15. Oktober 2019 / 17:27 Uhr

VSM Chemie Wahren: Wiedergeburt einer Wahrener Legende

VSM Chemie Wahren: Wiedergeburt einer Wahrener Legende

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nach knapp 29 Jahren ist wieder eine Mannschaft der VSM Chemie Wahren auf dem Platz.
Nach knapp 29 Jahren ist wieder eine Mannschaft der VSM Chemie Wahren auf dem Platz. © Verein
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Ein 1973 gegründeter Fußball-Verein verschwand 1990 von der Bildfläche – und ist nun wieder aufgetaucht.

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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit spielte sich Mitte August Historisches an der Möckerner Wettinbrücke ab: Gastgeber VSM Chemie Wahren erkämpfte sich vor zwölf Zuschauern ein 1:1 gegen die Spielvereinigung 1899. VSM steht für Volkssportmannschaft. Das Besondere an der Stadtklasse-Partie: Das letzte Pflichtspiel bestritt die Wahrener Hobby-Elf offiziell vor fast 30 Jahren. Am 21. September 1990 siegte Chemie gegen die WSG Mitte mit 6:0.

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Mit der Wende verschwanden die Chemiker aus der lokalen Fußballlandschaft. Nun hat Michael Rieger, VSM-Gründungsmitglied, gute Seele und „Mutter der Mannschaft“, den Verein zusammen mit seinem Sohn Frank sowie einem weiteren Chemie-Urgestein neu gegründet. Das war alles andere als einfach. Michael Rieger spricht von einem „bürokratischen Spießrutenlauf“: Gemeinnützigkeit beantragen, Mitgliederprotokolle und Vereinssatzung anfertigen, Meldefristen beachten. „Wir mussten unsere Anträge dreimal überarbeiten, ehe uns ein Notar ins Vereinsregister eintragen konnte. Am Ende haben wir den Stichtag fast versäumt. Gott sei Dank ist das hinter uns.“ Der erste Geburtstag datiert aus dem Jahr 1973, als eine Handvoll Hobbykicker in feucht-fröhlicher Runde beschloss, in der seinerzeit neu gegründeten Volkssportliga anzutreten. Der Kern bestand aus BSG Chemie-Fans, die sich damals zu jedem Heimspiel im Alfred-Kunze-Sportpark tummelten. Mittendrin: Klempner Michael Rieger, den alle wegen seiner Rolling Stones-Liebe nur „Jagger“ riefen. Der Vereinsname und die grün-weißen Farben, eine Hommage an den großen Bruder aus Leutzsch.

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„Wenn man nur verliert, ist das frustrierend“

Die sportlichen Erfolge hielten sich in Grenzen, dafür schwärmen die Beteiligten noch heute von legendären „Spontanfeten“. Durch die Wende verlor die VSM eine seiner beiden Mannschaften. Schlimmer noch: Auch der Vereinsname verschwand. Anders als zu Gründungszeiten war die Mitgliedschaft in einem eingetragenen Verein notwendig, um am Spielbetrieb teilnehmen zu können. Die Wahrener schlossen sich deshalb der SV Victoria an. Die Integration gelang, es folgte eine Achterbahnfahrt durch Leipzigs Spielklassen. Seit 2014 spielt Victoria in der höchsten Staffel, der Stadtliga. „Doch wir hatten währenddessen immer wieder die Auferstehung der VSM Chemie Wahren im Kopf“, erzählt Michael Rieger, der noch heute eine grün-weiße BSG-Armbanduhr trägt. Seine zweite große Liebe, die Wahrener Chemie, hielt der 64-Jährige seit der Gründung mit unermüdlichem Einsatz zusammen. Seit 1973 pflegt der Leipziger ein lückenloses Archiv zu sämtlichen 985 VSM-Partien mit Spielberichten und Zahlen: Aufstellungen, Einwechslungen, Gelbe und Rote Karten, alles handgeschrieben. Dazu sammelt er Wimpel, Fahnen, kennt alle Schlachtlieder, die an die Gesänge aus dem AKS angelehnt sind. Seine persönliche Statistik: 364 Spiele, kein Pflichtspieltor. „Dafür aber zwölf Eigentore. In einem Spiel waren es sogar mal drei. Über die Mittellinie bin ich selten gekommen.“

Auch Sohn Frank wird BSG-Fan, lief für die VSM und Victoria ebenfalls als Verteidiger auf. Der Beschäftige im öffentlichen Dienst fungiert offiziell als Geschäftsführer, bezeichnet sich selbst als „Mädchen für alles“. Im Geiste seines Vaters kümmert er sich um die Organisation der neuen VSM Chemie. „Es muss auch menschlich in der Mannschaft passen. Die dritte Halbzeit nach dem Spiel ist fast wichtiger als der sportliche Aspekt. Wir unternehmen auch in der Freizeit viel zusammen“, sagt der 37-Jährige. Eine Kneipenmannschaft wollen die Chemiker aber nicht sein. „Wenn man nur verliert, ist das frustrierend. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, wieder in die Stadtliga aufzusteigen“, sagt Frank Rieger. Der Kern der Mannschaft besteht aus ehemaligen Victoria-Spielern. Dazu kommen ehemalige BSG-Spieler wie Frank Schöne. Trainiert wird die Mannschaft von Ex-Dynamo-Spieler Jürgen Welk. Die Punktspiele finden allesamt freitags statt. „Das fetzt: Man kann danach noch eine Wurst essen oder ein Bier trinken und muss nicht auf die Uhr schauen“, fasst Frank Rieger die Vorteile des freien Wochenendes zusammen. Vielleicht kommt ja sogar ein Aufeinandertreffen mit dem großen Vorbild zustande. Michael Rieger feierte seinen 60. Geburtstag im Alfred-Kunze-Sportpark, eine Wahrener Traditionself traf auf die Traditionself der BSG. Natürlich, auch das sei legendär gewesen, erinnert sich Michael Rieger. „Die Leutzscher Chemiker waren überrascht, dass wir nicht nur feiern, sondern auch Fußball spielen können.“ Maximilian König

Derzeit sucht die VSM Verstärkung: Montags wird um 19.00 Uhr am Sportplatz Wettinbrücke im Marienweg trainiert.