04. Juli 2020 / 10:54 Uhr

Vor 115 Jahren wurde der 1. SC Göttingen 05 gegründet

Vor 115 Jahren wurde der 1. SC Göttingen 05 gegründet

Eduard Warda
Göttinger Tageblatt
Nach dem Aufstiegsspiel in Alsenborn 1968 besucht das Team des 1. SC 05 Alt-Bundestrainer Sepp Herberger.
Nach dem Aufstiegsspiel in Alsenborn 1968 besucht das Team des 1. SC 05 Alt-Bundestrainer Sepp Herberger. © R
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Vor 115 Jahren wurde der 1. SC Göttingen 05 gegründet. Wie kein anderer Göttinger Verein durchlebte der Fußballklub Höhen und Tiefen, bis er 2003 insolvent aus dem Vereinsregister gestrichen wurde. Der heutige I. SC 05 und seine Fans halten die Tradition hoch.

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Alles fing, wie damals üblich, in einer Gaststätte an: Am 30. Juni 1905 wurde im „Anker“ der „Göttinger Fußball-Club 05“ gegründet, der später als 1. SC Göttingen 05 im bundesdeutschen Fußball für Furore sorgen und zu einem regelrechten südniedersächsischen Fußball-Aushängeschild werden sollte. Das ist 115 Jahre her, und auch wenn der 1. SC 05 2003 in die Insolvenz ging, ist Schwarz-Gelb immer noch fest in vielen Göttinger Fußballherzen verankert – unter anderem, weil sich der I. SC Göttingen 05, der in der Landesliga zu Hause ist, auf den Traditionsklub beruft und als sein Nachfolger versteht.

Als 1. SC 05 lief Verein allerdings erst seit 1921 auf. Nach vielen Jahren im Mittelfeld der Tabelle rückte für das Team um Außenstürmer „Knoten“ Müller 1932 der Einzug in die westdeutsche Endrunde in greifbare Nähe. Die Endspiele um die Bezirksmeisterschaft gingen zwar mit 0:3 und 1:4 gegen Borussia Fulda verloren, doch mit 3000 Zuschauern beim Heimspiel im 1926 eröffneten Stadion Maschpark, dem „alten Maschpark“, wurde ein neuer Rekord aufgestellt – die Resonanz war ein erster Fingerzeig, wohin es mit den Schwarz-Gelben gehen sollte.

Der alte Maschpark, 05-Stürmer Kalle Wasch (l.) lauert in aussichtsreicher Position.
Der "alte Maschpark", 05-Stürmer "Kalle" Wasch (l.) lauert in aussichtsreicher Position. © R
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Nach wechselhaften Jahren in der Zeit des Nationalsozialismus musste sich der 1. SC 05 nach Kriegsende auflösen und ging zunächst als Schwarz-Gelb Göttingen auf Torejagd. Es folgte ein Entscheidungsspiel um einen für Göttingen reservierten Platz in der neu geschaffenen Oberliga Niedersachsen-Süd, das mit 4:1 gegen den ewigen Lokalrivalen SVG gewonnen wurde –die Derbys gegen die Schwarz-Weißen wurden zum Göttinger Dauerbrenner.

In der zweiten Saison nach Kriegsende erklomm der Klub mit dem Aufstieg in die neu geschaffene Oberliga Nord die erste Sprosse der Erfolgsleiter. In der Aufstiegsrunde wurde ein Entscheidungsspiel gegen den punktgleichen Dritten Itzehoer SV mit 3:0 gewonnen. „05 hatte ,Musik’ in seinem Spiel und hatte, was nicht ganz unwesentlich war, auch die anfeuernde ,Begleitmusik“ von 1000 und mehr Anhängern“, berichtete die „Göttinger Presse“.

22000 Zuschauer sind gegen den HSV da

Von nun an ging es steil bergauf: Bis zu 17000 Zuschauer wollten die Erstligaspiele der 05er im sogenannten alten Maschpark sehen, Sponsoren wie der Brauereibesitzer und Vorsitzende Alfons Quatz sorgten dafür, dass der Klub flüssig ist. Sportlich gelang in der Oberliga am 15. Oktober 1950 ein Coup, als der Tabellenzweite aus Göttingen dem Spitzenreiter HSV durch ein 2:0 die Tabellenführung abnahm, und das vor 22000 Zuschauern – bis 1982, als erneut Hamburg zu Gast war, Rekordkulisse.

Der 1. SC 05 sorgt für Schlagzeilen.
Der 1. SC 05 sorgt für Schlagzeilen. ©

Der 1. SC 05 hatte Blut geleckt, und mit Fritz Rebell wurde 1951 ein Trainer verpflichtet, der wie kein anderer den Verein prägen sollte. Am Ende der Saison 52/53 gelang mit Rang fünf die beste Platzierung der Vereinsgeschichte, doch der stagnierende Zuschauerschnitt von 8000 Besuchern und der Schuldenberg von 40000 Mark drückten die Stimmung. Fritz Rebell ging, und 1958 folgte das letzte Spiel der 05er in der damaligen bundesdeutschen Fußball-„Beletage“, der Oberliga Nord.

Fritz Rebell
Fritz Rebell © R

Mit der Einführung der Bundesliga war 05 nur noch drittklassig, aber 1963 kehrte mit Rebell die Galionsfigur zurück – und der Erfolg. Zurück in der Regionalliga, wurde das Team unter anderem mit der späteren Mittelfeld-Legende „Kurtchen“ Krauß verstärkt, und 05 belegte in der ersten Saison prompt den fünften Platz. 1967 und 1968 wurde jeweils die Bundesliga-Aufstiegsrunde erreicht, Schwarz-Gelb spielte vor 75000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion gegen Hertha BSC. Doch ganz knapp reichte es nicht, und Hinberg, Dube und Co. blieb der Bundesliga-Aufstieg verwehrt.

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Es folgte als Gründungsmitglied die Ära der 2. Bundesliga Nord. Nach dem Abstieg gelang 1980 unter Trainer Helmut Latermann der Aufstieg. Mit der eingleisigen 2. Liga, verbunden mit der Drittklassigkeit ein Jahr später, war die Erfolgsgeschichte jedoch noch nicht beendet – vor allem wegen der spektakulären DFB-Pokalspiele wie der 2:4-Viertelfinalniederlage des Amateuroberligisten im Februar 1982 gegen den späteren Meister HSV. 25000 Zuschauer ließen das Jahnstadion aus allen Nähten platzen.

2001 ist das Schicksalsjahr des 1. SC 05

In den 90er-Jahren folgten Spielzeiten in der dritten und vierten Liga, und es begann der finanzielle Abstieg. 1996 konnte die Insolvenz noch abgewendet werden, und dann kam das Jahr 2001, das wie kaum ein anderes das 05-Schicksal widerspiegelt: Einerseits musste erneut die Insolvenz beantragt werden, andererseits gelang vor 7000 Zuschauern im Jahnstadion in der Relegation zur dritten Liga ein 3:0-Erfolg gegen Holstein Kiel. Aufsteiger 05 wurde wegen des Insolvenzverfahrens jedoch die Lizenz verweigert. 2003 folgte die Insolvenz, und der 1. SC 05 wurde aus dem Vereinsregister gestrichen.

Tobi Dietrich bejubelt einen Treffer von Tomasz Smolka gegen Wilhelmshaven.
Tobi Dietrich bejubelt einen Treffer von Tomasz Smolka gegen Wilhelmshaven. © Alciro Theodoro da Silva

Für die Jugendteams wurde mit dem 1. FC Göttingen 05 ein Nachfolgeverein gegründet, durch eine Fusion mit dem RSV Geismar entstand 2005 im Herrenbereich der RSV 05. Mit der Ausgründung der Herrenabteilung gibt es seit 2013 auch wieder einen I. SC 05 im Vereinsregister, allerdings mit einer römischen Eins im Namenszug. Einige alte Fans, die sich beim RSV 05 an der Benzstraße wohlgefühlt hatten, machten diesen Schritt nicht mit, andere fühlen sich unter dem neuen Dach der Tradition des 1. SC 05 verpflichtet – einer 115-jährigen Tradition.

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