27. März 2021 / 09:03 Uhr

Waldemar Hartmanns Tipp für RB Leipzig: Nagelsmann genießen, „solange er da ist“

Waldemar Hartmanns Tipp für RB Leipzig: Nagelsmann genießen, „solange er da ist“

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Waldemar Hartmann
Waldemar Hartmann nimmt kein Blatt vor den Mund. © Andreas Neustadt
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Seit 2019 ist der ehemalige Fernsehmoderator Waldemar Hartmann Wahl-Leipziger. Den meisten Leuten ist wohl Rudi Völlers Wutrede im Gespräch mit ihm in Erinnerung geblieben. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 73-Jährige über die Corona-Pandemie, Löws Nachfolger und die Chance auf eine RB-Meisterschaft.

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Leipzig. Die Schweiz war ihm zu ruhig, Berlin zu laut, München auserzählt. Seit September 2019 wohnt Waldemar Hartmann mit seiner Frau Petra in der Einflugschneise zum Barfußgässchen. Seit dem 10. März ist der bekennende Leipzig-Liebhaber 73, für Blabla hat der Franke keine Zeit, sagt er. Das Gespräch über die Pandemie, Gendern, Löws Erbe, Leipzigs Chancen auf die Meisterschaft und Rudi Völlers legendäre Wutrede in Island anno 2003 findet auf einer Parkbank statt.

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SPORTBUZZER: Herr Hartmann, es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Sie sich einen Hometrainer angeschafft haben und diesen auch benutzen.

Waldemar Hartmann: Das tue ich zweimal die Woche, bevorzugt beim Fußball-Gucken. Ich wollte fünf Kilo abnehmen. Jetzt sind es nur noch neun.

Wie geht es Ihnen in Zeiten wie diesen?

Mir geht es nicht anders als allen anderen. Der Kontakt zu den Menschen fehlt, der Absacker im Barfußgässchen, der Wohlfühlfaktor. Aber meine Frau und ich leiden, wenn überhaupt, auf hohem Niveau. Wir haben keine existenziellen Nöte, wohnen wunderbar, bekochen uns, lesen viel.

Waldi
Guido Schäfer und Waldemar Hartmann beim Parkbank-Interview. © Robin Marczak

Was sagen Sie zum Pandemie-Krisenmanagement der Bundesregierung?

Erstens: Es ist immer leicht, diejenigen zu kritisieren, die Entscheidungen treffen müssen, ohne selbst in der Verantwortung zu stehen. Zweitens: Man würde die Amateurclubs beleidigen, wenn man dieses Chaos amateurhaft nennen würde. In Mainz, das gehört übrigens zu Deutschland, wurde der Impfstoff erfunden. Und wir Deutschen bringen es fertig, ausgerechnet beim einzigen Ausweg aus der Pandemie aufs Geld zu gucken, zu kleckern statt zu klotzen. Andere Länder verimpfen viel mehr Mainzer Impfstoff als wir. Europäische Solidarität hin oder her, dazu das unsägliche Schwarze-Peter-Spiel. Da greifst du dir doch an den Kopf.

Weltmeister Thomas Berthold ist zum Querdenker konvertiert. Hätten Sie sich diesen weltmännischen Typen als Aluhut-Träger und Redner bei Demos vorstellen können?

Nein, niemals. Ich kenne ihn seit über 30 Jahren, habe ihn als ehrgeizigen, intelligenten, vernünftigen Typen erlebt. Man lernt nicht aus.

Sie haben Ministerpräsident Michael Kretschmer im Wahlkampf unterstützt. Wie empfinden Sie die Nehmer-Qualitäten in der Union beim Masken-Spiel ‚Wer wird Millionär?‘

Nach Stand der Dinge haben sich drei von 245 Unionsabgeordneten an dieser Ober-Schweinerei beteiligt, nicht 20 oder 100. Diese drei sind aus allen Ämtern geflogen. Wer sich mit der Not der Menschen die Taschen vollmacht, ist das Allerletzte. Das wirft ein katastrophales Bild auf die Politik, ich warne aber vor Pauschalisierungen.

Wie stehen Sie zum Thema Gendern?

Ich habe 40 Jahren lang im Fernsehen ,liebe Zuschauer´ gesagt und keine einzige Zuschrift einer Frau bekommen, die sich ausgeschlossen gefühlt hat. Eine Minderheit hat offenbar viel Freizeit, um sich diesem Gender-Wahnsinn zu widmen.

Harte Worte, Herr Hartmann.

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Ich bin 73, die Lebenserwartung eines Mannes liegt bei 79 und ein paar Zerquetschte. Ich habe keine Zeit für Unfug. Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Meinetwegen. Drucka statt Drucker? Geht´s noch? Ich bin im Verein Deutsche Sprache Mitglied, meine Frau ist promovierte Linguistin. Hier wie da sieht man das genau so wie ich.

LVZ-Direktabnahme

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Sprache als Kündigungsgrund: Sky hat gerade den Reporter Jörg Dahlmann vor die Tür gesetzt.

Ja, weil Jörg Japan das Land der Sushis nannte. Das Netz senkte den Daumen – Rassismus! Was, bitteschön, ist daran rassistisch? Der Arbeitgeber reagierte aufs Urteil des Netzes – Rausschmiss! Oli Kahn hatte Recht, es braucht Eier. Vielleicht finden ein paar der Sky-Herren ihre an Ostern wieder.

Wer wird das gloriose Amt des Bundestrainers übernehmen? Lothar Matthäus würde es machen. Für Deutschland. Geht dieser Kelch an uns vorbei?

Lothar ist gesellschaftsfähig geworden, der könnte das. Zur Nationalmannschaft fährst du ja nicht, um das Stoppen oder den flachen Pass zu lernen. Zum DFB sind die Jungs gefahren, um in einer Wohlfühl-Oase Spaß zu haben. Die wollen und brauchen keinen Volkshochschul-Kurs in Taktik. Und unter anderem deshalb wird es der von mir hochgeschätzte Ralf Rangnick definitiv nicht.

Wer wird es denn dann?

Hansi Flick ist die logische Lösung. Er kennt den DFB, weiß, wie man eine gute Stimmung erzeugt. Flick hat die Bayern ja nicht deshalb erfolgreich gemacht, weil er 37 verschiedene taktische Systeme hat spielen lassen. Er hat diese Ansammlung aus hochb bezahlten Egomanen befriedet, beispielsweise Thomas Müller und Frau Müller glücklich gemacht. Flick hat sechs oder sieben Titel geholt, mehr geht nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir: Er wird Bundestrainer.

Und wer coacht die Bayern?

Xabi Alonso! Was glauben Sie denn, weshalb das mit Alonso und Gladbach nix geworden ist?

Weil Kalle Rummenigge bei Alonso angerufen und ihm die Flick-Nachfolge angetragen hat? Eine steile These.

Gebe ich zu, im Fußball ist alles und das Gegenteil von allem möglich.

Uli Hoeneß hat sich bei seinem RTL-Debüt für Karl-Heinz Rummenigge als DFB-Gesandten in Uefa- und Fifa-Mission stark gemacht. Im Gegenzug könnten die Bayern Flick zum DFB lassen.

Sie denken an manchen Stellen ja doch mit, Herr Schäfer. Wir sprechen uns in zwei Monaten wieder.

DURCHKLICKEN: Bilder vom 3:3 in München im Dezember 2020

Starker Punktgewinn für RB Leipzig: Die Nagelsmann-Elf kam bei Rekordmeister FC Bayern München zu einem verdienten 3:3-Unentschieden. Zur Galerie
Starker Punktgewinn für RB Leipzig: Die Nagelsmann-Elf kam bei Rekordmeister FC Bayern München zu einem verdienten 3:3-Unentschieden. ©

Wie groß sind die Leipziger Chance auf die Meisterschale?

Man muss keine Raketenwissenschaft studiert haben, um festzustellen, dass sie ihr Heimspiel gegen die Bayern gewinnen müssen. Keine einfache Situation. Das Müssen befördert die Möglichkeit des Versagens. Ich vermisse meinen Lieblingsspieler Konrad Laimer. Das ist zwar kein Brasilianer, aber ein Typ, der Leib und Seele auf dem Platz lässt. Was ist mit ihm?

Der ist verletzt. War nicht Dayot Upamecano Ihr Herzblatt?

In meinem Herzen ist für viele Fußballer Platz. Upamecano macht mich mindestens einmal pro Spiel wahnsinnig. Wenn er in einem Arroganz-Anfall mal wieder einen Bock auf der Lichtung erlegt. Grundsätzlich gilt: Gratulation an die Bayern,

Wie nehmen Sie Julian Nagelsmann wahr?

Als gottbegnadeten Trainer, dem ich auch bei Interviews gerne zuhöre.

Die halbe Welt ist hinter Nagelsmann her...

Er wird seinen Lebensabend nicht in Leipzig verbringen. Genießt ihn, solange er da ist.

Lothar Matthäus wurde just 60. Ist er der beste deutsche Fußballer aller Zeiten?

Er ist der einzige Weltfußballer, den wir haben, er war zwei Jahrzehnte Weltklasse. Mehmet Scholl hat zu mir gesagt, dass Lothar der mit Abstand beste Spieler war, den er erlebt hat. Der Wichtigste für die Mannschaft war aber Stefan Effenberg, sagte Scholli. Weil der im Bernabeu nach zwei Minuten den Roberto Carlos über die Bande gegrätscht hat und seinen Jungs gezeigt hat: heute geht auch in Madrid was!

Deutschland hat just gegen Island gespielt. Da war doch was, Herr Hartmann.

Ich erinnere mich, Herr Schäfer.

6. September 2003, 0:0 in Island, Rudi Völler flippt aus und Sie schreiben – einträgliche – TV-Geschichte.

Ich wusste, dass Rudi eine kurze Zündschnur hat. Je ruhiger ich wurde, desto narrischer wurde der Rudi. Nach zwei, drei Minuten war mir klar, dass das eine einmalige Nummer wird.

Viele große Zeitungen und Magazine haben das Interview im Wortlaut abgedruckt.

Ja, und die Bild-Zeitung hat mich Weißbier-Waldi getauft.

Sie sind im Nachgang bei der Paulaner-Brauerei vorstellig geworden.

Ja, denen musste ich auf die Sprünge helfen. Mein Werbevertrag lief dann von 2003 bis 2013. Sozusagen meine Paulaner-Rente. Danke, Rudi!