10. Juli 2020 / 11:42 Uhr

Vor 121 Tagen: Dieser Fußballer schoss das letzte Tor vor der Corona-Pause

Vor 121 Tagen: Dieser Fußballer schoss das letzte Tor vor der Corona-Pause

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Hier schlug der Ball ein: Karim Benaissa lehnt an dem Pfosten, neben dem der Elfmeter einschlug, den er am 11. März für den SV Barnstorf verwandelte. Es war der letzte Treffer vor der Corona-Pause.
Hier schlug der Ball ein: Karim Benaissa lehnt an dem Pfosten, neben dem der Elfmeter einschlug, den er am 11. März für den SV Barnstorf verwandelte. Es war der letzte Treffer vor der Corona-Pause. © Boris Baschin
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Fast schon eine kleine Ewigkeit! Vor 121 Tagen fiel in der Region Gifhorn-Wolfsburg das letzte Tor in einem Fußball-Spiel. Seit Montag nun ist Training mit Kontakt wieder erlaubt, vielleicht bald auch wieder Freundschaftsspiele - und damit endlich wieder Tore. Der SPORTBUZZER blickt zurück auf den letzten, ganz besonderen Treffer, den Schützen und ein Spiel, das nicht nur deshalb außergewöhnlich war, weil es das letzte für eine gefühlte Ewigkeit war.

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Ein Spiel, das es an diesem Tag nicht geben sollte. Ein Elfer, der vielleicht keiner war. Ein Schütze, der eigentlich keine Strafstöße schießt. Ein Tor, dessen Bedeutung noch keiner kannte. Was an diesem Tag im März noch keiner wusste: Karim Benaissa hatte gerade den letzten Treffer vor der Corona-Pause geschossen. Seitdem ist kein Tor mehr auf Wolfsburger oder Gifhorner Amateur-Fußballplätzen gefallen. Drehen wir die Zeit also noch einmal um 121 Tage zurück...

Der Klub will zurück an die Spitze

Mittwoch, 11. März, 18 Uhr. Leichter Nieselregen. Es ist frisch, Barnstorfs Spartenleiter Sven Schimak hat die „dicke Jacke“ eingepackt. Für seinen SV steht in der Kreisliga Wolfsburg bei der SG Kästorf/Warmenau/Brackstedt ein wichtiges Spiel an. Der Klub will zurück an die Tabellenspitze. „Die Partie war am Wochenende zuvor abgesagt worden, wir wollten die Begegnung unbedingt schnell nachholen“, erinnert sich Schimak, denn längst war Corona ein Thema.

„Es gab schon die Befürchtung, dass die Saison abgebrochen werden könnte. Und der WSV Wendschott stand nun vor uns. Keiner wusste, wie es im Falle eines Abbruchs weitergehen würde, wie entschieden werden würde“, sagt Schimak. Und auch wenn ein möglicher Lockdown noch unwirklich schien, irgendwie hatten die Barnstorfer das Gefühl, die Zeit könnte drängen. „Schon Anfang März dachte man, wie geht es weiter? Es ging ja Schlag auf Schlag mit Restriktionen und Verboten. Deshalb dachten wir, es wäre klug zu spielen“, erinnert sich Barnstorfs Offensiv-Mann Karim Benaissa.

"Da war das Leben noch normal"

Fußball spielen. An diesem 11. März geht das noch. „Da war das Leben noch normal“, sagt der Spartenleiter. Irgendwie. Wenn auch nicht alles. „Vor dem Spiel standen die Teams im Kreis mit Abstand“, berichtet Benaissa. „Eigentlich sinnlos“, sagt der Barnstorfer im Nachhinein. Erst hält man Abstand – „und dann spielst du gegeneinander“. Trotzdem. Kumpels, die sich aus beiden Teams kennen, begrüßen sich schon nicht mehr mit Handschlag. Es gibt den Faust-Check als freundschaftliche Geste. „Wir waren sensibilisiert“, berichtet Benaissa. Denn ein Mitspieler war aus Italien zurückgekommen, wo das Virus längst wütete und befand sich sicherheitshalber in Quarantäne.

Aber in Deutschland stand das Leben noch nicht still. Auch nicht an diesem 11. März in Kästorf. Anpfiff. „Der Boden war tief“, erinnert sich Benaissa. Es ist das erste Punktspiel nach der Winterpause. Barnstorf ist klarer Favorit. „Es war kein gutes Spiel. Es ist schwer in Kästorf, der Platz ist recht eng“, berichtet Schimak.

Mehr heimischer Fußball

Kästorf gleicht schnell aus

Ibrahim Abdelkarim bringt den Favoriten dennoch in Führung, aber Ilmi Mustafa gleicht schnell für Kästorf aus. „Eigentlich ein typisches Spiel für uns. Am Anfang pennen wir etwas, kämpfen uns dann aber zurück. Weil wir einfach die Qualität haben“, berichtet Benaissa, der dann selbst für das 2:1 sorgt. Dann ist Pause.

Per Doppelschlag treffen Marco Fiorillo vom Elfmeterpunkt und erneut Abdelkarim. 4:1 für Barnstorf. Das Spiel ist längst entschieden. Die Nachspielzeit läuft. Dann ein Pfiff. Es ist ungefähr 19.45 Uhr. Vielleicht etwas später. Aber es ist nicht der Schluss- sondern ein Elfmeterpfiff. Doch war es überhaupt ein strafwürdiges Foul? „Ich bin mir nicht sicher, der Strafstoß war schon etwas glücklich für uns“, so der Spartenleiter.

Der Elferschütze ist ausgewechselt

Allerdings: Barnstorfs etatmäßiger Schütze steht da schon nicht mehr auf dem Platz. Fiorillo, der den ersten Elfer der Partie verwandelt hatte, ist ausgewechselt, hatte seinen Arbeitstag beendet. Deshalb schnappt sich Benaissa den Ball. Einmal hatte er an diesem Abend schon getroffen. „Danach habe ich aber auch zwei gute Chancen liegen gelassen“, sagt der Barnstorfer. Dann legt er sich den Ball zurecht – und trifft. „Ich verwandele relativ sicher“, so der Schütze. Wobei er das „relativ“ streichen kann. Der Ball schlägt rechts unten ein, der Torwart ist auf dem Weg ins andere Eck. Sein zwölftes Saisontor bedeutet das 5:1 für Barnstorf. Es wird der letzte Treffer auf den heimischen Plätzen bleiben. Bis zum heutigen Tag. „Ich glaube, der Schiri hat danach direkt abgepfiffen.“ Es ist 19.47 Uhr. Der SV ist wieder Spitzenreiter. Und bleibt es. „Ich hätte nie geglaubt, dass wir bis heute nicht mehr spielen können“, sagt Benaissa.

Elf Meter bis zum Tor: Der Barnstorfer Karim Benaissa verwandelte am 11. März den Strafstoß sicher. Im Hintergrund das Gehäuse, in dem es rechts unten einschlug.
Elf Meter bis zum Tor: Der Barnstorfer Karim Benaissa verwandelte am 11. März den Strafstoß sicher. Im Hintergrund das Gehäuse, in dem es rechts unten einschlug. © Roland Hermstein

Zwei Tage später ist alles vorbei

Doch nur zwei Tage später, am Freitag, den 13. März, schickt der Niedersächsische Fußball-Verband um 11.15 Uhr eine Pressemitteilung mit folgendem Inhalt ab: „Der Fußball-Spielbetrieb in Niedersachsen wird ab sofort bis einschließlich Montag, 23. März, komplett eingestellt. Dies ist das Ergebnis einer kurzfristig einberufenen Präsidiumssitzung des Niedersächsischen Fußball-Verbandes. Die Generalabsage betrifft alle NFV-Spiel- und Altersklassen im Herren-, Frauen- und Jugendbereich auf dem Feld sowie Veranstaltungsformate in der Halle.“

Es ist der Anfang vom kompletten Lockdown. „Fußball war schnell das geringste Problem, wenn man bedenkt, welche Einschränkungen es im privaten Bereich gegeben hat“, sagt Schimak.

Am Ende jubelt auch der WSV

Es folgt die vorläufige Einstellung des Trainingsbetriebs, am 27. Juni wird die Saison für Amateure in Niedersachsen dann endgültig abgebrochen. Der Quotient (Punkte durch Spiele) und nicht der Tabellenstand entscheidet, wer Meister wird. In beiden Fällen ist es Barnstorf. Aber auch Top-Verfolger WSV Wendschott, im letzten Moment wieder an der Spitze abgelöst, darf jubeln. Denn in dieser Saison hat der Kreis Wolfsburg das Aufstiegsrecht für seinen Vizemeister.

„Letztlich hat dieses Spiel in Kästorf keine Auswirkungen gehabt“, sagt Schimak. „Und ich finde gut, dass Wendschott mit hochkommt. Sie sind ja dabei, einen bombastischen Kader aufzustellen. Sie haben auch eine gute Saison gespielt. Schön, dass es uns beide erwischt hat.“

Der Lockdown ist vorerst Geschichte, Lockerungen haben stattgefunden. Zunächst durfte trainiert werden, ab kommenden Montag sind dann auch wieder Spiele erlaubt. Wann die neue Saison startet, ist aber noch nicht klar. Wenn sie dann losgeht, wird auch Benaissa wieder für den SV Barnstorf auf Torejagd gehen. Und vielleicht gelingt ihm dann ja auch der erste heimische Pflichtspiel-Treffer nach der Corona-Pause. Bei dem Gedanken muss er schmunzeln: „Ich hoffe doch, das wäre cool.“