11. Januar 2022 / 22:04 Uhr

Von Hamann bis Hoeneß: zehn Experten über den Wolfsburg-Absturz

Von Hamann bis Hoeneß: zehn Experten über den Wolfsburg-Absturz

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Zur VfL-Lage: Didi Hamann, Uwe Erkenbrecher, Tom Bartels, Lena Goeßling, Chris Krüger (o. v. l.), Peter Hyballa, Jan Schildwächter, Pierre Littbarski, Detlev Dammeier und Dieter Hoeneß (u. v. l.).
Zur VfL-Lage: Didi Hamann, Uwe Erkenbrecher, Tom Bartels, Lena Goeßling, Chris Krüger (o. v. l.), Peter Hyballa, Jan Schildwächter, Pierre Littbarski, Detlev Dammeier und Dieter Hoeneß (u. v. l.). © dpa / VfL / WAZ-Archiv
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Der VfL Wolfsburg am Boden. Wie konnte es so weit kommen? Was sind Gründe für den Absturz? Und wird es wieder so dramatisch wie in den beiden Fast-Abstiegsjahren 2017 und 2018 für die Niedersachsen? Der SPORTBUZZER hat bei zehn Experten nachgefragt.

Der VfL Wolfsburg in seiner größten Krise nach den Fast-Abstiegen 2017 (Rettung in der Relegation gegen Eintracht Braunschweig) und 2018 (Rettung in der Relegation gegen Holstein Kiel) - sechs Liga-Pleiten nacheinander sind ebenso Klub-Negativrekord wie die insgesamt zehn Pleiten nach 18 Spieltagen, Tabellenplatz 14 wird den Ansprüchen des abgestürzten Wolfsburger Fußball-Bundesligisten null gerecht. Wir haben vor dem Keller-Duell gegen Hertha BSC am Samstag (15.30 Uhr) zehn Experten zur VfL-Lage befragt, warum die Wolfsburger so abgestürzt sind, was jetzt zu tun ist und ob es am Ende erneut so dramatisch werden könnte wie 2017 oder 2018. Hier sind die Antworten:

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Dieter Hoeneß, Ex-VfL-Manager: "Dass der VfL so abstürzt, war nicht zu erwarten - zumal ja die vergangene Saison noch richtig gut war mit dem Erreichen der Champions League. Aber es zeigt sich schon, dass das Ganze auch mit Oliver Glasner zusammenhängt, er hat in Wolfsburg eine gute Arbeit gemacht. So ein Trainerwechsel kann einiges bewirken. Ich weiß aus meiner Zeit in Wolfsburg: Wenn du bei der Trainerwahl kein glückliches Händchen hast, kann das in die falsche Richtung gehen. Ich lag damals mit Steve McClaren daneben - das hat hinten und vorn nicht gepasst. Ein guter Trainer gehört einfach dazu. Ich glaube nicht, dass der VfL wie 2017 oder 2018 in die Relegation muss, dafür ist zu viel Substanz da. Klar ist aber auch: Um ganz nach vorn zu kommen, müsste jetzt eine Serie gestartet werden. Im Moment kann es für den VfL jedoch nur darum gehen, das nächste Spiel zu gewinnen. Für mich ist die Partie am Samstag sowohl für die Hertha, bei der ich ja auch gearbeitet habe, als auch für den VfL ein Schlüsselspiel."

Didi Hamann, Sky-Experte und Europameister 1996: "Das, was da passiert ist, war überhaupt nicht absehbar und ist schon fast beängstigend. Die Mannschaften da unten punkten, Bielefeld etwa macht einen ganz stabilen Eindruck, auch die Augsburger waren trotz der Niederlage in Hoffenheim nicht schlecht. Bei den Stuttgartern kommen jetzt einige Spieler zurück. Ich glaube nicht, dass sich die VfL-Lage schnell beruhigen wird, man muss damit rechnen, dass man bis zum Saisonende da unten mit drinhängt und möglicherweise sogar in Abstiegsgefahr gerät. Warum der VfL so abgerutscht ist, kann man nicht nur am Trainerwechsel festmachen. Klar, Oliver Glasner hat es gut gemacht, er macht es jetzt auch in Frankfurt gut. Aber: Wenn du so oft in Folge verloren hast, ist das nur mit Problemen innerhalb der Mannschaft zu erklären. Es muss Grüppchen oder Gruppen innerhalb des Teams geben, weil auch Florian Kohfeldt als Nachfolger von Mark van Bommel es nicht annähernd geschafft hat das rauszuholen, was eigentlich in dieser Mannschaft steckt."


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Uwe Erkenbrecher, Fußball-Lehrer und Ex-VfL-Trainer: "Ich bin zu weit weg, und es gehört sich auch nicht, einem Trainerkollegen öffentlich Tipps zu geben. Aber grundsätzlich hilft in sportlich schwierigen Phasen die Besinnung auf ein möglichst einfaches, kompaktes Spielsystem. Überspitzt gesagt: Dreimal ein 0:0 anpeilen und dann ein Spiel davon 1:0 gewinnen. Was oft unterschätzt wird, sind die Auswirkungen von Personalwechseln, neue Spieler mit hohen individuellen Fähigkeiten sind allein noch kein Erfolgsgarant. Der moderne Fußball ist sehr komplex geworden, wie bei einer teuren Uhr müssen da die Rädchen feinjustiert sein, damit es funktioniert. Das hat beim VfL eine Weile gut geklappt, aber die Art, wie es jetzt nicht funktioniert, erschreckt mich ehrlich gesagt ein wenig."

Lena Goeßling, Ex-Nationalspielerin: "Ich finde es gut, dass Marcel und Jörg die Trainerdiskussion schnell beendet haben und zu Florian Kohfeldt stehen. Auf der Position den nächsten Wechsel vorzunehmen, verunsichert die Spieler nur noch mehr, das würde jetzt keinem weiterhelfen. Die Mannschaft hat genug Qualität, aber das Selbstvertrauen ist im Moment nicht da, der Flow aus der letzten Saison fehlt. Spielerisch darf man darum keine Wunderdinge erwarten, du kannst nur über Kampf und Leidenschaft aus der Situation rauskommen. Von daher ist Hertha jetzt der richtige Gegner zur richtigen Zeit - denn das wird ein Spiel, in dem es darum geht, wer mehr will."

Tom Bartels, ARD-Sportreporter: "Ich bin jetzt nicht gerade ganz nah dran, weil ich zuletzt viel Wintersport kommentiert habe. Aber trotzdem muss ich sagen: Ich hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass der VfL in dieser Saison solche Probleme bekommt. Ich habe sie etwa am sechsten Spieltag in Sinsheim gesehen, als sie das Spiel hätten gewinnen können. Sie waren total dominant. Mit Lacroix und Brooks da hinten drin - ich fand sie am Anfang der Saison grundsolide, sie haben teilweise top ausgesehen. Aber wenn mir jemand nach dem Hoffenheim-Spiel gesagt hätte, was das für eine schwierige Saison wird, den hätte ich ausgelacht. Mit dieser Mannschaft war das für mich ausgeschlossen. Man darf die Lage jetzt nicht falsch einschätzen, die Mannschaften da unten punkten, für Wolfsburg wird das jetzt kein Selbstläufer."

Chris Krüger, VfL-Fan und Filmemacher: "Das Spiel in Bochum war echt schwer anzuschauen. Es ist ein negativer Kreislauf, fast wie 2017, als es am Ende in die Relegation ging, allein die Körpersprache sieht oft so aus wie damals. Man merkt, dass da was im Mannschaftsgefüge nicht passt. Wobei die vielzitierte Grüppchenbildung gar kein Problem sein muss - ich glaube, die gab es in der Meistermannschaft 2009 oder im Vorjahr unter Oliver Glasner auch. Aber dann muss ein Trainer vielleicht auch ein bisschen autoritärer sein, um das Gebilde zusammenzuhalten. Aktuell hilft nur das Hoffen auf ein Erfolgserlebnis - und vielleicht die Erinnerung an das erfolgreiche Champions-League-Spiel gegen Salzburg, wo es die Mannschaft in einer schwierigen Partie gut gemacht hat. Was man aber nicht wegdiskutieren kann: Der Ausfall von Xaver Schlager schmerzt extrem, bei ihm konnte man immer sehen: Sobald er den Ball erobert hat, schaltet das ganze Team auf Offensive um. Das fehlt."

Peter Hyballa, Ex-VfL-Jugendcoach und DAZN-Experte: "Wichtig ist, dass du dich als Trainer auch in einer Niederlagen-Serie nicht von deinen Ideen abbringen lässt und das durchziehst, was du dir vorgenommen hast. Sonst bist du nicht mehr authentisch, und eine Mannschaft merkt das. Wenn du anfängst, hektisch Dinge zu ändern, glauben die Spieler irgendwann nicht mehr an dich. Manchmal kann es helfen, jemanden von außen dazuzuholen - das kann ein erfahrener Trainer sein, der sich einfach das Training mal anschaut, das kann auch ein neuer Co-Trainer sein oder von mir aus auch ein Mentalcoach - idealerweise jemand, der keinerlei Bezug zum VfL hat und komplett unvoreingenommen ist. So jemand erkennt vielleicht Probleme, die man intern gar nicht sieht."

Detlev Dammeier, VfL-Aufstiegsheld: "Was ich im VfL-Spiel unter anderem vermisse, ist dieses sofortige Nachsetzen nach einem verlorenen Zweikampf. Im letzten Jahr wurde nach Ballverlust dem Gegner noch hinterhergesprintet. Für mich als Außenstehender hat sich der Kader im Sommer nicht verschlechtert. Der Trainerwechsel kann ein Grund für das Abschneiden sein, nichtsdestotrotz wird Mark van Bommel nicht alles von links nach rechts gedreht haben. Es muss tieferliegende Gründe geben, ich kenne sie aber nicht. Klar ist: Die Lage ist verdammt schwierig, nach den vielen Niederlagen ist wenig Selbstvertrauen da. Entscheidend wird jetzt sein, die Spieler zu finden, die bereit sind, voranzugehen, damit die Stabilität wieder zurückkehrt. Man darf nicht glauben, wir haben den besseren Kader als die Mannschaften, die mit da unten drin sind. So wird es nicht funktionieren."

Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990 und VfL-Repräsentant: "Du musst auf dem Trainingsplatz auch mal wieder lachen können, gute Stimmung haben - sonst wirst du im Kopf nicht frei. Ich glaube, der VfL hatte in den vergangenen Jahren immer dann gute Phasen, wenn er etwas 'hemmungsloser' nach vorn gespielt hat. Das fehlt mir im Moment, weil auch das Miteinander nicht richtig funktioniert - drei, vier erfolgreiche Pässe nacheinander waren zuletzt eher selten. Es kann ja nicht an der fußballerischen Qualität liegen, alle Spieler im Kader haben schon gezeigt, dass sie es deutlich besser können. Sie müssen sich nur ihrer Stärken wieder mehr besinnen. Und bei einigen Spielern, die vor der Saison neu dazukamen, setze ich noch darauf, dass sie sich steigern werden."

Jan Schildwächter, VfL-Fan und Wölferadio-Kommentator: "Ich hatte das Gefühl, dass in der Winterpause so eine Art Aufbruchsstimmung rund um den VfL wieder da war - von daher war das Bochum-Spiel schon ein richtig heftiger Tiefschlag. Jetzt wird klar, dass da eine Mannschaft im Abstiegskampf steckt, die dafür nicht zusammengestellt wurde, sondern ja eigentlich ein Champions-League-Team sein sollte. Das macht die Lage besonders gefährlich. Auf diesen Abstiegskampf müssen sich jetzt alle einstellen - die Spieler, die Verantwortlichen, die Fans, die Medien. Es ist wichtig, dass alle zusammenhalten. Wie viele andere auch, glaube ich, dass Florian Kohfeldt die Probleme sieht und erkennt - jetzt kommt es darauf, dass er sie lösen kann."