom Ansporn, nach 2015 erneut sächsischer Landesmeister im Einzel zu werden, wandte er sich an die Poolstars. Seinen heutigen Teamkollegen begegnete Müller bereits als Jugendlicher am Billardtisch. Beide Seiten verloren sich nicht aus den Augen und profitieren nun vom gemeinsamen Engagement.

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„Die Poolstars haben in den letzten Jahren eine super Entwicklung hingelegt. Ich bin nun regelmäßig vor Ort, gebe meine Expertise weiter und habe einige Tipps parat, wie man im Spiel mit dem Druck umgeht. Gleichzeitig kann ich im Einzelwettbewerb nun wieder an sächsischen Meisterschaften teilnehmen.“ Das klare Ziel: Landesmeister werden. Zudem startet in einigen Wochen der Ligabetrieb der Regionalliga, in der Müller weiter mit Motor Babelsberg an den Start geht. Wenn alles nach den Vorstellungen der Brandenburger läuft, bald auch wieder in Liga zwei.

Was Müller nach all den Jahren weiter beim Billard hält? „Die Faszination ist für Außenstehende schwer zu begreifen. Man darf sich einfach keine Fehler erlauben, kann dadurch aber gleichzeitig auch als Underdog die Favoriten ärgern. Es ist ein toller Gedanke, dass sich Training, Fleiß und Ehrgeiz auszahlen können.“ Das Feuer in den Augen des kleinen Jungen, der nach der Schule den Snooker-Stars im TV nacheifert, hat Müller noch immer nicht verloren.