03. November 2020 / 07:08 Uhr

Vor 30 Jahren: Leipzig-Leutzsch erlebt den schwärzesten Tag des ostdeutschen Fußballs

Vor 30 Jahren: Leipzig-Leutzsch erlebt den schwärzesten Tag des ostdeutschen Fußballs

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Insgesamt fünf Personen wurden durch die Kugeln verletzt. Mike Polley wollte sich offenbar zu einem getroffenen Freund herunterbeugen, als ihn eine Kugel direkt ins Herz traf. Der 18-Jährige starb noch direkt am Unglücksort.
Die Situation am 3. November 1990 eskalierte bereits lange vor dem Anpfiff. Die Geschehnisse rund um den Tod von Mike Polley wurden nie aufgeklärt. © Jörg ter Vehn
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Am 3. November 1990 starb Mike Polley unweit des Leipziger Alfred-Kunze-Sportparks in einer unübersichtlichen Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Hooligans. Der 18-jährige Fan des FC Berlin wurde von Kugeln der Ordnungskräfte getroffen. Er war der letzte deutsche "Fußballtote". Die Geschehnisse von damals, die nie vollständig aufgeklärt wurden, und die Erinnerung an Polley wirken bis heute nach.

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Leipzig. Die letzte Saison der DDR-Oberliga: Schicksalsserie für die Topvereine des ostdeutschen Fußballs. Himmelssturm oder Armageddon? Nur die beiden Ersten der Saison sollten in die Bundesliga aufsteigen, für Platz drei bis sechs gab es wenigstens noch bundesdeutsche Zweitklassigkeit. Für den neuen FC Sachsen begann die Serie großartig; nach Spieltag fünf belegten die Leutzscher Tabellenrang zwei. Es folgte der Spielabbruch samt 0:2-Wertung gegen Jena, die Entlassung von Trainer Jimmy Hartwig und der tiefe Sturz.

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Gerüchteküche im Vorfeld des Spiels

Nach dem 1:4 in Cottbus gab es ein 3:3 gegen Brandenburg auf neutralem Platz in Nordhausen und eine krachende 0:7-Niederlage in Dresden. Dann kam der 3. November 1990 und der FC Berlin. Hinter diesem Namen verbarg sich niemand geringeres als Serienmeister BFC Dynamo, der sich mit Stasi-Minister Erich Mielkes Sympathie ein Jahrzehnt lang durch die Republik gesiegt und dabei zehnmal den Titel in Serie geholt hatte. Als somit verhasstester Club des Ostfußballs bot sich damit auch für die Fanszene viel Konfliktpotential. Das nahmen manche gern an: In den 1980er Jahren tummelten sich beim BFC auch Horden wilder Haudraufs – heute würde man wohl Hooligans sagen.

DURCHKLICKEN: Bilder zu den Geschehnissen von damals

Am 3. November 1990 sollten im Leutzscher Alfred-Kunze-Sportpark der FC Sachsen Leipzig und der FC Berlin aufeinandertreffen. Bereits im Vorfeld war bekannt geworden, dass eine große Zahl an Hooligans anreisen würde. Zur Galerie
Am 3. November 1990 sollten im Leutzscher Alfred-Kunze-Sportpark der FC Sachsen Leipzig und der FC Berlin aufeinandertreffen. Bereits im Vorfeld war bekannt geworden, dass eine große Zahl an Hooligans anreisen würde. ©

1990 war vieles anders: Mielke war abgetreten, das Land befand sich im Umbruch, die wilde Horde war nun völlig außer Rand und Band. Die Hooligans verbreiteten Angst und Schrecken, ließen sich von nichts und niemandem bändigen. Schreckensbilder flimmerten durch die bundesdeutschen Wohnstuben, wenn die Berliner Fanszene Polizei und Ordner in Rostock und anderswo jagten, als gebe es kein Morgen. Aber auch in Leipzig war Gewalt im Fußball keine Ausnahme. Eine Hooligan-Szene gab es hier Ende der 1980er Jahre ebenfalls.

Vor dem Spiel in Leutzsch kochte auch deshalb die Gerüchteküche über: Ein Treffen von Hooligans aus der halben Republik würde es geben, die schlimmsten Vertreter der Szene hätten sich angesagt - das große Finale des Ostfußballs abseits des Rasens. Entsprechend nervös war die Polizei, die als ehemalige Lakaien der SED-Führung landesweit wenig Respekt genoss.


Gedenken immer noch lebendig

Dennoch war die Ordnungsmacht, die sich selbst im Umbruch befand, an jenem Tag nicht nur hoffnungslos unterbesetzt und schlecht ausgerüstet, sondern agierte konfus und kopflos. Anstatt die anreisenden Berliner im Gäste-Block wenigstens halbwegs unter Aufsicht zu halten, verwehrte man ihnen erst trotz gültiger Tickets den Eintritt und knüppelte sie dann sogar zurück Richtung Bahnhof. Als die Hools mit Steinen auf die Polizisten warfen, fielen Schüsse. Der 18-jährige Mike Polley erlitt einen tödlichen Treffer durch eine Polizeikugel, drei weitere Berliner wurden lebensgefährlich verletzt. Die anschließende Randale in Leipzigs Innenstadt samt Plünderungen beschlossen den Tag. Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft wurden hastig beendet, die konfusen Handlungen jenes Tages nie genau untersucht. In Folge der Ereignisse wurde auch das deutsch-deutsche Länderspiel abgesagt, das kurz darauf in Leipzig hatte stattfinden sollen.

Der FC Sachsen, der die Partie gegen die Hauptstädter 1:4 (0:1) verlor, schaffte es nicht, sich zu stabilisieren und spielte im Jahr darauf in der Amateur-Oberliga. Der FC Berlin wurde später wieder umbenannt und spielt heute wieder in einer Liga mit den Chemikern – als BFC Dynamo. Die Hools von damals sind alt geworden und konzentrieren sich auf das Spielgeschehen. Das Gedenken an Mike Polley wird lebendig gehalten mit Demos und Gedenkzügen – zuletzt 2017, als eine Gedenktafel nahe des Leutzscher Bahnhofs angebracht wurde und die Fans gemeinsam der schwärzesten Stunde der deutschen Fußballgeschichte gedachten.

Mit LVZ