07. Mai 2021 / 12:00 Uhr

Vorstandschef Ingo Dießner zum Abschied beim Bornaer SV: „Das Positive überwog“

Vorstandschef Ingo Dießner zum Abschied beim Bornaer SV: „Das Positive überwog“

Ronny Pohle
Leipziger Volkszeitung
Ingo Dießner spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine Zeit als Vorsitzender des Bornaer SV.
Ingo Dießner spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine Zeit als Vorsitzender des Bornaer SV. © Archiv/Jens Paul Taubert/SPORTBUZZER-Montage
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Ingo Dießner spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine neun Jahre als Vorstands-Chef des BSV - mit höhen und Tiefen. Sein Nachfolger steht bereits fest: Marko Nickel übernimmt.

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Borna. Nach fast einem Jahrzehnt hört Ingo Dießner als Vorstandsvorsitzender beim Bornaer SV auf. Im SPORTBUZZER-Interview erklärt er seine Beweggründe. Zum neuen Chef des Vereins wurde Marko Nickel gewählt. Außerdem gehören Dries Mäder, Stefan Staudacher, Kevin Kutzner und Sven Nedwiedeck dem Vorstand an.

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Was sind Ihre Beweggründe für den Rückzug aus dem Vorstand des BSV, insbesondere als Präsident? Und wie war das damals, als Sie in die Bresche gesprungen sind und den Vorsitz übernommen haben?

Da gibt es eine ganze Menge zu erklären. Ich möchte in erster Linie berufliche und familiäre Grunde anführen, aber auch gesundheitliche Probleme. Die Entscheidung ist mir wirklich nicht leicht gefallen, ich habe lange überlegt. Wobei der Vorstand schon einige Zeit wusste, dass ich den Vorsitz nicht mehr machen möchte und werde. Dann kam der Vorschlag, ich könne doch in die sogenannte zweite Reihe treten und zum Beispiel Schriftführer werden. Ich habe schon registriert, dass mich die Vorstandskollegen nicht einfach so gehen lassen wollten, das hat mir schon ein bisschen geschmeichelt. Außerdem wollte ich die Jungs auch nicht im Stich lassen. Sie haben 2012 bei der Übernahme des Vereins während der Insolvenz auch keine Sekunde gezögert, für den damaligen Vorstand zu kandidieren. Und wir haben alle in den vergangenen Jahren an einem Strang gezogen und tun das auch heute noch. Allen, die eventuell hoffen, dass wir in Streit und Zank auseinander gehen, sei gesagt, dass dies nicht so ist. Kurz vor der Nominierung stellte sich dann Kevin Kutzner zu Wahl. Er ist auch schon jahrelang im BSV, ob nun als Spieler oder Trainer, zuletzt hatte er die Nachwuchsarbeit übernommen. Dass ich dann meine Kandidatur zurückzog, hat Gründe, auf die ich hier nicht eingehen möchte.

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Einen der größten Sportvereine der Region zu führen, war bestimmt nicht immer einfach. Welche Gefühle überwiegen bei Ihnen, wenn Sie zurückblicken?

Das waren so einige Höhen und Tiefen. Am Anfang, während der Insolvenz, als wir mit Unterstützung von Rechtsanwalt Bauch als Insolvenzverwalter die Planinsolvenz in nicht einmal fünf Monaten durchboxten, so den Verein retteten und wieder auf gesunde Beine stellten – diese Zeit war wie ein Dauerrausch. Wir haben viele Stunden nachts zusammengesessen, diskutiert und auch gestritten, das brachte letztlich Erfolg, an dem aber auch alle Unterstützer des Vereins Anteil hatten. Die vielen Jahre danach waren wechselhaft: Aufstiege, Abstiege, Trainer, die mitten in der Saison hinschmissen. Aber das Positive überwog. Ich freue mich zum Beispiel, dass unsere Frauenmannschaft permanent in der Landesklasse vertreten ist. Auch das Jahr der Meisterschaft werde ich nie vergessen, Erwähnenswert sind zudem die Aufstiege im Nachwuchsbereich, ich möchte da jetzt keine Mannschaft besonders hervor heben. Und natürlich habe ich gelitten, wenn die Klasse nicht gehalten werden konnte. Dieses Problem werden wir immer haben, daran sollte keiner verzweifeln. Wichtiger finde ich, dass wir in allen Altersklassen vertreten sind. Dass es leider nicht immer die höchstmögliche Spielklasse sein kann, ist nicht zu ändern. Wir sind 2012 mit der Devise angetreten, allen, die das die wollen, die Möglichkeit zu geben, Fußball zu spielen. Und das ist auch heute noch so. Ein besonders schmerzlicher Tag war der Einbruch im Witznitzer Sportobjekt, als mich Holm Haase anrief, ich seine Verzweiflung sah und das Ausmaß der Schäden. Das war bitter, auch weil ich keine Antwort auf seine Frage hatte, wie es weitergehen sollte. Die Zeit danach, die Solidarität, die wir erfahren haben, die Spenden und Hilfe, die wir bekommen haben – das war definitiv ein echter Höhepunkt der vergangenen neun Jahre. Nie vergessen werde ich auch die Geschichte des Spiels der ersten Mannschaft im April 2017, den Spielabbruch und den Shitstorm danach, gegen den Verein, aber auch gegen meine Person. Das tat weh. Der Vorwurf, der überhaupt nicht stimmt, wog schwer und und beschäftigt mich bis heute.

Gab es in Ihrer Amtszeit irgendetwas, das Sie heute anders machen würden?

Ja, manches. Als während unseres Familienurlaubs ein Anruf vom Insolvenzverwalter kam, habe ich auf den geplanten Ausflug mit der Familie verzichtet und lieber ein Schreiben an das Amtsgericht verfasst. Das würde ich nie wieder so machen, meine Familie hat in den letzten Jahren sehr viel geopfert. Streit gab es damals übrigens nicht, meine zwei Mädels haben mich immer unterstützt. Trotzdem war das nicht gut von mir. Ich wollte eben alles richtig machen, hatte ja schon von Dauerrausch während der Insolvenz erzählt. Dass ich damals einige Dinge nicht oder falsch gesehen hatte, betrachte ich im Nachhinein als einen meiner größten Fehler. Auch hätte ich mich besser auf eine Sache konzentrieren sollen, ich wollte manchmal zu viel auf einmal. Gleichzeitig Vorstand, Trainer einer Nachwuchsmannschaft und Mannschaftsleiter bei der Ersten zu sein, mich dazu noch um die Stadionhefte zu kümmern – das war einfach zu heftig. Darunter litt mitunter auch die Qualität meiner beruflichen Arbeit. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar, dass er das über die Jahre so toleriert hatte, jetzt möchte ich da auch wieder etwas zurückgeben.

Woher haben Sie die Kraft genommen, Verein, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

Schon aus der Situation heraus, in der der Verein damals steckte. Ich hatte 2006 angefangen, ich weiß noch, wie Gert Forst damals jemanden suchte, der Hallensprecher bei unseren Nachwuchsturnieren machte. Daraus wurde schnell stellvertretender Nachwuchsleiter und später Nachwuchs-Chef. Anfang November 2011 stand dann plötzlich zu später Stunde ein Spieler der ersten Mannschaft vor meiner Wohnungstür und erzählte von den finanziellen Nöten des Vereins. Natürlich war mir das nicht egal. Ich hatte ja schon eine Nachwuchsmannschaft trainiert, war mit den Steppkes durch dick und dünn gegangen, hatte mich über Siege gefreut und über Niederlagen geärgert. Für mich ist noch heute das schönste Geschenk, wenn mich Menschen, die ich früher als Kinder trainiert habe, herzlich und freundlich grüßen. Das ist irgendwie ein irres Gefühl.

Wie steht der BSV in der aktuellen Lage da, was macht Corona mit dem Verein und seinen Mannschaften? Wie wird es in zehn Jahren sein.

Das ist wirklich schwer zu sagen. Finanziell steht der Verein derzeit auf soliden Beinen. Wir haben mit der Stadt Borna eine wirklich tolle Kommunikation aufgebaut. Das Vertrauen, das 2011 fast völlig zerstört war, haben wir als Vorstand behutsam wieder hergestellt. Aber auch die Verbindung zu den anderen Vereinen ist gut. Das Gehabe von früher, nur der Fußball ist wichtig, das wollten und wollen wir nicht mehr. Auch heute spürt man manchmal Gegenwind, die Wunden von damals sind noch nicht verheilt. Wir haben in den letzten Jahren immer versucht, mit allen Vereinen und mit der Stadt Borna ehrlich und offen umzugehen. Ansonsten sollten wir immer bedenken, dass wir ein ehrenamtlich geführter Verein sind, keiner vom Vorstand bekommt irgendeinen Cent für seine Arbeit. So ist es aber natürlich auch schwierig, höhere Ziele zu verfolgen. Aus diesem Grund wäre es wichtig, dass die Vereinsarbeit auf mehr Schultern verteilt wird, das ist uns leider nicht so gelungen wie erhofft. Ein zentrales Problem war und ist auch, dass Gert Forst den Verein verlassen hat. Das riss ein riesiges Loch in der Mitgliedergewinnung bei den Kleinsten. Da muss der Vorstand versuchen, schnellstmöglich wieder jemanden zu finden, der in den Kindergärten oder Schulen aktiv wird. Das sollte der neue Vorstand weiter vorantreiben, da muss er am Ball bleiben. Und in zehn Jahren? Ich sehe mich auf der Gegentribüne im Sonnenschein sitzen und einfach nur technisch wundervollen, attraktiven Fußball genießen. Egal in welcher Altersklasse und in welcher Liga.

Bleiben Sie dem BSV in irgendeiner Form erhalten?

Ja natürlich, das ist so abgemacht. Ich möchte noch einmal betonen, dass der bisherige Vorstand gut zusammengearbeitet und jeder auf seinem Gebiet eine fantastische Arbeit geleistet hat, auch wenn es nicht immer leicht war. Ich werde weiterhin für den BSV da sein, bei administrativen Dingen, aber natürlich auch bei Fragen oder Anregungen. Ich denke, wir haben gerade zu den Verbänden und der Stadtverwaltung Borna eine gute Basis aufgebaut, die muss unbedingt erhalten bleiben. Da möchte ich mich auch in Zukunft einbringen.

Was möchten Sie dem neuen Vorstand und den Mitgliedern des BSV mit auf den Weg in die Zukunft geben?

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Dem Vorstand wüsche ich natürlich immer ein gutes Händchen bei allen Entscheidungen und kann nur weiterhin meine Hilfe anbieten. Dem Verein, aber auch den Mitgliedern wünsche ich endlich mehr Zusammengehörigkeitsgefühl. Verein bedeutet, dass alle an einem Strang ziehen, auch wenn man mal anderer Meinung ist. Weniger Kritik, vor allem nicht hinter dem Rücken. Mit anpacken, helfen. Ich erinnere mich an Mitgliederversammlungen, die wenig besucht waren. Dies zeigt schon das Kernproblem. Der Verein wird zu wenig gelebt.

Wollen Sie sonst noch irgendwas loswerden?

Ich möchte ganz besonders meinen Weggefährten der letzten Jahre im Vorstand danken, ohne deren Mitarbeit wäre das alles nicht möglich geworden. Aber auch den Helfern außerhalb des Vorstandes, die so viel von ihrer Freizeit für den Verein opfern. Namen möchte ich jetzt nicht nennen, die Liste würde den Rahmen hier sprengen. Vielen Dank für alles und bis bald auf der Gegentribüne.