23. März 2021 / 16:23 Uhr

Von Lissa in die große Fußballwelt: Nathalie Bretschneider kickt bei Turbine Potsdam

Von Lissa in die große Fußballwelt: Nathalie Bretschneider kickt bei Turbine Potsdam

Leon Heyde
Leipziger Volkszeitung
Nathalie Bretschneider im Trikot von Turbine Potsdam
Nathalie Bretschneider im Trikot von Turbine Potsdam © 1. FFC Turbine Potsdam
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Der kleine SV 90 Lissa hat einige gute Spielerinnen wie Nathalie Bretschneider hervorgebracht. Die Dresdnerin kickte bei den Mädchen des ambitionierten Sportvereins und schaffte schließlich, nach einer Zwischenstation bei Fortuna Dresden, den Sprung an die Potsdamer Sportschule. Sie spielt aktuell in der 2. Bundesliga der Frauen und will sich persönlich immer weiter entwickeln.

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Nordsachsen. Stolz ist man beim SV 90 Lissa auf die erfolgreichen Jahre Frauenfußball der letzte drei Jahrzehnte – und besonders auf diejenigen, die den Sprung in den deutschen Spitzenfußball geschafft haben. Eine davon ist Nathalie Bretschneider. Die 20-Jährige spielte auf dem Kleinfeld in Lissa, heute ist sie bei Turbine Potsdam Leistungsträgerin in der 2. Frauen-Bundesliga.

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Turbine Potsdam wurde Ziel der Träume

Mit fünf Jahren begann die gebürtige Elbestädterin beim FC Dynamo Dresden zu kicken, geweckt wurde ihre Leidenschaft für das runde Leder durch die fußballverrückten Eltern. Mutter Ilka spielte selbst in Lissa, war Teil des Erfolgs der Nullerjahre. Mit sechs Jahren entschied Nathalie, ab sofort nicht mehr mit Jungs zusammenzuspielen. Also wurde kurzerhand jeden Freitag zum Training ins Heimatdorf ihrer Oma nach Lissa gependelt. Bis zur D-Jugend ging das gut, dann wurde aufgrund steigender Ambitionen der Zeitaufwand zu hoch. Die Erinnerungen an ihre Zeit in Nordsachsen sind immer noch präsent: „Mein Papa war oft mit der Kamera bei meinen Spielen dabei, hat vor allem bei Hallenturnieren gefilmt. Pokale, die ich bei Lissa gewonnen habe, stehen heute in einer Vitrine in meiner Wohnung in Potsdam.“

Turbine Potsdam zählt zu den besten  Frauen-Fußball-Clubs im Land. Die Kickerinnen hatten im Mai 2010 die Champions-League gegen Olympique Lyonnais im Elfmeterschießen gewonnen.
Turbine Potsdam zählt zu den besten  Frauen-Fußball-Clubs im Land. Die Kickerinnen hatten im Mai 2010 die Champions-League gegen Olympique Lyonnais im Elfmeterschießen gewonnen. © Sergio Barrenechea/dpa

Ab der D-Jugend schnürte Nathalie sich die Schlappen für Fortuna Dresden, schaffte von dort den Sprung in die U14 Landesauswahl Sachsens. Spätestens jetzt stand für die Dresdnerin fest, mit ihrem Talent höher hinaus zu wollen. Die Fördermöglichkeiten für den Frauenfußball waren zu dieser Zeit in Dresden allerdings nicht optimal, Kooperationen mit dem Sportgymnasium wurden erst wenige Jahre später eingeführt.

Potsdam und der erfolgreiche 1. FFC Turbine wurden zum Ziel der Träume der damals 14-Jährigen. Per Sichtungstag gelang der Sprung an die Potsdamer Sportschule und in die U15 von Turbine. „Der Schritt mit 14 alleine ins Internat nach Potsdam zu gehen, war schon krass, und die erste Zeit war definitiv schwierig. Ich brauchte einige Monate, um mich in die neue Mannschaft einzugliedern, hatte vorher auch noch nie Großfeld gespielt“, erinnert sich Bretschneider. Doch ihre Mannschaftkameradinnen wurden schnell Freundinnen, die gemeinsame Zeit im Internat schweißte zusammen. Auch ihre Eltern taten alles, um ihre Tochter von zu Hause aus bestmöglich zu unterstützen. „Aus heutiger Sicht war es die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich habe schnell gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen und auf mich allein gestellt zu sein.“

Finale gegen Bayern München als Highlight

Viel Zeit, im Internat Trübsal zu blasen, blieb ohnehin nicht. Neben dem Unterricht am Gymnasium stand zweimal pro Tag eine Trainingseinheit auf dem Plan. Zudem kamen lange Auswärtsfahrten in der B-Juniorinnen-Bundesliga hinzu. Besonders in Erinnerung geblieben ist der heute 20-Jährigen das Finale zur deutschen Meisterschaft 2017 vor mehr als 700 Zuschauern. „Wir mussten damals gegen den FC Bayern München ran, ein absolut intensives Spiel. Leider mit dem falschen Ausgang für uns, aber dieses Finale gehört zu den absoluten Highlights meiner Karriere.“ Mit 1:2 mussten sich die Potsdamerinnen damals geschlagen geben. Im gleichen Jahr gelang Bretschneider zusammen mit der U16 Landesauswahl auch fast der Coup beim DFB-Länderpokal, nur der Auswahl aus Hessen mussten sich die Mannschaft, die fast ausschließlich aus Potsdamerinnen bestand, geschlagen geben.

Dennoch zeigt sich Bretschneider mit ihrer Entwicklung im Turbine-Nachwuchs sehr zufrieden: „Der Sprung in die U17-Bundesliga war schon enorm. Für mich ist es allerdings wichtig, nie stehen zu bleiben und mich stetig weiterzuentwickeln. Nur mit neuen Herausforderungen ist das möglich.“

Weiteres von den starken Frauen des SV 90 Lissa

Seit 2018 heißt die Herausforderung 2. Bundesliga. Der Übergang in den Frauenbereich sei durchaus anspruchsvoll gewesen, besonders an die erhöhte Spielgeschwindigkeit musste Bretschneider sich erst gewöhnen. Dennoch gelang die Eingliederung in die zweite Potsdamer Frauenmannschaft, die quasi eine U20 Auswahl ist, problemlos. Heute gehört sie zu den erfahrenen Führungspersönlichkeiten im Team, eine Einsatzgarantie genießt die Mittelfeldspielerin dennoch nicht. „Das Wort ,gesetzt’ nehme ich nicht gerne in den Mund, wer spielt, entscheidet von Woche zu Woche der Trainer und dafür sind die Trainingsleistungen entscheidend. Es ist immer wieder eine Erleichterung, den eigenen Namen in der Aufstellung zu lesen“, sagt die bodenständige Studentin. „Ich will mich persönlich immer weiterentwickeln. Durch meine Rolle in der Mannschaft bin ich bereits deutlich selbstbewusster geworden, früher war ich eher schüchtern.“

Bei Nathalie steht Studium an erster Stelle

Mit ein wenig Understatement hält Bretschneider es auch bei ihren sportlichen Zielen. Die erste Bundesliga sei zwar durchaus ein Anreiz, dennoch sei nicht alles auf den Profifußball ausgerichtet. „Vom Fußball langfristig zu leben, ist im Frauenbereich ohnehin schwierig. Da muss man schon zu den A-Nationalspielerinnen gehören. Mein Studium ist zunächst erstrangig.“ Seit letzten Herbst studiert Bretschneider Lehramt für Physik und Mathe in Potsdam. Wie gut sie Fußball und Lernen unter einen Hut bekommt, werden die nächsten Wochen zeigen. Ab kommenden Wochenende wird in der 2. Frauen-Bundesliga wieder gespielt. Innerhalb der nächsten zweieinhalb Monate sollen die noch 16 ausstehenden Partien, gespielt werden – zusammen mit den zu bewältigenden Online-Vorlesungen ein enormes Pensum. Doch vor Herausforderungen hat sich Nathalie Bretschneider ja noch nie gescheut.