08. September 2020 / 13:56 Uhr

Walking Football: „Ins Schwitzen kommt man trotzdem“

Walking Football: „Ins Schwitzen kommt man trotzdem“

Filip Donth
Göttinger Tageblatt
Probetraining in Lenglern: Ein Fuß bleibt beim Walking Football immer am Boden.
Probetraining in Lenglern: Ein Fuß bleibt beim Walking Football immer am Boden. © Helge Schneemann
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Auch im hohen Alter noch Fußball spielen? Walking Football soll das möglich machen – Fußball im Gehen. Doch wie viel hat die Trendsportart tatsächlich noch mit dem klassischen Fußball zu tun, wenn Laufen verboten ist? Die SG Lenglern/Harste will Walking Football zukünftig bei sich etablieren.

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Laufen ist streng untersagt. Zu jedem Zeitpunkt des Spiels muss mindestens ein Fuß am Boden sein. Das ist die wichtigste Regel beim Walking Football. Zudem gilt es zu beachten: Der Ball darf maximal hüfthoch gespielt werden, es gibt kein Abseits, keinen Torwart, Grätschen und Tacklings sind verboten. Schnell hat Thomas Hellmich, Leiter des Probetrainings bei der SG Lenglern/Harste, die Regeln erklärt. Es kann – im wahrsten Sinne des Wortes – losgehen.

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Steilpässe sind kein probates Mittel

Fünf gegen Fünf auf Mini-Fußballtore, der Ball rollt. Und der erste Treffer lässt nicht lange auf sich warten. Bei grauem Himmel und Nieselregen entwickelt sich ein munteres Spiel. Schnellen Schrittes gehen die Akteure dabei über den Rasen. Der eine oder andere muss sich erst mal daran gewöhnen, nicht einfach loslaufen zu dürfen. „Einige von euch müssen wohl noch mal in die Gehschule“, scherzt einer der Spieler.

Walking Football bei der SG Lenglern/Harste

Unter der Anleitung von Thomas Hellmich erhalten die Teilnehmer einen theoretischen und praktischen Eindruck von der Trendsportart. Zur Galerie
Unter der Anleitung von Thomas Hellmich erhalten die Teilnehmer einen theoretischen und praktischen Eindruck von der Trendsportart. ©

Was ist anders im Vergleich zum klassischen Fußball, wo Laufen nicht nur erlaubt, sondern unabdingbar ist? Die Zehn auf dem Rasen müssen nach kurzer Zeit beispielsweise feststellen, dass Steilpässe kein probates Mittel sind. Auch der schnellste Geher von ihnen kommt dann nicht mehr an die Kugel ran. Auch Einzelaktionen fallen flach, so ganz ohne Tempo. Und so kommt es umso mehr auf das gemeinsame Spiel an. Auf viele kurze und präzise Pässe, um sich Stück für Stück an das gegnerische Tor heranzuspielen.

Geringeres Verletzungsrisiko

Zugegeben: Das Spiel sieht ungewohnt aus. Das finden auch einige Zuschauer auf dem Sportplatz in Lenglern. „Ästhetisch ist was anderes“, lautet ein Kommentar. Ein anderer: „Achtung, jetzt zieht er richtig an.“ Ironie wieder aus - denn Walking-Football hat große Vorteile. Nicht umsonst richtet sich die Trendsportart an die Altersgruppe über 55 Jahre. Ältere Menschen können beim Walking Football etwas für ihre Gesundheit tun und gehen dabei ein geringes Verletzungsrisiko ein.

„Es geht hier nicht um tierischen Ernst“, sagt auch Trainer Hellmich, der selbst beim Probetraining mitkickt. Er selbst hat Erfahrungen gemacht, die ihm Fußball im Gehen nahe gebracht haben: „Beim Altherren-Fußball laufen mir Spieler, die 15 Jahre jünger sind, einfach weg. Das macht dann keinen Spaß mehr. Walking-Football ist eine Möglichkeit, diesen Spaß zu behalten“, erklärt der 65-Jährige. „Ins Schwitzen kommt man trotzdem. Das ist kein Ping Pong hier“, betont der A-Lizenzinhaber und Stützpunkttrainer.

Spaß und Herausforderung

Initiator für Walking Football bei der SG Lenglern/Harste ist Thomas Streibel, Leiter der Fußballabteilung. Auch er hat für das Probetraining die Schuhe geschnürt. „Es macht Spaß, aber es ist gleichzeitig eine Herausforderung, den anderen Bewegungsablauf reinzubekommen“, sagt er. Walking Football soll ein neues Angebot für die älteren Spieler im Verein sein: „Wir haben sehr viele Altherrenspieler. Viele kommen jetzt in ein Alter, in dem sie im Spiel- und Trainingsbetrieb nicht mehr so mithalten können“, berichtet Streibel.

Der Gesundheitsaspekt steht im Vordergrund. Deshalb kooperiert der Verein auch mit dem Athleticum Junge in Göttingen: „Die Spieler sollen da eine Leistungsdiagnostik machen können, falls sie irgendwelche körperlichen Defizite haben“, so Streibel. Mit der Beteiligung beim ersten Training, zehn Spieler stehen auf dem Platz, ist der Abteilungsleiter noch nicht zufrieden. „Ich hätte mit mehr Spielern gerechnet, die Resonanz ist bislang also eher etwas enttäuschend.“ Anders gesagt: Da ist noch Luft nach oben. Einmal in der Woche soll Walking Football bei der SG Lenglern/Harste künftig angeboten werden. Die entsprechende Hallenzeit von Oktober bis April ist bereits reserviert.

Ältester Spieler ist 80 Jahre alt

Die, die gekommen sind, sind jedenfalls mit Freude dabei. Einer von ihnen ist Ulrich Töpfer, mit 80 Jahren der älteste Spieler auf dem Platz. „Ich hatte das in der Zeitung gelesen und wollte mir das mal anschauen“, sagt Töpfer, der in seinem Leben bislang nur in der Freizeit hin und wieder mal einen Ball am Fuß hatte. „Es ist sehr anstrengend. Auch die anderen sind, glaube ich, gut warm geworden.“

Das haben der klassische Fußball und Walking Football also auf jeden Fall gemein: Die Spieler kommen ordentlich ins Schwitzen. Die größte Gemeinsamkeit bleibt: Der Ball muss ins Tor – egal, ob die Spieler laufen oder gehen.

Mehr vom Sport in der Region

Von der Fifa als eigenständig anerkannt

Walking Football wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in England entwickelt. Die Sportart aus dem Mutterland des Fußballs verbreitete sich in den vergangenen Jahren immer mehr in Europa. In England und den Niederlanden gibt es jeweils einen Ligabetrieb. Die Fifa hat Walking Football zudem als eigenständige Sportart anerkannt.

In Deutschland bieten die Bundesligisten Walking Football an. In Niedersachsen war somit auch der VfL Wolfsburg der erste Verein, bei dem Fußball auch im Gehen gespielt wird. Mittlerweile sind auf der Internetseite des Niedersächsischen Fußballverbandes ein Dutzend Standorte verzeichnet, an denen Walking Football gespielt werden kann. In der Region bietet neben der SG Lenglern/Harste demnach auch der SV Rot-Weiß Ballenhausen Walking Football an.