25. Januar 2022 / 08:47 Uhr

Von Görlitz über Dynamo in die Welt: Wie "Dixie" und die SGD dem BFC das Double vermasselten

Von Görlitz über Dynamo in die Welt: Wie "Dixie" und die SGD dem BFC das Double vermasselten

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
„Dixie“ Dörner (kleines Bild, l.) stemmt 1984 den FDGB-Pokal die Höhe. Udo Schmuck (r.) freut sich mit. Großes Bild: Ein Jahr später wird Dynamo Dresden erneut Pokalsieger.
„Dixie“ Dörner (kleines Bild, l.) stemmt 1984 den FDGB-Pokal die Höhe. Udo Schmuck (r.) freut sich mit. Großes Bild: Ein Jahr später wird Dynamo Dresden erneut Pokalsieger. © imago images
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558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Teil 4 der SPORTBUZZER-Serie zum Tod von "Dixie" erzählt von einer Tragödie in der Meisterschaft und drei Triumphen im Pokal.

Dresden. Der Sommer 1978 markiert für Dynamo Dresden das Ende einer Ära. Trainer Walter Fritzsch, der knorrige kleine Mann mit dem starken westsächsischen Akzent, wird im August vom amtierenden Meister verabschiedet. Unter dem 57-Jährigen hat Dörner fünf Meistertitel und zweimal den FDGB-Pokal gewonnen sowie 31 Europacup-Spiele gemacht. Fritzsch hat ihn auch zum Kapitän ernannt. All das vergisst Dörner nie: „Walter hat die Fußballhochburg weiter entwickelt. Ich habe im viel zu verdanken.“

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Dass der letzte Meistertitel unter Fritzsch auch der letzte für „Dixie“ bleiben wird, das kann Dörner 1978 nicht wissen, als der erfolgreichste Trainer der Vereinsgeschichte im Dynamo-Stadion mit Präsentkorb, Blumen und warmen Worten aufs Altenteil geschickt wird. Noch kann der Görlitzer nicht glauben, was er von Erich Mielke Wochen zuvor auf der Meisterfeier vernommen hat. Der Minister für Staatssicherheit, erklärter Fan des Hauptstadtclubs BFC Dynamo, aber auch Chef der SV Dynamo, hatte gedroht, die Dresdner seien oft genug Meister gewesen, jetzt sei der BFC dran – „und daran werde ich alles setzen!“.

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In der Saison 1978/79 ist der BFC tatsächlich erstmals am Ende vorn, sieben Punkte vor dem Tabellenzweiten aus Dresden, der auch 16 Tore weniger schießt als die Hohenschönhausener. Da glaubt immer noch keiner, dass Mielke seine Finger im Spiel hat. Ein Jahr später schon, als es ganz knapp zugeht. Die Dresdner liegen am letzten Spieltag vorn, ihnen reicht am 10. Mai 1980 in Berlin ein Unentschieden. Bis zur 77. Minute steht es 0:0, die SGD ist im Angriff, doch Peter Kotte wird von Rainer Troppa rüde im Strafraum umgesenst. Trainer Gerhard Prautzsch erinnert sich später: „Mit einem Mal ist es ruhig im Stadion, unsere Spieler bleiben stehen und gestikulieren: Elfmeter, Elfmeter! Aber den gibt es nicht, stattdessen nutzen die vom BFC den Tumult und schlagen den Ball nach vorn.“ Schiedsrichter Hans Kulicke (Oderberg) lässt weiterlaufen – und Norbert Trieloff glückt im Gegenzug das alles entscheidende 1:0-Siegtor. Wie Prautzsch ist Dörner fassungslos: „Wenn du fünf Stück kriegst, dann warst du schlechter. Aber so zu verlieren, das ist hart.“

Seltsamer Platzverweis

An sehr zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen müssen sich die Dresdner und der Rest der Oberligisten in den kommenden Jahren widerwillig gewöhnen. Ganz unheimlich wird es Dörner am 24. Januar 1981, als seine Vereinskameraden Peter Kotte, Gerd Weber und Matthias Müller vor Antritt einer Länderspielreise nach Argentinien von der Stasi verhaftet werden. Dass das MfS dem Trio beabsichtigte Republikflucht vorwirft, es von Dynamo ausschließt, für die Oberliga sperrt und mit Stadionverbot belegt, werden Dörner & Co. erst drei Wochen später bei ihrer Rückkehr erfahren. Während Dörner in Südamerika weilt, ist seine Frau Eva auf einmal total irritiert, als sie den gerade mal nicht im Verhör sitzenden Kotte trifft, der im gleichen Haus wie die Dörners wohnt. „Sie war ganz erschrocken, was los ist. Und er durfte oder konnte keine Auskunft geben. Das war schwierig für die Familien, die wussten nicht, was los ist. Kotte hat nur gesagt, das kann ich dir nicht sagen, das wirst du bestimmt noch erfahren“, erzählt „Dixie“ später einmal dem Buchautor Ingolf Pleil („Mielke, Macht und Meisterschaft“, erschienen 2001).

DDR-Champion zu werden, das ist für Dynamo Dresden und seinen Kapitän Dörner nun auf viele Jahre hin nicht mehr möglich. Bessere Chancen bietet da der FDGB-Pokal, wo das Endspiel live übertragen wird, Fehlentscheidungen der Referees sofort überregional auffallen und für Diskussionen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg sorgen. 1982 steht Dörners Elf im Finale, holt den Cup durch ein 5:4 im Elfmeterschießen gegen den Dynamo-Rivalen aus Berlin. Doch der Kapitän verwandelt keinen Elfmeter – er ist gar nicht auf dem Platz dabei, sondern gesperrt.

Was war passiert? Dörner hatte im Punktspiel davor – auch gegen den BFC – Rot gesehen. Ein seltsamer Platzverweis, wie er ihn einmal in den DNN schildern wird: „Ich war wegen Reklamierens verwarnt worden, dann habe ich den Ball im Mittelfeld an die Hand bekommen. Das war kein absichtliches Handspiel. Der Schiedsrichter hat abgepfiffen, Freistoß gegeben. Er wollte mich weiterspielen lassen, aber da ist Frank Terletzki vom BFC auf den Schiedsrichter losgegangen und hat sich beschwert. Dann erst ist die Rote Karte gegeben worden. Das war schon ein bisschen komisch.“


Gefeierte Helden

Am 26. Mai 1984 gibt es die Neuauflage des Dynamo-Duells im Pokalfinale. Diesmal steht der Pechvogel von 1982 vor 48.000 Zuschauern im Berliner Stadion der Weltjugend auch mit auf dem Platz, fordert mit den inzwischen von Klaus Sammer und Dieter Riedel trainierten Sachsen die frisch zum Meister gekürten Berliner heraus. Dörner, noch stinksauer wegen der Episode zwei Jahre zuvor, will den von Mielke protegierten Gastgebern unbedingt erneut das Double vermasseln.

Dixie Dörner feiert im Endspiel 1985 mit den Kameraden.
"Dixie" Dörner feiert im Endspiel 1985 mit den Kameraden. © imago images

Dresden stürmt, doch der BFC wehrt sich, Dörner muss sogar einmal in höchster Not gegen Frank Prange klären. Die Partie ist ein einziger Schlagabtausch, es steht lange 0:0. Doch dann ist der Moment gekommen, der „Dixie“ ausgleichende Gerechtigkeit beschert. Als Trieloff Lutz Schülbe 28 Meter vor dem Tor ins Gras schickt, schnappt sich Dörner die Kugel und legt sie sich seelenruhig zurecht. Und als Referee Wolfgang Henning aus Rostock den Ball freigibt, drischt sie der Dresdner Kapitän mit Urgewalt ins Netz, BFC-Torwart Bodo Rudwaleit ist geschlagen! Es ist die 81. Minute, Dresden nun auf der Siegerstraße. Reinhard Häfners 2:0 (Elfmeter/83.) macht alles klar, Troppas Anschlusstor (85.) ist nur Kosmetik beim 2:1-Triumph der Gäste, die vom Publikum als Helden gefeiert werden. „Unser nächstes großes Spiel verlegen wir nach Berlin!“, feixt Dörner unter seiner Dauerwelle.

Tatsächlich stehen sich die Erzrivalen am 8. Juni 1985 an gleicher Stelle wieder im Pokalfinale gegenüber. Wieder siegt Dörners Truppe – diesmal mit 3:2, obwohl Schiedsrichter Manfred Roßner (Gera) und seine Assistenten 17 Fehlentscheidungen treffen, davon 14 zu Gunsten des BFC. Aber es hilft nichts: Berlin verliert, Dresden und der Rest der Republik jubeln. Für Terletzki ist es die vierte Niederlage im vierten Endspiel gegen die SGD. Dörner indes wird wie 1977 und 1984 zum DDR-Fußballer des Jahres gewählt.