03. März 2022 / 09:02 Uhr

Das Geheimnis der BSG Chemie Leipzig? „Dass es langsam geht“

Das Geheimnis der BSG Chemie Leipzig? „Dass es langsam geht“

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Vorstandsvorsitzender Frank Kühne ist von der Entwicklung des Vereins begeistert.
Vorstandsvorsitzender Frank Kühne ist von der Entwicklung des Vereins begeistert. © Christian Modla
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Seit zehn Jahren gehört Frank Kühne zum Vorstand der BSG Chemie Leipzig. In dieser Zeit schafften die Grün-Weißen den Sprung von der Bezirks- in die Regionalliga, eroberten ihre alte Heimat zurück und entwickelten Vieles neu. Im SPORTBUZZER-Interview blickt der Vorsitzende der Leutzscher zurück auf Geschafftes, Glücksmomente und neue Herausforderungen.

Leipzig. Der Weg der BSG Chemie Leipzig von 2008 bis heute war aufsehenerregend und teilweise spektakulär. Zehn Jahre davon begleitet nun Frank Kühne den Weg seiner Grün-Weißen als Vorstand – zunächst als sportlicher Leiter und wenig später als Vorstandsvorsitzender. Ein Gespräch über Geduld und Staunen, warum Abstiege manchmal auch perfekt sein können und warum ein Anruf sein schönster Moment in dieser Zeit war.

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SPORTBUZZER: Herr Kühne, von der Bezirksliga ins gesicherte Mittelfeld der Regionalliga in zehn Jahren – müssen Sie sich manchmal selbst kneifen, ob das alles wahr ist?

Frank Kühne: Das könnte man meinen. Es ist aber alles harte Arbeit, vorwiegend richtige Entscheidungen und vor allem die Mithilfe von vielen Chemie-verrückten Fans und Förderern.

Es hat sich ja nicht nur die Spielklasse verändert…

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… sondern auch alles andere. Knapp 2000 Mitglieder, 1800 Dauerkarten, riesige Infrastrukturmaßnahmen, ein aufstrebender Nachwuchs, belastbare und wachsende Strukturen, vielfältige Mitmachmöglichkeiten vom Medienteam bis zur Spieltagsorganisation, ein lebendiges Vereinsleben. Chemie ist „in“, wir ziehen junge Leute an, begeistern.

Stück für Stück wird das Gelände der BSG Chemie Leipzig modernisiert. Hier der neue Kunstrasenplatz, welcher im Oktober 2021 eingeweiht wurde.
Stück für Stück wird das Gelände der BSG Chemie Leipzig modernisiert. Hier der neue Kunstrasenplatz, welcher im Oktober 2021 eingeweiht wurde. © Christian Modla

Sicher auch eine Verpflichtung, denn Stillstand ist Rückstand.

Ja, das ist uns bewusst. Wir müssen uns weiterentwickeln, es gibt an vielen Stellen Bedarf. Aber wissen Sie, was das Geheimnis ist?

Sagen Sie es uns bitte.

Dass es langsam geht, dass es länger dauert. Wir wollen alle mitnehmen, auch wenn es das schwieriger macht, Entscheidungen zu treffen. Ein demokratischer Prozess dauert eben länger, macht es auch nicht einfacher, aber das sind ja die Lehren aus unserer Vergangenheit. Das wollen wir nicht noch einmal falsch machen.

Wie lange musste man Sie damals überreden, das Amt zu übernehmen?

Ende 2011 kam der damalige Aufsichtsrat auf mich zu, ob ich denn die Möglichkeit einer Unterstützung sehen würde. Der ehemalige Schatzmeister Siggi Klose machte dann Nägel mit Köpfen und lud mich ein, und im Januar gab es das erste Gespräch mit dem Vorstand. Ich war ja noch Trainer in Naunhof, was ich seit sechs Jahren gemacht hatte. Ich übernahm am 24. Februar die sportliche Leitung bei Chemie, musste aber in Naunhof sagen, dass ich den Posten bei meinem Lieblingsverein übernehmen würde und nicht beides zugleich machen könne. Zuerst musste ich noch die Klasse halten mit Naunhof, das war Ehrensache.

Und am 5. Oktober wurden Sie zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Was waren die größten Herausforderungen damals?

Ich war damals wie viele andere sehr enttäuscht und verärgert, dass man es zugelassen hat, dass irgendein Selbstdarsteller einen neuen Verein gründet und auch noch den Zuschlag für das Gelände des Alfred-Kunze-Sportparks und den Nachwuchs des FC Sachsen bekam. Dass man nicht den Weitblick hatte seitens Kommune und Insolvenzverwalter, das zu verhindern. Wir hatten zwei Nachwuchs-Mannschaften: eine U7 in Spielgemeinschaft mit TuS Leutzsch und eine Juniorenelf, die von den Diablos gestellt wurde. Die brauchten eher einen Sozialarbeiter als einen Trainer.


Eine eigentlich unlösbare Aufgabe?

Ich habe mich aber vom ersten Tag an auf das Wesentliche konzentriert, die sportliche und Gesamtweiterentwicklung des Vereines. Da war es egal, ob wir einen oder fünf Räume im AKS hatten. Hauptaufgabe war, dass es nur einen Verein im AKS gibt. Mir wurde damals erst bewusst, wie viele Menschen dem Leutzscher Fußball den Rücken gekehrt hatten. Das musste sich unbedingt wieder ändern.

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Aber nach gut einem Jahr kam es erst einmal zum Abstieg in die Bezirksliga.

Das Beste, was uns passieren konnte, eigentlich perfekt im Nachhinein. Somit konnten wir einen klaren Schnitt machen. Ich habe dann versucht, wieder Fußballer mit dem Chemie-Gen zu finden, die mit der typischen Chemie-Mentalität die BSG repräsentieren könnten.

Was dann mit Stefan Karau, Daniel Heinze, Benny Schmidt, Marcus Wolf, Florian Felke und anderen auch gut klappte…

Ja, und auch mit Trainer André Schönitz kam dann jemand mit Stallgeruch, der die Werte von früher verkörperte. Leidenschaft, Begeisterung, Mentalität – das mussten wir erst wieder reinkriegen. Ich habe das als Trainer mit meinen Teams auch immer gelebt, weiß, welche Kraft da drinsteckt. Viele ehemalige FC Sachsen-Nachwuchsspieler fanden das geil, jetzt mal für die Erste auflaufen zu können im AKS.

Dann begann das Fußball-Märchen mit drei Aufstiegen in vier Jahren…

Das Märchen begann eigentlich schon mit der Übernahme des AKS nach der Insolvenz der SGL. Da waren wir endlich wieder zu Hause. Da konnten wir endlich richtig loslegen. Als 2014 die Meisterelf zum 50. Jubiläum unserer Meisterschaft 1964 geschlossen im AKS auftauchte und gefeiert wurde, hat man gespürt, dass der grün-weiße Riese wieder wackelt. Da wusste ich: Wir sind wieder da. Chemie lebt. Und heute spielen wir im Mittelfeld der Regionalliga und schauen nach oben.

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Sachsenpokalfinale 2018: BSG Chemie Leipzig bezwingt den FC Oberlausitz Neugersdorf 1:0 Zur Galerie
Sachsenpokalfinale 2018: BSG Chemie Leipzig bezwingt den FC Oberlausitz Neugersdorf 1:0 © Christian Modla

Was war der schönste Moment in all diesen Jahren?

Die Aufstiege, der Pokalsieg, die DFB-Pokalspiele waren schon Wahnsinn. Aber am schönsten war der Anruf eines alten Chemikers, der begeistert war und sagte, dass Chemie wieder das ist, was es einmal war: Stolz und respektiert, fleißig und bescheiden. Da ging es mir durch und durch.

Dann muss der Job ja riesigen Spaß machen. Wie lange wollen Sie ihn noch machen?

Solange ich gebraucht werde, möchte ich aktiv an der Weiterentwicklung von Chemie mitarbeiten. Später kann ich vielleicht mal mehr repräsentieren, Ratgeber sein, denn ich muss mich auch schützen, dass nicht alles bei mir landet. Aber das Gefühl habe ich noch nicht, ich halte viel aus. Ich bin mental stark.

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