29. September 2021 / 17:25 Uhr

Vor Union Berlin gegen Maccabi Haifa: SPORTBUZZER-Interview über Antisemitismus und Symbolpolitik

Vor Union Berlin gegen Maccabi Haifa: SPORTBUZZER-Interview über Antisemitismus und Symbolpolitik

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Ort der Geschichte: Über die Skulpturen rund ums Berliner Olympiastadion wird debattiert.
Ort der Geschichte: Über die Skulpturen rund ums Berliner Olympiastadion wird debattiert. © Imago
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Vor dem 2. Spieltag in der Gruppenphase der Uefa Conference League zwischen dem 1. FC Union Berlin und Maccabi Haifa (Donnerstag, 21 Uhr/TV now) spricht Michael Koblenz, Sportvorstand von Makkabi Berlin, im SPORTBUZZER-Interview über Antisemitismus, Symbolpolitik und Treffen mit Unions Präsident Dirk Zingler.

SPORTBUZZER: Herr Koblenz, was verbinden Sie mit dem Motto „Und niemals vergessen“?

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Michael Koblenz (46): Ich gehöre zu der Generation von Juden, die hier geboren sind. Meine Eltern und deren Vorfahren kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Das heißt, wir waren nicht vor Ort in den 1930er- und 40er-Jahren. Und wir wollen vor dem Spiel zwischen Union und Maccabi sicher nicht die große Antisemitismus-Keule schwingen. Aber niemals vergessen ist natürlich wichtig, damit auch die junge Generation in Deutschland lernt, Geschichte zu verstehen, um den Anfängen zu wehren.

„Und niemals vergessen“ ist auch das Motto des 1. FC Union, wenn auch in anderem Kontext. Inwiefern ist dieses Spiel eines gegen das Vergessen?

Wir wollen das gar nicht so hoch hängen. Uns Juden hier geht es ja nicht darum, allen ständig den Holocaust vor die Augen zu halten und ständig nur zu Erinnern. Für uns ist das in erster Linie ein sportliches Fest. Eine Berliner Mannschaft trifft auf eine israelische, das ist für uns natürlich spannend. Aber wir wollen daraus keine politische Komponente ableiten. Kurzzeitig stand das zur Debatte, aber wir haben uns dann dagegen entschieden.

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Am ersten Gruppenspieltag der Conference League gastiert der 1. FC Union Berlin am Donnerstagabend beim tschechischen Traditionsverein Slavia Prag und muss sich mit 1:3 geschlagen geben. Zur Galerie
Am ersten Gruppenspieltag der Conference League gastiert der 1. FC Union Berlin am Donnerstagabend beim tschechischen Traditionsverein Slavia Prag und muss sich mit 1:3 geschlagen geben. ©

Wer hatte diese Debatte denn initiiert, Makkabi Berlin, Maccabi Haifa oder Union Berlin?

Wir hatten das bei Makkabi intern diskutiert. Im Übrigen hat uns auch Union klar gesagt, dass sie so ein Spiel nicht brauchen, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Das könnten wir jeden Tag gemeinsam machen und dazu sei man auch bereit. Das fanden wir sehr sympathisch; dass Union das Spiel nicht als Aufhänger benutzen will, um plötzlich Flagge zu zeigen. Es wird noch genug Anlässe geben, gemeinsam etwas zu machen, wenn wir das Gefühl haben, dass es notwendig ist. So sind wir auch mit dem Präsidium von Union verblieben. Die Signale von Union sind da.


Wie lief der Austausch?

Ich hatte ein kurzes Meeting mit Dirk Zingler (Präsident von Union Berlin, Anm. d. Red.) und das war sehr positiv. Er war sehr interessiert an Maccabi Haifa, wollte wissen, welchen Stellenwert Fußball in Israel hat; wie man sich die Fans von Maccabi Haifa vorstellen darf. Das fand ich sympathisch und hätte ich von anderen Vereinen in der Form vielleicht nicht erwartet.

Bestehen die Kontakte zwischen Ihnen als Vertreter Makkabi Berlins und Union schon länger oder war das Haifa-Spiel nun der Auslöser?

Das war ein beidseitiges aufeinander Zugehen im Vorfeld dieses Spiels. Und Union war da sehr, sehr freundlich und offen und hat die Mitglieder von Makkabi Berlin auch zu diesem Spiel eingeladen.

Die Führungsgremien der Vereine sind sich also bewusst, dass dieses Duell vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eine besondere Note hat. Nur in den Vordergrund stellen will man es nicht. Warum nicht?

Man muss nicht jeden Anlass nutzen, um Symbolpolitik zu betreiben. Gerade hatten wir unser Jubiläum 50 Jahre Makkabi Berlin, da war auch die Politik vertreten. Da ist Geschichte natürlich Thema. Und schauen Sie: Die Basketballer von Alba spielen fast jedes Jahr gegen Maccabi Tel Aviv, auch da machen wir nicht jedes Mal ein Projekt. Wir sagen: Ja, wir wollen erinnern. Aber wir wollen auch eine positive Reputation in der Stadt haben und nicht diejenigen sein, die den Holocaust-Stempel aufgedrückt bekommen. Wir stehen für Integration, für die Aufnahme aller Nationalitäten, Religionsgemeinschaften und Hautfarben. Es gibt genug jüdische Institutionen in Berlin, die ein ausgeprägteres politisches Profil haben als wir.

Michael Koblenz, 46, ist Sportvorstand bei TuS Makkabi Berlin und verantwortet unter anderem die erste Fußballmannschaft, die in der sechstklassigen Berlin-Liga spielt.
Michael Koblenz, 46, ist Sportvorstand bei TuS Makkabi Berlin und verantwortet unter anderem die erste Fußballmannschaft, die in der sechstklassigen Berlin-Liga spielt. © Privat

Der Austragungsort, das Olympiastadion, atmet den Geist der Geschichte, erinnert sei an die Propaganda-Spiele der Nazis 1936. Der „Tagesspiegel“ hat aktuell eine Debatte um Erinnerungskultur aufgegriffen, die fragt, wie mit den Nazi-Skulpturen im Olympiapark umzugehen sei: entfernen, verhüllen, stehen lassen? Bezieht Makkabi Berlin zu solchen Fragen auch Stellung? 2015 fanden zum Beispiel die European Maccabi Games im Olympiapark statt.

Das machen wir ungern. Wir sind ein Sportverein. Ich sehe nicht die Notwendigkeit, dass sich Makkabi zu diesen Punkten positionieren muss. Dass die European Games eine politische Komponente haben, ist naheliegender, weil aus ganz Europa 3000 Sportler hierherkamen. Da braucht es dann Symbolpolitik. Da muss man Zeichen setzen, völlig klar.

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Wie viel jüdische Identität steckt noch in Ihrem Verein?

Unsere Fußballmannschaften spielen mit dem David-Stern auf dem Trikot, egal ob Moslem, Buddhist oder Christ. Dahinter verbergen sich Werte, für die wir stehen; dass wir offen sind, liberal. Was wir vermeiden: dass wir an hohen jüdischen Feiertagen trainieren oder spielen. Und gewisse Feiertage begehen wir gemeinsam mit den Mannschaften, auch mit nichtjüdischen Sportlern.

Das Jahr 2021 hat eine schöne Seite: Die Makkabi-Dachorganisation in Deutschland feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wies in einer Rede auf die lange Geschichte von 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland hin. Und dann gibt es die dunkle Seite: Im Mai gab das Bundeskriminalamt eine Statistik für das vergangene Jahr heraus, die einen Höchststand an antisemitischen Straftaten – deutschlandweit 2351 laut BKA – seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2001 zeigt. Spüren Sie auch im Sport einen zunehmenden Antisemitismus?

Unsere Sportler werden regelmäßig auf dem Platz mit antisemitischen Beschimpfungen konfrontiert – oft geht es auch gegen nichtjüdische Spieler. Immer mal wieder gibt es auch gewalttätige Anfeindungen. Dass das zunimmt, spüren wir. Unsere Mannschaften werden dafür sensibilisiert. Es gibt, gerade im Fußball, Spiele, für die wir im Vorfeld Polizeischutz anfordern. Das ist wahnsinnig traurig, aber das ist die Realität. Das Ganze gewann noch an Brisanz, als der Gaza-Konflikt im Mai war. Auch da mussten wir mit Sicherheitskräften sprechen, welche Optimierungsmöglichkeiten es gibt. Das betrifft leider alle Institutionen der jüdischen Gemeinde.

Gideon Botsch, Leiter der Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam, sagt, dass im vorigen Jahr die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen erheblich dazu beigetragen hätten, antisemitische Vorurteile zu verbreiten. Trifft das Ihr Empfinden?

Subjektiv betrachtet sehe ich das so. Das ist leider eine Entwicklung, die mit Pegida begann, von der AfD forciert wurde, und jetzt haben wir die Querdenker. Das manifestiert sich natürlich. Wenn ungestraft Dinge gesagt werden dürfen, die sich Menschen vor ein paar Jahren nie getraut hätten zu sagen, gewinnt das leider an Normalität. Hätten Sie mich vor zehn, 15 Jahren gefragt, ob ich mir als Jude nur ansatzweise Gedanken darüber machen würde, Deutschland verlassen zu wollen, hätte ich das abgetan; meine Stadt, mein Land, ich bin hier zu Hause.

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Das spielt wieder eine Rolle?

Ich kenne heute genug Leute, die sich darüber Gedanken machen, das Land zu verlassen, so wie es in Frankreich in den vergangenen Jahren im Übrigen schon stark passierte. Soweit sind wir in Deutschland noch nicht, beobachten das aber mit Argusaugen.

Unternehmen die Verbände alles, um Antisemitismus im Fußball entschieden entgegen zu treten?

Ich sag’s mal provokant, ohne jemanden angreifen zu wollen: Alle sind stark in Worten, Initiativen und Programmen, aber am Ende des Tages ist der Verein auf sich allein gestellt.

Eine letzte Frage zum Sportlichen: Fiebern Sie im direkten Duell mehr mit Union oder Namensbruder Maccabi Haifa mit?

Da klopfen zwei Herzen in meiner Brust. Wir wollen vor allem tollen Fußball sehen, darauf können wir uns alle einigen.