29. Juli 2020 / 13:40 Uhr

Vorgetäuschte Normalität: Fußball in Dresden während des Krieges

Vorgetäuschte Normalität: Fußball in Dresden während des Krieges

Christian Ruf
Dresdner Neueste Nachrichten
Finalszene aus dem Olympiastadion: Hamburgs Torwart Willy Jürissen schnappt sich den Ball vor Fritz Machate (l.) vom DSC.
Finalszene aus dem Olympiastadion: Hamburgs Torwart Willy Jürissen schnappt sich den Ball vor Fritz Machate (l.) vom DSC. © Dresdner Fußball-Museum
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Die Fußballer des Dresdner SC trafen im Zweiten Weltkrieg zweimal auf die des Luftwaffen-Sportvereins Groß Hamburg.

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Dresden. Im Herbst 1942 – als sich für das NS-Regime bereits die ersten Rückschläge eingestellt hatten – legte Luftwaffen-Oberst Fritz Laicher, Kommandeur der Flak-Artillerie in Hamburg, eine ungewöhnliche Liste an. Der sportbegeisterte Generalstabsoffizier notierte die Namen all jener Fußball-Größen, die nolens volens als Soldaten im „Luftgau XI“, der sich von Göttingen bis Dänemark erstreckte, für „Führer, Volk und Vaterland“ dienten. Laichers Liste hatte es in sich: Mehrere Nationalspieler fanden sich darauf.

Letztlich sollte der folglich aus der Taufe gehobene Luftwaffen-Sportverein Groß Hamburg (LSV) nur zwei Jahre existieren. Doch in dieser kurzen Zeit wirbelten die Luftwaffen-Kicker mit dem Adler auf der Brust den Fußball-Spielbetrieb im Dritten Reich mächtig durcheinander. Aus dem Nichts kommend deklassierte die Elf 1943/44 so gut wie jeden Gegner, ihr Torverhältnis am Saisonende betrug sagenhafte 117:13 Treffer.

Mehrfach trafen die Kicker des LSV auf die des Dresdner SC, so etwa am 17. Oktober 1943 im Halbfinale des Tschammerpokals (benannt nach dem damaligen Reichssportführer und Pokalstifter Hans von Tschammer und Osten und erstmals ausgetragen 1935). Hamburg war bei Luftangriffen Ende Juli/Anfang August („Operation Gomorrha“) schwer zerstört wurden, entsprechend schrieb das Hamburger Tageblatt im Stil der Zeit pathetisch: „25 000 Sportfreunde einer durch Bombenterror schwer getroffenen Stadt erlebten für eine kurze Weile eine gewisse Abwechslung und Ablenkung.“ Die Dresdner, die 1939/40 und 1940/41 den Tschammerpokal geholt hatten, wurden 2:1 geschlagen, beim Finale unterlag der LSV in der Adolf-Hitler-Kampfbahn in Stuttgart dem First Vienna FC 2:3 nach Verlängerung.

Sachsens Gauleiter Mutschmann stiftete einen Pokal

Der DSC war ein Jahrzehnt vor der Gründung vor der SG Dynamo das Maß aller Dinge in Fußball-Dresden. 1933, als die NSDAP an die Macht kam, war der DSC Ostsächsischer Meister, Mitteldeutscher Meister und Mitteldeutscher Pokalsieger. Die Führungsriege der Nationalsozialisten fand Gefallen an den Ballkünsten, Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann stiftete 1934 gar den Mutschmann-Pokal.

Die DSC-Elf kurz vor Anpfiff in Berlin (v.l.n.r.): Herbert Pohl, Walter Dzur, König Richard Hofmann, Heinrich Schaffer, Rudi Voigtmann, Fritz Machate, Fritz Belger, Helmut Schubert, der spätere Weltmeistertrainer Helmut Schön, Torwart Willibald Kreß und Kapitän Heinz Hempel.
Die DSC-Elf kurz vor Anpfiff in Berlin (v.l.n.r.): Herbert Pohl, Walter Dzur, "König" Richard Hofmann, Heinrich Schaffer, Rudi Voigtmann, Fritz Machate, Fritz Belger, Helmut Schubert, der spätere Weltmeistertrainer Helmut Schön, Torwart Willibald Kreß und Kapitän Heinz Hempel. © Dresdner Fußball-Museum
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In seinem Buch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ (C.H. Beck Verlag, 303 Seiten, 18 Euro), das einen Blick auf die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich wirft, hält Dietmar Süß fest, dass dieser Mutschmann-Pokal im April „vor gähnend leeren Rängen“ stattfand, „weil eben nicht die eleganten Kicker von Schalke 04, sondern eine politisch genehme, aber rumplige Auswahl aus dem Saarland aufgelaufen war“. Wie Süß zudem erklärt, fanden Spiele aus dem 1938 „heim ins Reich“ gekehrten Sudetenland in Dresden „beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt“ – Fußballfans jedenfalls lieben lokale Derbys, daran hätte auch die Werbetrommel der Partei nur wenig ändern können.

Am 18. Juni 1944 spielten LSV und DSC wieder gegeneinander. Obwohl sie erst am Morgen den Austragungsort erfahren haben, versammeln sich gut 70 000 Menschen (deren „Führer“ Fußball eher wenig abgewinnen konnte, dem aber gleichwohl klar war, welche Möglichkeiten der Sport bot, sich zu inszenieren und die Bevölkerung zu begeistern) im Berliner Olympiastadion, um eine Pause vom grausigen Kriegsalltag zu haben. Aus Angst vor Luftangriffen waren Ort und Zeitpunkt des Endspiels um die deutsche Meisterschaft lange geheim gehalten worden.

Schön: „Haben unsere ganze Verzweiflung vergessen“

Während der Partie wurde im 15-Minuten-Takt von einer Sonderleitung die Luftlage übermittelt. Niemand konnte vorab wissen, ob die Partie zu Ende gespielt werden konnte, Briten und Amerikaner flogen an sich in einer Tour Angriffe, nach der Invasion in Normandie am 6. Juni war es im Reich aber kurzzeitig etwas ruhiger – die Alliierten flogen meist andere Ziele an. Nach 90 Minuten war in Spiel dann der alte Meister auch der neue: Der Dresdner SC, der 1943 im Endspiel in Berlin mit 3:0 über den FV Saarbrücken triumphiert hatte, gewann mit 4:0 gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg. Revanche geglückt.

„Im ganzen Land, an der Front, waren die Menschen verzweifelt. Wir mussten dagegen Fußball spielen. Während des Spiels haben wir dann unsere ganze Verzweiflung vergessen“, erinnerte sich Helmut Schön, damals Stürmer für die Dresdner – und 1974 Weltmeister als Bundestrainer. Aber: „Was mir heute noch unfassbar ist, ist, dass überhaupt noch gespielt wurde.“

Bei vielen Traditions-Clubs dagegen hatte der Bombenkrieg längste tiefe Spuren hinterlassen; es mangelte an Sportanlagen, Bällen, Stiefeln, Trikots, die oftmals als Stoffspende der Wehrmacht geopfert wurden. Jedoch sollte Normalität suggeriert werden, entsprechend wurde nach außen hin lange Zuversicht verbreitet. So schrieb etwa der damalige Präsident Karl Mechlen im Dezember 1944 im Jargon der Zeit: „So schwer auch die augenblickliche Lage scheint, … so wollen wir doch den Kopf hochhalten, die Zähne zusammenbeißen und eisern durchhalten im unerschütterlichen Glauben an unser Deutschland und seinen Führer.“

In Dresden konnte lange ungestört gespielt werden

In Dresden konnte lange vergleichsweise „ungestört“ Fußball gespielt werden, die Stadt an der Elbe wurde ähnlich wie das noch weiter östlich gelegene Breslau an der Oder als „Reichsluftschutzkeller“ erachtet. Im Buch „Stürmen für Deutschland“ findet sich ein Zitat des damaligen DSC-Spielers Herbert Pohl, das da lautet: „Der General Mehnert, der war hier im Oberkommando in Dresden der führende Mann, und der hat das so gemanagt, dass wir immer schön zurückgehalten wurden, wenn es abging an die Front.“ Vom Frontdienst weitestgehend verschont, das war eine enorme Antriebsfeder, was natürlich nicht öffentlich gesagt werden durfte, denn auf „Wehrkraftzersetzung“ standen in der NS-Diktatur drakonische Strafen.

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Erst im September 1944, als per Erlass alle Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren für das NS-Regime zum Volkssturm eingezogen werden, um in dem längst verlorenen Krieg die Haut hinzuhalten, wurde der offizielle Ligabetrieb abgebrochen. Eine kurze Zwangspause von ein paar Wochen hatte es bereits 1939 gegeben, nachdem die Wehrmacht dank Hitler-Stalin-Pakt und entsprechender Rückendeckung der Sowjetunion in Polen einmarschiert war.

Ähnlich wie heute in den Zeiten der Corona-Pandemie fürchteten die Klubs die wirtschaftlichen Folgen einer Unterbrechung. „Die Vereine hatten finanzielle Verpflichtungen und alte Schulden aus der Weltwirtschaftskrise, die abgebaut werden mussten. Deshalb war es vor allem den Vereinen ein großes Anliegen, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten“, zitiert Lukas Brems den Sporthistoriker Markwart Herzog in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem Brems die Zwangspause des deutschen Fußballs von 1944 reflektiert und dabei schließlich auch versichert: „Dass sogar während des Zweiten Weltkriegs immer weitergekickt wurde, erzählt viel über das ,Spiel aus Massensuggestion’.“