07. September 2021 / 07:25 Uhr

Vor dem Saisonstart des SC DHfK Leipzig: "Das letzte Jahr hat Spuren hinterlassen"

Vor dem Saisonstart des SC DHfK Leipzig: "Das letzte Jahr hat Spuren hinterlassen"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Karsten Günther, der Geschäftsführer der SC-DHfK-Handballer, freut sich, im Präsidium der Handball-Bundesliga (HBL) wieder was anpacken zu können.
Karsten Günther, der Geschäftsführer der SC-DHfK-Handballer, freut sich, im Präsidium der Handball-Bundesliga (HBL) wieder was anpacken zu können. © Christian Modla
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Der SC DHfK Leipzig hat in der vergangenen Saison – trotz fehlender Unterstützung der Fans – seine bisher beste Saison gespielt. Jetzt wollen die Handballer einen weiteren Schritt machen und perspektivisch einen Europapokal-Platz erreichen. Auch deswegen blickt Geschäftsführer Karsten Günther im SPORTBUZZER-Interview voller Vorfreude auf die neue Saison.

Leipzig. Am Mittwoch (19.05 Uhr, Sky) beginnt für die SC-DHfK-Handballer die Bundesliga-Saison mit dem Auftritt in Erlangen, am Sonntag (16 Uhr, Sky) kommt es in der Arena Leipzig zum ersten Spitzenspiel gegen die Füchse Berlin. Im SPORTBUZZER-Interview spricht DHfK-Manager Karsten Günther (40) über seine Erwartungen und Ziele.

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SPORTBUZZER: Überwiegt bei Ihnen die Vorfreude auf die Saison – oder mischen sich viele Bedenken hinein?

Karsten Günther: Hundert Prozent die Vorfreude! Dennoch werden wir weiter auf der Hut sein, denn wir haben viele sportliche und organisatorische Herausforderungen zu meistern. Unter anderem starten wir das erste Mal seit anderthalb Jahren von Null auf Hundert durch, das wird spannend!

Das bedeutet, dass Sie plötzlich mit 5000 Zuschauern rechnen dürfen.

Genau, endlich dürfen wir wieder sagen: Kommt alle in die Halle. Die Voraussetzungen sind hervorragend: Unsere Mannschaft ist top aufgestellt und hungrig, die Füchse Berlin sind ein Top-Gegner, die Ferien sind vorbei und alle haben Zeit. Seit drei Wochen sind wir im Vollgas-Modus, plakatieren wieder die Stadt wie vor der Pandemie. Der Ticketverkauf läuft gut an und wir freuen uns darauf, dass endlich wieder richtig Feuer unters Hallendach kommt.

Die Zahl 5000 erscheint eine Menge im Vergleich zu anderen Regionen.


Die intensive Zusammenarbeit mit allen Behörden über eineinhalb Jahre zahlt sich jetzt aus, auch das Restart-Projekt mit der Universität Halle. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, nicht Richtung 5000 gehen zu dürfen. Das basiert auf einem bundesweiten Beschluss, wird gestützt von wissenschaftlichen Daten und unseren Erfahrungen aus der Vorsaison. Wir nehmen diese Pandemie weiterhin sehr ernst, doch die 3G-Regel greift, die Mehrzahl unserer Fans ist bereits geimpft und unser Hygienekonzept top. Deshalb können sich alle auf einen sicheren Arena-Besuch freuen.

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Wie haben Sie persönlich die Corona-Zeit überstanden?

Das letzte Jahr war hart und hat Spuren hinterlassen, die Pause zwischen der alten und neuen Saison war extrem kurz. Ich war elf Tage mit der Familie in Dänemark, mehr war nicht drin, das Handy dort leider zu selten aus. Ich versuche mir die Kräfte jetzt gut einzuteilen und habe mir vorgenommen, endlich wieder bisschen Sport zu treiben. Nur wenn du selbst genug Power hast, kannst du auch deinen Mitarbeitern gute Impulse geben. Unser Team in der Geschäftsstelle macht einen sensationellen Job – ich hoffe, das kriegen auch die Jungs auf der Platte wieder hin.

Wie kam es zu Ihrer Corona-Wutrede im Frühjahr? Wie waren die direkten Reaktionen?

Dass es an dem Tag so gelaufen ist, war nicht geplant. Das war die Kulmination eines dreiviertel Jahres harter Arbeit, die teilweise umsonst war. Es lagen Fakten auf dem Tisch, aber es interessierte niemanden. Stattdessen haben sich die Entscheidungsträger von Stimmungen leiten lassen. An dem Tag wurde es etwas emotionaler als gewöhnlich, die Reaktionen waren zu 99 Prozent positiv, ganz viele haben sich bei mir bedankt und auch der Dialog zur Politik wurde dadurch viel direkter und zielführender. Wenn das so bleibt, haben wir viel gewonnen. Schließlich ging es um die Sache und ich habe niemanden persönlich angegriffen.

Kurz vor dem Start äußerte Bundestrainer Alfred Gislason eine Generalkritik an der Bundesliga. Wie stehen Sie dazu?

Da habe ich null Verständnis. Klar müssen und wollen wir den Spielplan optimieren. Aber unser Olympia-Ergebnis daran festzumachen ist zu dünn. In der HBL spielt auch ein Großteil der dänischen Nationalmannschaft und die war Weltmeister und hat in Tokio Silber geholt. Wir brauchen hier eine umfassende und selbstkritische Analyse der Spiele, in allen Sportarten! Was ist denn nach der schlechtesten Medaillenbilanz bei Olympia im deutschen Sport passiert? Nichts! Wir spülen alles weich und laufen mangels Idolen Gefahr, dass der olympischen Sport immer bedeutungsloser wird. Noch wehren wir uns dagegen mit Hochglanzvermarktung, doch der Inhalt bricht zunehmend weg, denn die Sportlerinnen und Sportler haben mehrheitlich viel schlechtere Rahmenbedingungen als in anderen Ländern. Hier müssen wir dringend ansetzen, wenn wir es ernst meinen – und das deutsche Sportfördersystem mal grundsätzlich optimieren.

Warum hat es mit dem Erfolgserlebnis der Handballer in Tokio erneut nicht geklappt?

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Diese Analyse maße ich mir allein nicht an. Fakt ist: Wir hatten in den letzten fünf Jahren drei verschiedene Trainer mit drei verschiedenen Philosophien und haben keine Medaille gewonnen. Mannschaften wie Dänemark oder Frankreich arbeiten langfristiger, halten auch Rückschläge aus und sind erfolgreich. Wir Deutschen hecheln dagegen von einer Meisterschaft zur nächsten, aber das Inhaltliche hängt hinterher. Wir brauchen einen klaren Plan, Geduld und die gebündelte Kompetenz aller Trainer der Bundesliga. Mit denen muss Alfred schnellstens an einen Tisch.

Was wollen Sie als neues Mitglied des HBL-Präsidiums bewirken?

Ganz so neu bin ich nicht, zu Zweitligazeiten war ich schon mal zwei Jahre dabei. Wenn die Liga gut funktioniert und sich der Handball positiv entwickelt, können wir auch als Club erfolgreich arbeiten, deshalb freue ich mich sehr, im Präsidium wieder mit anpacken zu können. Drei Themenkomplexe liegen mir besonders am Herzen: die sichere Zuschauerrückkehr/Hygienekonzepte, die Optimierung des Spielkalenders und die Bündelung aller Ideen/Kompetenzen aus den Vereinen zur Weiterentwicklung unserer Liga.

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Die Leipziger gewinnen ihr letztes Testspiel vor dem Saisonstart gegen Melsungen. Zur Galerie
Die Leipziger gewinnen ihr letztes Testspiel vor dem Saisonstart gegen Melsungen. © Christian Modla

Ist das baldige Karriereende Ihres Kapitäns Alen Milosevic, dessen Körper mit 31 am Limit ist, ein Alarmsignal?
Das sind Hilferufe, die müssen wir ernst nehmen. Und da hat Milo noch 20 Spiele weniger als Spieler in der Champions League. Doch das Thema ist komplex, da brauchen wir den offenen Dialog von Spielern, Trainern, Managern und Funktionären. Denn die Spieler profitieren natürlich auch von vielen Partien, die bringen schließlich mehr Geld ins System. Und bei 16 möglichen Kaderplätzen hat jeder Coach genügend Wechseloptionen. Diese voll auszuschöpfen, erfordert Mut. Alle Optionen zur Regeneration voll auszuschöpfen, erfordert Investitionen. Die Anzahl der Spiele ist demnach weniger das Problem, vielmehr brauchen wir mehr lohnende Pausen im Sommer und nach internationalen Meisterschaften. Das konnten wir aber während Corona noch nicht anpacken. Da waren die Liga und der Profisport im Überlebensmodus und haben das super hinbekommen.

Wie hat „Milo“ Ihnen seine Entscheidung mitgeteilt?
Er hat sich nach dem letzten Spiel bei mir gemeldet. Ich dachte, er will die Saison auswerten. Das war eine sehr emotionale Kiste, ich war erst mal sprachlos. Gut, dass wir in der Kneipe saßen und irgendwann wieder reden mussten. Ich bin ihm dankbar, dass er so viel Verantwortungsbewusstein hat und uns rechtzeitig informiert hat. Er ist nicht nur sportlich wichtig, er ist ein Anker in der Mannschaft, der verlängerte Arm der Trainer, ein wichtiger Mann in der Kabine. Das zu kompensieren, wird eine echte Herausforderung. Aber wir werden zum Glück nicht kalt erwischt, arbeiten schon daran. Andere Profis können jetzt anfangen, in eine solche Rolle reinzuwachsen.

Wer wird mal Kapitän?
Milos Entscheidung ist zu frisch, es ist viel zu früh zu spekulieren. Kapitän ist ja nicht nur ein schöner Titel, sondern ein Menge Arbeit. Du musst dahin gehen, wo es wehtut, musst auch mal mit mir streiten im Sinne der Mannschaft.

Wie sind die SC-DHfK-Handballer sportlich aufgestellt?
Wir haben mit unserem Kader den nächsten Schritt nach vorn gemacht, uns breiter, variabler und jünger aufgestellt. Bis auf Philipp Weber konnten wir alle Leistungsträger halten und auf seiner Position hat sich Luca Witzke so gut entwickelt, dass er gemeinsam mit den Neuzugängen Lovro Jotic und Simon Ernst die Mannschaft führen kann. Mit Oskar Sunnefeldt und Sime Ivic erhalten wir zusätzliche Gefahr aus dem Rückraum, sind schwerer auszurechnen. Wichtig ist, dass die Jungs es gemeinsam angehen und von Anfang an als geschlossene Einheit auftreten.

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Sie verfügen nach dem schwierigen Jahr über den höchsten Etat aller Zeiten?
5,85 Millionen sind tatsächlich etwas mehr als vor der Pandemie. Das spricht dafür, dass unsere Sponsorenbasis intakt ist, fast alle sind an Bord geblieben, einige neue sogar dazu gestoßen. Im Etat sind aber die Zuschauer mit eingeplant. Auch dafür ist es wichtig, dass wir sportlich performen. Alle in der Stadt sollen wissen: Hier spielt die stärkste Liga der Welt, hier kracht es richtig. Ich glaube an unsere Mannschaft! Wir wollen gemeinsam hart für den Traum von Europa arbeiten und Krallen zeigen!

Wollen Sie Platz fünf und schon 2022 europäisch spielen?
Ich tue mich schwer, unser Ziel an einem Platz festzumachen, denn das liegt ja nicht nur an uns. Erstmal heißt es, Platz sechs zu bestätigen, das wird schon ein Brett. Viel wichtiger ist, dass wir uns kontinuierlich in allen Parametern verbessern, auf und neben dem Spielfeld, dann ist Erfolg und auch Platz fünf irgendwann die logische Konsequenz.

Wie lange wollen Sie als Manager noch voran gehen?
So lange alle mitziehen und dieser großartigen Club Ambitionen hat, immer besser zu werden, ist es der schönste Job der Welt, und ich bin sicher, das wird er noch ganz lange sein. Von den Spielern und Trainern über das Office bis hin zu unseren Fans und Sponsoren sind hier alle voll motiviert. Wir haben noch großes Potential, ein Haufen Ideen, Platz in der Halle und ganz viele Menschen, die wir für und mit Handball begeistern können, ganz viele Kinder die wir zum Sporttreiben inspirieren. Das macht riesigen Spaß und ich freue mich total auf diese Saison.

Tilman Kortenhaus, Stephanie Riedel, Frank Schober