01. Dezember 2020 / 10:11 Uhr

Vorwürfe gegen Chemnitzer Turn-Trainerin überschatten Deutsche Jugend-Meisterschaft

Vorwürfe gegen Chemnitzer Turn-Trainerin überschatten Deutsche Jugend-Meisterschaft

Kerstin Förster
Leipziger Volkszeitung
Turnen
Es wurde zugunsten der DJM-Starterinnen versucht, das Thema nicht in den Mittelpunkt zu rücken. © dpa
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Wie eine dunkle Wolke hing die Nachricht um die Vorwürfe gegen die Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften in der Luft. Geturnt wurde in Berkheim trotzdem, wobei es für die Mädchen des TuG Leipzig zwar zu keiner Medaille reichte, sie aber mehrere Top-Ten-Ergebnisse erzielen konnten.

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Leipzig. „Tatsächlich ein Turn-Titelkampf“, so titelte der SPORTBUZZER vor den Deutschen Jugend-Meisterschaften der besten Gerätekünstlerinnen am Wochenende in Berkheim-Esslingen. Trotz der komplizierten Vorbereitung wegen Corona waren die Leipziger TuG-Mädchen Alina Schlegel und ihre Zwillingsschwester Jessica (Altersklasse 15) Elisabeth Lübke (AK 13) sowie Lilly-Fay Doberenz (AK 12) guter Dinge und freuten sich, endlich wieder Wettkampf-Feeling spüren zu dürfen.

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Dann platzte in die Vorfreude die Nachricht über Vorwürfe gegen eine Trainerin am Bundesstützpunkt Chemnitz. Der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass Turnerinnen über Jahre von ihrer Trainerin Gabriele Frehse „psychisch gequält“ und „schikaniert“ worden sein sollen. Zu den Turnerinnen gehört auch die Weltmeisterin am Schwebebalken von 2017, Pauline Schäfer. Unter anderem ist im Artikel von Training am absoluten Limit, Schmerzen, Erniedrigung und Diätzwang die Rede. Berichte betroffener Athletinnen gab es in jüngster Zeit auch aus Großbritannien, der USA und der Schweiz.

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In der Schulsporthalle am Neckar wurde zugunsten der DJM-Starterinnen versucht, das Thema nicht in den Mittelpunkt zu rücken. Es sei eine sehr ruhige, zurückhaltende Stimmung gewesen. Doch ganz ausblenden konnte die schockierende Nachricht sicherlich niemand.

Alle Mädchen haben vollen Respekt verdient

Sie sei wie eine dunkle Wolke über allem geschwebt. „Uns hat das ziemlich betroffen gemacht“, sagte Trainerin Kerstin Schlegel, die mit ihrem Kollegen Till Schäller das TuG-Quartett betreute. Zur Sache selbst wollte sich die promovierte Sportwissenschaftlerin nicht äußern. So viel aber: „Wer nicht dabei war, kann sich kein Urteil erlauben.“ Wichtig sei jedoch, sich über die Problematik von Trainingsmethoden und Persönlichkeitsentwicklung auszutauschen, was in der Trainer- und universitären Ausbildung ohnehin mittlerweile üblich ist.

„Um langfristig erfolgreich zu sein, ist im Turnen schon in jungen Jahren ein hartes, mit hohem Umfang verbundenes Training nun mal wichtig. Es ist immer ein großer Spagat, dies kind- und entwicklungsgerecht zu gestalten“, so Kerstin Schlegel. ALLE Mädchen hätten für das, was sie täglich neben Schule und Ausbildung leisten, vollen Respekt verdient.

Vorfälle müssen genau untersucht werden

Auch wenn es für die Leipzigerinnen in Berkheim zu keiner Medaille gereicht hat, schafften die TuG-Mädchen mehrere Top-Ten-Ergebnisse. Alina Schlegel verpasste Boden-Bronze hauchdünn. Sie werden fleißig weiter für die schönste Sportart der Welt üben, wissend, dass sich im Sport nur die Besten durchsetzen werden. Die Schlegel-Zwillinge wechseln im neuen Wettkampfjahr zu den Seniorinnen und kämpfen dann mit Deutschlands Besten.

Im Erfolgsfall standen die Chemnitzer Top-Athletinnen und ihre Chefin vom Bundesstützpunkt den Medien gern Rede und Antwort. Deren internationale Medaillen zählten für den Deutschen Turner-Bund für Fördermittel und Renommee. In Leipzig war das „Feuerwerk der Turnkunst“ in der Arena willkommener Anlass, um die Vorzeigesportlerinnen zu ehren.

Umso mehr zeigte sich Joachim Dirschka, Präsident des Sächsischen Turn-Verbandes, von den negativen Schlagzeilen betroffen. „Ich bin sehr traurig darüber, weiß aber auch, dass das Turnen sehr viel Disziplin und ein hartes Training erfordert, aber ohne die Schmerzgrenze zu überschreiten. Deshalb müssen die Vorfälle genau untersucht werden“, erklärt Dirschka, der hinzufügt, dass die im Fokus stehende Trainerin keine STV-Angestellte ist.

Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund

„Solche Methoden sind ein echtes Dilemma und nicht angebracht. Aus psychologischer Sicht ist das zu verurteilen, wenn es wirklich so stattgefunden hat”, beurteilt der Leipziger Sportpsychologe Oliver Stoll. Er weiß, dass bei kompositorisch-ästhetischen Sportarten das Gewicht und die Phänomenologie eine Rolle spielen. „Figurideale gibt es. Aber das sollte eigentlich kein Problem sein.”

Die Jugendlichen können in der Tat nur selbst für sich entscheiden, ob sie ein hartes aufwendiges Programm fahren und andere Dinge zurückstellen. Das sei die Grundvoraussetzung, um für Höchstleistungen trainieren zu können, erklärt der Wissenschaftler. Zudem solle die Persönlichkeitsentwicklung, nicht die Leistungserbringung der Athleten im Vordergrund stehen.

„Trotz hohem Trainingspensum und Entbehrungen dürfen die Sportler nicht überfordert und überlastet werden“, sagt der 57-Jährige. Das kontrolliert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Problematisch ist, dass die Trainer ihre Athleten allerdings oft in Situationen manövrieren, die kontinuierlichen Leistungsabruf voraussetzen. „Eine Grunddiskussion mit dem DOSB muss her.“

Mit Stephanie Riedel