24. Januar 2021 / 20:52 Uhr

"Kein Bock ist keine Option": Topmotivierte Flora Kliem nimmt Paralympics ins Visier

"Kein Bock ist keine Option": Topmotivierte Flora Kliem nimmt Paralympics ins Visier

Heike Werner
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Flora Kliem ist nominiert für die Wahl zu Niedersachsens Behindertensportler des Jahres 2021.
Flora Kliem ist nominiert für die Wahl zu Niedersachsens Behindertensportler des Jahres 2021. © Martin Bargiel
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Von ihrem unfallbedingten Polytrauma an Rücken und Beinen lässt sich Flora Kliem nicht unterkriegen. Die 22-jährige Para-Bogenschützin wurde schon zweimal deutsche Meisterin. Neben Studium und Training gibt sie ihr Können und ihre Erfahrungen in Bogensport-Kursen in Reha-Kliniken weiter.

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Er sieht imposant aus, der Bogen, den Flora Kliem zu Beginn des Trainings zusammenbaut. Da wird geschraubt, gespannt und diverses Zubehör verstaut. Drei Kilogramm wiegt das Sportgerät am Ende. 18 Meter entfernt steht die Scheibe in der Vereinssporthalle, der Durchmesser des 10er-Rings beträgt gerade einmal vier Zentimeter und 12,2 Zentimeter, wenn sie draußen über 70 Meter schießt. Und Kliem trifft.

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Sie ist eine der besten Para-Bogenschützinnen Deutschlands, wurde schon zweimal Deutsche Meisterin und Dritte bei den Berlin Open im Jahr 2019. Letzteres vollkommen unerwartet, wie sie selbst immer wieder verwundert feststellt. Schließlich war es ihr erstes internationales Turnier. Im Halbfinale wurde sie noch „einfach so weggeputzt.“ Im Duell um Platz drei ging es – spannender konnte es nicht werden – bis ins Stechen. „Da standen beim entscheidenden Schuss plötzlich alle Zuschauer auf.“ Kliem behielt die Nerven.

Kandidatin zur Wahl von Niedersachsens Behindertensportler des Jahres 2021: Flora Kliem

Der Bogensport und der ASC Göttingen sind für Kliem ein Zuhause geworden. Seit ihrem Unfall im Jahr 2013, durch den sie ein Polytrauma an Rücken und Beinen erlitt und seit dem sie einen Rollstuhl nutzt, hat sich im Leben der jungen Frau so gut wie alles verändert.

Der Umzug von Berlin nach Göttingen mit 18 Jahren, die neue Schule, die sportliche Umstellung auf das Bogenschießen – Kliem hat mit dem Prozess, sich mit der Behinderung zu arrangieren, ein neues Leben begonnen. „Es war von Anfang an keine Option zu sagen, ich habe keinen Bock mehr. Nur wenn ich das Beste aus der Situation mache, kann es auch schön werden“, sagt sie.

Training würde sie nie ausfallen lassen

Der Sport und die Gemeinschaft im Verein wirken sich in vielerlei Hinsicht sehr positiv aus. Zum einen auf Kliems psychische und körperliche Stärke. „Es wird mir hier aber auch sehr leicht gemacht, mal Hilfe anzunehmen.“ Als die Beschränkungen aufgrund der COVID-19-Pandemie das Vereinstraining unmöglich machten, wurde ihr kurzerhand eine Zielscheibe in die Wohnung gestellt. „Dadurch konnte ich meine Muskulatur und die Technik erhalten, sonst hätte ich irgendwann wieder von vorn angefangen“, erklärt sie.

Nachdem Kliem 2020 ihr Abitur bestanden hat, studiert sie nun Grundschulpädagogik an der Universität Kassel. Während des ersten Semesters ausschließlich online. Dadurch hat sie nach wie vor Zeit für das Training, das sie „nie ausfallen lassen würde“, wie sie betont. Zudem betreut Flora Kliem Anfängerkurse in der Rehaklinik, was ihr unglaublich viel Spaß macht. „Es ist schön zu sehen, dass ich vor allem zu Kindern sofort einen Zugang habe“, freut sich die Bogenschützin.

Kurzvorstellung Flora Kliem

Die größte Motivation zieht Flora Kliem aus ihrer Familie und aus Freundschaften. Und ganz besonders auch aus der Erkenntnis, „dass ich alles schaffen kann“. „Ich war nach dem Unfall so weit unten, und jetzt bin ich so weit oben. In den letzten Jahren ging es nur bergauf, und es gibt noch so viel, was ich entdecken kann“, sagt sie strahlend. So ist es nicht verwunderlich, dass Flora Kliem ihr sportliches Ziel klar formuliert: „Die Paralympics 2024 in Paris wären toll.“