29. September 2020 / 07:57 Uhr

Vor 30 Jahren: Letzter Spielabbruch der DDR-Oberliga hat fatale Folgen für Sachsen Leipzig

Vor 30 Jahren: Letzter Spielabbruch der DDR-Oberliga hat fatale Folgen für Sachsen Leipzig

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Spielabbruch-SachsenJena
Nachdem nicht gegebenen Ausgleich randalierten die Leutzscher Fans auf dem Dammsitz. © Uwe Pullwitt
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Der FC Sachsen Leipzig wollte sich im Spiel gegen Carl Zeiss Jena für die Bundesliga qualifizieren. Doch daraus sollte nichts werden. Erst musste Schiedsrichter Siegfried Kirschen die Partie aufgrund der tobenden Fans abbrechen und im Anschluss wurde Trainer Jimmy Hartwig nach seinem Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" und den dort getätigten Äußerungen entlassen. Das Spiel wurde mit 0:2 gewertet und der Traum von der Bundesliga war geplatzt.

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Leipzig. Vor 30 Jahren, am 29. September 1990, schrieben der FC Sachsen Leipzig und der FC Carl Zeiss Jena in der letzten Oberliga-Saison der DDR unfreiwillig Geschichte. Wegen Zuschauerausschreitungen musste das Spiel abgebrochen werden – als letztes in 41 Jahren DDR-Oberliga.

Die letzte Saison der höchsten Spielklasse der DDR. Es ging um alles oder nichts. Die ersten beiden Teams qualifizierten sich für die Bundesliga, die nächsten sechs für Liga 2. Der eben gegründete FC Sachsen Leipzig als Nachfolger der BSG Chemie war glänzend in die Saison gestartet. Die Leutzscher waren Tabellenzweiter, als Jena in den damaligen Georg-Schwarz-Sportpark kam. Die Fans waren euphorisch – sollte nun, nach der politischen Wende, endlich auch dem so lange Zeit vom DDR-Sportsystem benachteiligten Verein aus Leutzsch Gerechtigkeit widerfahren?

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Jimmy Hartwig (FC Sachsen Leipzig): 1990. Zur Galerie
Jimmy Hartwig (FC Sachsen Leipzig): 1990. ©

Die Jenaer gingen durch Karsten Klee in Führung (58.). Da hatte Schiedsrichter Siegfried Kirschen die 5500 Zuschauer längst in Rage gebracht.

Explosive Stimmung im Stadion

Man muss dazu wissen: Siegfried Kirschen und Leutzsch – da war immer Spannung seitens der Fans drin. Man sah Kirschen als typisch systemtreuen Schiri, der parteiisch pfiff. Das mag nicht stimmen, aber so wurde es gesehen. 1971 wurde Kirschen nach einem Spiel gegen Vorwärts Leipzig das Auto umgekippt, nachdem er nach Meinung der Fans Chemie verpfiffen hatte. Über die Jahre hatte sich ein regelrechter Hass auf Schiedsrichter Siegfried Kirschen unter den Fans entwickelt. Nun pfiff er ausgerechnet jenes wichtige Spiel.

„Was er an diesem Tag gepfiffen hat, war eine Frechheit. Dem Tor war klares Abseits vorausgegangen“, erinnert sich Uwe Ferl, der an diesem Tag im Mittelfeld der Leutzscher spielte. Auch Achim Steffens, damals Co-Trainer unter Jimmy Hartwig, weiß es wie heute: „Der Vorlagengeber stand glasklar im Abseits.“ In diese explosive Stimmung hinein platzte in der 83. Minute das Ausgleichstor von Dieter Kühn. Aber der Schiri hatte den Arm oben, das Tor zählte nicht.

„Es gab einen Freistoß für Sachsen Leipzig, etwa 20 bis 25 Meter vor dem Tor. Ich bin also in Richtung Strafraum, um die Mauer zu stellen“, erinnert sich Kirschen. „Doch plötzlich wurde der Freistoß ausgeführt, ohne dass ich das Spiel freigegeben hatte. Und der Ball landete im Tor. Ich musste das Tor aberkennen. Das war der Punkt, an dem einige Zuschauer ausgerastet sind.“

Abstieg bis in Amateur-Oberliga

Flankengeber Uwe Ferl sieht auch das etwas anders: „Warum musste er den Freistoß anpfeifen? Das war völlig regulär. Eine Katastrophe!“ Achim Steffens geht noch weiter: „Kirschen war einfach nur schlecht an diesem Tag. Deshalb hat es auch überall gebrodelt im Stadion“. Die Masse tobte, auch die Spieler waren sauer. Vom Dammsitz flogen Cola- und Bierdosen, der Zaun wackelte bedenklich.

„Ich habe das eine Weile beobachtet, aber die Lage beruhigte sich nicht. Das Spiel musste abgebrochen werden. Ich hätte es mir gerne erspart, aber es ging nicht anders“, sagt Kirschen. Mit Müh und Not gelangte der Unparteiische in die Kabine, wo er noch 75 Minuten lang ausharren musste. Der wütende Mob belagerte die Kabine. Am Ende waren die Reifen an Kirschens Auto zerstochen, der Lack zerkratzt. „Der Geschäftsführer des FC Sachsen hat sich umgehend entschuldigt und mich sogar nach Hause gefahren“, berichtet Kirschen. Einige Tage später stand der Wagen wieder repariert vor der Haustür.

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Ein Nachspiel gab es am Abend nach dem Spiel im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF. Dort legte Trainer Jimmy Hartwig einen legendären Auftritt hin. Er titulierte den Schiedsrichter als „kleines Schweinchen“. Es war sein letzter Auftritt als Trainer, er wurde umgehend entlassen. Die Begegnung wurde mit 0:2 gewertet und der FC Sachsen mit einer Platzsperre von einem Spiel belegt. Es kam Frank Engel als Coach, Sachsen schaffte nur die Relegation, versagte dort kläglich und sank bis in die Amateur-Oberliga.

Mit Tom Bachmann