30. Januar 2017 / 18:38 Uhr

"Wann pfeifen die Schiedsrichter wieder besser?" Schiri-Boss Fröhlich im Interview

"Wann pfeifen die Schiedsrichter wieder besser?" Schiri-Boss Fröhlich im Interview

Patrick Hoffmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Lutz-Michael Fröhlich ist Schiedsrichter-Chef der Bundesliga.
Lutz-Michael Fröhlich ist Schiedsrichter-Chef der Bundesliga. © imago
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Der Chef der Bundesliga-Schiedsrichter, Lutz Michael Fröhlich, über das schlechte Bild der Unparteiischen, grobe Patzer und Zeitstrafen für Unruhestifter.

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Herr Fröhlich, wann pfeifen die Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga wieder besser?
(lacht) Ich sag mal so: Die Schiedsrichter in der Bundesliga pfeifen schon ganz gut.

Gerade zum Ende der Hinrunde hat es allerdings viel Kritik gegeben.
Das stimmt. Aber wir haben insgesamt eine Hinrunde erlebt, in der die Schiedsrichter zwölf Spieltage lang völlig außerhalb der Kritik standen. Und dann gab es am 13. Spieltag eine Einzelsituation beim Spiel Schalke gegen Leipzig ...

... die Schwalbe von Leipzigs Timo Werner.
Das war eine Simulation, ganz klar. Diese Situation hat der Schiedsrichter falsch bewertet. Das sollte nicht passieren, aber das kann passieren. In solchen Szenen hilft ab der kommenden Saison dann ja der Videobeweis.

In der Woche danach gab es gleich den nächsten Aufreger. Bei Frankfurt gegen Hoffenheim ist dem Schiedsrichter die Partie aus den Händen geglitten.
Die Spielleitung passte nicht, das stimmt. So schwappte die mediale Welle noch höher, und dann kam wiederum eine Woche später das Spiel zwischen Dortmund und Hoffenheim mit zwei schwierigen Einzelsituationen: dem leichten Schubser von Hoffenheims Sandro Wagner auf der einen Seite und der Gelb-Roten Karte gegen Marco Reus auf der anderen Seite. Das waren drei Spieltage, die nicht ideal waren. Da gibt es Verbesserungspotenzial. Aber in der Gesamtbetrachtung war die Hinserie dennoch nicht so schlecht, wie sie allgemein bewertet wurde. Das belegen auch die Zahlen.

Welche Zahlen?
Wir haben in der gesamten Saison 2015/2016 144 klare Fehlentscheidungen gezählt. An den ersten 16 Spieltagen der Saison 2016/2017 waren es hingegen nur 44.

Der Schiedsrichter ist auch nur ein Mensch wie Trainer und Spieler. Und Menschen machen nun mal Fehler.

Was gilt als klare Fehlentscheidung?
Zum Beispiel eindeutig falsche Strafstoßentscheidung oder eindeutiger Strafstoß nicht gegeben, eindeutiges Handspiel übersehen, eindeutig fehlende Rote Karte, eindeutig falsche Abseitsentscheidungen.

44 Fehlentscheidungen an 16 Spieltagen sind erstaunlich wenig.
Ja, das ist eine Verbesserung in der Entscheidungsqualität. Aber natürlich ist jeder klare Fehler einer zu viel. Deshalb befürworten wir ja auch den Videobeweis. Denn von den 44 Fehlern bis zur Winterpause hätten durch den Videoassistenten 33 aufgeklärt werden können.

Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen geringer Fehlerquote auf der einen Seite und öffentlicher Wahrnehmung, die Schiedsrichter hätten in der Hinrunde ziemlichen Mist gepfiffen, auf der anderen?
Das ist eine gute Frage. Ich denke, das hängt mit dem Anspruch zusammen, den Fans und Vereine haben: Vom Schiedsrichter wird Perfektion verlangt. Fehler darf es da nicht geben. Erst recht nicht, wenn sie sich auf das Ergebnis auswirken. Aber der Schiedsrichter ist auch nur ein Mensch wie Trainer und Spieler. Und Menschen machen nun mal Fehler.

Deshalb soll ab der kommenden Saison die Technik helfen.
Ja, mit dem Videobeweis besteht eine Riesenchance, dass die Diskussion über wichtige Entscheidungen entschärft wird. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass es durch den Videobeweis überhaupt keine Diskussionen mehr geben wird. Da gibt es noch genügend Fälle, wo unterschiedliche Perspektiven zu Debatten führen werden.

Statt Gelbe Karten: Julian Nagelsmann plädiert für Zeitstrafen im Fußball! http://bit.ly/2iNeaDx - via Heilbronner Stimme

Geplaatst door Sportbuzzer op vrijdag 6 januari 2017

Sind denn alle Bundesliga-Schiedsrichter vom Videobeweis begeistert?
Grundsätzlich sind alle mit Begeisterung an diesem Thema dran. Und wenn man bedenkt, dass der Schiedsrichter durch den Videobeweis vor Fehlentscheidungen geschützt wird – dann ist das doch super. Für die Schiedsrichter und für den Fußball. Der Schiedsrichter bleibt für die Entscheidungsqualität verantwortlich. Aber: Der Druck, dass man mit einem Fehler ein Spiel auf eine ungerechte Bahn lenkt, ist komplett weg. Dadurch kann der Schiedsrichter die Partie noch selbstbewusster angehen.

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel beklagt, dass der Spielfluss seiner Mannschaft durch viele kleine Fouls zerstört wird. Hat er recht?
Da müsste man sich die konkreten Spielsituationen anschauen. Grundsätzlich gilt, dass die Schiedsrichter durch ihre Entscheidungen positives Spiel schützen sollen und bei destruktivem, negativem Spiel konsequent agieren sollen.

Tuchel schlägt eine Zeitstrafe für taktische Fouls und andere Unsportlichkeiten vor.
Ein interessanter Gedanke. Ich habe noch zu einer Zeit im Amateurbereich gepfiffen, als es die Zeitstrafe noch gab. Meine Erinnerung ist positiv. Die Zeitstrafe war ein probates Mittel, um Spiele zu beruhigen oder Spieler nach heftigen oder unsportlichen Fouls mal vorübergehend aus dem Spiel zu nehmen.

Das heißt, Sie können sich die Zeitstrafe im Profifußball vorstellen?
Warum nicht? Spontan würde ich Ja sagen. Aber die Entscheidung darüber liegt nicht bei uns Schiedsrichtern oder dem DFB.

In anderen Sportarten wie Basketball, Handball oder Eishockey werden Zeitstrafen auch dafür genutzt, Diskussionen mit dem Schiedsrichter zu bestrafen. Wäre das nicht auch eine Lösung für den Fußball?
In der Tat wird in anderen Sportarten weniger diskutiert und reklamiert. Vielleicht würde eine Zeitstrafe für mehr Ruhe und Entspannung auf dem Platz sorgen.

Das verdient ein Bundesliga-Schiedsrichter im Jahr!

In anderen Sportarten wie Basketball, Handball oder Eishockey werden Zeitstrafen auch dafür genutzt, Diskussionen mit dem Schiedsrichter zu bestrafen. Wäre das nicht auch eine Lösung für den Fußball?
In der Tat wird in anderen Sportarten weniger diskutiert und reklamiert. Vielleicht würde eine Zeitstrafe für mehr Ruhe und Entspannung auf dem Platz sorgen.

Dazu könnte folgender Vorschlag passen: Es darf nur noch der Mannschaftskapitän mit dem Schiedsrichter sprechen.
Auch ein interessanter Gedanke! Mit welcher Schnelligkeit und bei welch nichtigen Anlässen sich manchmal Rudel bilden und auf den Schiedsrichter eingeredet wird, das ist schon nervig.

Derzeit redet alles vom Fußballboom in China. Der englische Spitzenschiedsrichter Mark Clattenburg hat ein Angebot aus Asien erhalten. Deutsche Schiedsrichter auch?
Nein. Zumindest ist mir nichts über ein solches Angebot bekannt. Allerdings gibt es Nachfragen aus China, die Schiedsrichter vor Ort durch deutsche Fachleute weiterzubilden. Aber das konnten wir bislang nicht umsetzen, weil wir uns mit voller Personalstärke um die Schiedsrichter in Deutschland kümmern.

Ist es nicht grundsätzlich problematisch wenn sich ein Schiedsrichter durch viel Geld abwerben lässt? Stichwort: Unbestechlichkeit.
Zunächst finde ich es nicht problematisch, wenn man ein tolles Angebot bekommt und es die Lebenssituation zulässt, sich in einem anderen Nationalverband dieser Erde niederzulassen. Als Schiedsrichter muss man sich nur im Klaren darüber sein, wer sein Partner in den finanziellen Angelegenheiten ist. Das sollte immer der Verband selbst sein. Die direkte Finanzierung über Klubs oder Firmen wäre zumindest fragwürdig. Denn der Anspruch der Unparteilichkeit ist der wichtigste Wert für einen Schiedsrichter. Dieser wird durch den Verband am ehesten geschützt. Bei allem Idealismus für den Schiedsrichterjob ist es aber auch wichtig, dass die Schiedsrichter finanziell auf sicheren Beinen stehen können, auch in den Zeiten, wenn sie nicht mehr Spiel leiten können.

Wie viel verdient denn ein Bundesliga-Schiedsrichter aktuell pro Jahr?
Nach den bekannten Honorarsätzen strecken sich die Einnahmen von 120000 Euro bis 150000 Euro für den nationalen Spielbetrieb, je nach Zugehörigkeit zur Spielklassen und Status. Das klingt zunächst viel, aber ein Schiedsrichter in der Bundesliga hat annähernd die gleichen zeitlichen und körperlichen Belastungen wie ein Spieler. Er schränkt seinen beruflichen Werdegang massiv ein, bricht ihn bisweilen gar ab, um für die Schiedsrichteraufgabe auf Topniveau fit zu sein. Und: Jede ernste Verletzung bringt den Schiedsrichter aus dem Erwerb aus Spielleitungen.

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